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Jaima - ein maurisches Zelt
Die Caballeros Villanos

Im Grenzgebiet zu den Mauren ließ sich das ansonsten im
übrigen Europa des Mittelalters übliche System des Feudalismus, das
eine zunehmende Entrechtung der Bauern beinhaltete, nicht in der uns
bekannten Form anwenden. Und da der Feudalismus ja kein geplantes
System, sondern ein durch die Verhältnisse entstehendes System war,
entstanden durch die auf der iberischen Halbinsel so völlig anders
gearteten Verhältnisse in den Königreichen Portugal, León und Castilla
vom 10. bis 13. Jahrhundert Stände, von denen wir, außer in diesen
iberischen Königreichen, keine Kenntnis haben.Dazu gehören die
Caballeros Villanos, auch städtische oder braune (wegen ihrer Kleidung)
Ritter genannt. Der Begriff Ritter ist hier irreführend. Denn dieser
beinhaltet im Allgemeinen den Adelsstand. Doch Caballero Villano konnte
jeder werden, der sich im von den Mauren verlassenen Grenzgebieten
ansiedelte und vom König, dem in erster Linie die in der Reconquista
eroberten Gebiete zufielen, mit Land und Rechten ausgestattet wurde.
Diese Rechte oder fueros befreiten von den ansonsten in Europa üblichen
Fron- und Arbeitsdiensten und Abhängigkeiten zu adligen Vasallen des
Königs. Das Land des „braunen Ritters“ reicht üblicherweise aus, ihn
mit einem Pferd und Reiterwaffen auszustatten. Da die spanische
Gesellschaft übergangslos von der Antike über Völkerwanderung und
arabischer Eroberung eine städtische war, siedelten sich diese
nichtadligen Ritter in Villas, kleinen Landstädten an, die mitunter
später Stadtrechte erhielten, deshalb auch die spätmittelalterlichen
Bezeichnungen Caballeros ciudadanos oder Caballeros burgueses. Eine
dieser Villas war Castrojeriz in Kastilien:
Wir gewähren gute Rechte den
berittenen Soldaten, daß sie den Status von Adligen genießen sollen ...
und ein jeder Mann soll sein Land besiedeln ... und wenn jemand einen
Ritter von Castrogeriz, töten sollte, so soll er für ihn [eine
Entschädigung von] 500 Solidi zahlen ... die Männer von Castrogeriz
sollen keine Zölle zahlen ... Lind die Geistlichen sollen dieselben
Rechte haben wie die Ritter ... wenn ein Ritter von Castrogeriz kein
Lehen besitzt, so soll er von Waffendienst frei sein, wenn ihm nicht
der merino [ein königlicher Beamter] seinen Sold und seinen Unterhalt
zur Verfügung stellt ...
Fuero von Castrojeriz, zitiert nach Fletcher: El Cid, S. 99

Die vom König übertragenden Rechte verpflichtete die
„Dorfritter“ ihre Villa und ihr Land selbst zu verteidigen und
Kontingente (Caballería Villana) für den weiteren Eroberungskrieg zu
stellen. Die iberischen Könige verließen sich bei ihrem militärischen
Vorgehen weniger auf den Adel, sondern stellten ihre Armee auf drei
Säulen: Adel, Militärorden (Santiago, Calatrava, Templer usw.) und die
Milizen der Cabellería Villana. Gerade diese Dorfmilizen stellten sehr
disziplinierte und schnellagierende Reiterabteilungen dar, die dem
König erlaubten, auch ohne Adelsunterstützung seine Ziele
durchzusetzen. Mitunter aber waren die Caballeros villanos nichts
weiter als bewaffnete und berittene Kuh-, Schaf- oder Schweinehirten,
deren Gunst sich der König mit der Verteilung von Land und Rechten
teuer erkaufen musste, wobei dies womöglich billiger war, als bei den
raffgierigen Adelshäusern oder Ordensrittern, die sich ja wiederum auch
aus Adligen zusammensetzen. Im 11. Jahrhundert, welches wir darstellen
wollen, waren die bewaffneten Neusiedler für den König noch wichtiger,
da er noch nicht über die Ordensritter verfügen konnte, deren Entstehen
erst im Kreuzzugsbewegung ansetzte, diese „Milizen Gottes“ waren ja
bekanntlich eine Idee des Bernhard von Clairvaux. Der Gedanke,
nichtadlige und dennoch freie mittelalterliche Menschen darzustellen,
faszinierte uns. Wir beschlossen deshalb Menschen aus einer Villa im
Königreich León darzustellen.

Kulturell bewegen wir uns an der Grenze vom Früh- zum
Hochmittelalter, allerdings mit einem Fuß im Orient, denn im
Grenzgebiet zum arabischen Al-Andalus ist unsere Villa gegründet
worden. Peter Dressendörfer beschreibt dies in einem Artikel in "Terror
oder Toleranz?" folgendermaßen:
Was historische Atlanten immer
mehr oder weniger genau zeigen, sind kurzlebige Grenzlinien zwischen
oft noch kurzlebigeren Staatengebilden, nicht mehr. Mit dem Proporz der
Religionen haben sie wenig zu tun und ebenso wenig mit der
Kulturzugehörigkeit der jeweiligen Bewohner. Längst hatte sich eine Art
gemeinsamer iberischer Kultur herausgebildet, die je nach
Religionszugehörigkeit mehr lateinisch-christliche oder
arabisch-islamische Züge aufwies, die aber doch in wesentlichen Teilen
eine unteilbare iberische Regionalkultur bildete.