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Die Hochebene der großen Frauen

Ein Reisetagebuch: Vom Atlantik nach Zentralspanien und zurück


Ein Inhaltsverzeichnis findet sich am Ende des Reiseberichtes, für die Internetversion hier klicken ..., in der Druckversion die letzte Seite aufschlagen, ähem, jetzt geht es aber los:

Jede Reise ...

Jede Reise hat eine Vorgeschichte, so auch diese. Eigentlich kann ich noch gar nicht glauben, dass wir morgen bereits unterwegs sein
werden. Unterwegs sein, das heißt nicht, dass alles klappen muß. Nein, kleine Katastrophen sind einberechnet und gehören zu einer Reise wie der Knoblauch in die Sopa Castellana (der kastilischen Suppe). Nur nicht nervös werden, die Spannung genießen.
Was ist nun mit der Vorgeschichte ? Vor dieser Reise gab es zwei Abschiede und ein großes Fest. Beginnen wir mit der traurigen Sache, Abschiede sind genauso traurig wie sie unabänderlich sind, weswegen philosophisch veranlagte Menschen vorschlagen, diese stoisch hinzunehmen und nicht zu trauern. Wenn aber zwei Menschen, mit denen ich Jahre zusammengearbeitet habe, jetzt nicht mehr auf ihrem Platz sind, die Arbeit für immer verlassen haben, können die, die bleiben, schon ein wenig traurig sein. Doch mit Erleichterung, wenn auch mit Abschiedstränen, sind beide gegangen. Vor ihnen liegt der (Un-)Ruhestand. Sie werden mir fehlen.
Zu den Tränen paßt der Regen und zu unserem Fest im Freilichtmuseum von Tilleda regnete es dieses Jahr ziemlich viel. Da habe ich mir mit dem Kaiserlager 2007 - Theophanus Fest - ganz schön was angetan und ich bin mit der Bewertung lange noch nicht fertig. Viele große und kleine Katastrophen gab es und einiges schreibe ich mir auch persönlich auf den Deckel. Wenn aber unsere sehr erfolgreiche Medienarbeit vor und beim Fest dazugeführt hat, dass das Museum diesen Sommer mehr Besucher bekommt, können wir schon zufrieden sein. Schwert und Lanze sind gut eingefettet wieder in die Ecke gelegt worden, der Schild lehnt am Pfeiler des Gewölbes. Beenden wir die Vorgeschichte, nehmen wir unsere Koffer und Taschen und fahren zum Flughafen Leipzig. Über Palma de Mallorca soll es nach Porto gehen. Die Vorgeschichte ist beendet, die Reise kann beginnen:

1. Nach Porto ...

Unser Schicksal ist es, bei Flugreisen immer umsteigen zu müssen. Diesmal heißt die Umsteigestelle Palma de Mallorca und das ist, sagen wir es höflich, ein großer Bahnhof. Und nun sind wir schon über den Wolken, freuen uns auf das Abenteuer. Seltsames wird mitunter bei solchen Reisen transportiert. Eine Mitreisende bringt ihren ausgewanderten Verwandten stets auf Wunsch Thüringer Bratwürste mit. Das hatte bereits zu Komplikationen bei der Durchleuchtung und zu einem Kofferauspacken geführt. Vielleicht sind auch Bratwürste aus Thüringen gefährliche Waffen des internationalen Terrorismus, gewiß mit Flüssigsprengstoff gefüllter Naturdarm! Aber regen wir uns nicht über den vielleicht berechtigen Übereifer der Sicherheitsorgane auf. Bei uns machen die Bücher den Koffer zu schwer. Das kommt davon, wenn Bibliothekare verreisen! Mit Kind und Kegel sitzen "Die Prinzen" im Abflugbereich, die wollen auch Richtung Mallorca.
Wieder zurück ins Flugzeug. Der Flug nach Porto ist angenehm und kurz. Diesmal bekomme ich einen Fensterplatz und kann bei guter Sicht meine Augen die ganze Zeit über Spanien schweifen lassen. Leute, schaut doch besser hin: Da sind die Wälder ! Nun das dichtbesiedelte Portugal, Aufsetzen in Porto. Der Flughafen ist sehr klein und übersichtlich. Mir gefällt er. Nach einer kurzen Wartezeit erhalten wir  unser Mietauto, statt eines Clio ein Benz-A-180! Einfach ist es nicht, vom Flughafen über die Landstraße in den Norden nach Apulia zu kommen. In dem Küstenort wartet auf uns für zwei Nächte ein Hotel (das einzige Haus, das wir in Deutschland buchten, die anderen suchten wir uns selbst). Das bedeutet:: Etwas Erholung am Meer. Deshalb sitze ich jetzt in den Dünen, und Meeresrauschen spielt die Begleitmusik zu diesen Zeilen. Anscheinend hat sich die Begeisterung, am Meer zu sitzen, auf den Ozean zu schauen und Ruhe zu tun, auf Marie-Carmen vererbt. Sie sitzt etwas weiter unterhalb vom mir.
Am frühen Abend des Reisetages sind wir also hierher nach Apulia gekommen. Ein ehemaliges Fischerdorf, ein leicht ranziger Küstenort, ein leicht ländlicher Ferienort, das kann alles Apulia sein, so einfach ist das nicht zu unterscheiden. Große Hotels wie überall auf der Welt gibt es hier nicht. Unsere Unterkunft mitten im Ort scheint die Beste zu sein. Zu dem ganzen Küstenstreifen werde ich erst am Ende etwas sagen, wenn wir noch einmal hierher kommen. Überraschend (erfreulich) ist auch das Wetter, es lädt uns zur Ruhe ein. Gestern bei der Ankunft waren es noch 32°, heute höchstens 20° und es ist schon den ganzen Tag diesig. Ein idealer Tag, um am Strand spazierenzugehen und dem Meeresleben auf und an den Klippen, und davon gibt es hier eine Menge, zu beobachten. Annette und Johannes haben viel Spaß dabei. Insgesamt ist Apulia  nichts für verwöhnte Besucher.
Die würden auch nicht zu "Agostinho" gehen! Das Restaurant atmet genauso alten Charme wie der ganze Ort. Ein gutes Abendbrot haben wir uns nach Reisetag und Strandtag allemal verdient. Es gibt gegrillten Fisch ! Davon kann man sich schon am Eingang überzeugen. Dort steht ein Holzkohlengrill, der wirklich eindrucksvoll ist, zwei Meter breit und mit einer Kurbel ausgestattet. Das Kohlenfeuer wird mit einem Ventilator angefacht. Sowas brauchen wir auch auf Gut Gimritz! So schmecken nicht nur die Douraden lecker, sondern die besondere Spezialität sind gegrillte Spieße aus verschiedenen Tintenfischteilen und Gambas. Noch einmal Meeresrauschen, dann kommt der nächste Teil:

2. Auf der anderen Seite des Minho ...

Auf der anderen Seite des Minho und noch nicht in Zentralspanien liegt unser erstes Besuchsziel. Schon lange wollte ich den Monte Santa Tecla  besuchen, dieser Berg bzw. diese prähistoische Stätte befindet sich auf der anderen Seite des Minho, dem Grenzfluss zwischen Portugal und Spanien.
Von Apulia aus fahren wir also in Richtung Norden. Aber Spanien ist nicht so einfach zu erreichen, da eine Brücke gesperrt ist und wir so einen kleinen Ausflug durch das ländliche Nordportugal machen müssen. Sozusagen Autoausflug durch "Nachbars Garten" auf engen Straßen, die gerade uns durchlassen. In einem Dorf fragen wir mit "Dónde estamos?" nach dem Weg, was breites Lächeln auslöste. Aber schließlich finden wir den Minho, müssen aber bis Valença fahren, um über den Fluß zu kommen. Auf der spanischen Seite benutzen wir auch die erste brauchbare Picknickstelle (area de descanso).
Am späten Mittag erreichen wir den Monte Santa Trega, wie ihn die Galicier nennen, oberhalb der Stadt A Guarda, ein Ort hoch über Minho und Meer. Neben viel Fernsicht bietet man uns eine romanische Kapelle, einen Kreuzweg aus der Zeit des spanisch-religiösen Kitsch und eine ausgegrabene Siedlung der Castrokultur aus der Zeit von 27 v. und 14 n. Chr an. Funde sind in einem Museum gut dokumentiert. Aber auch vor Ort ist die Dokumentation mit guten Hinweisschildern (nur auf galicisch, läßt sich aber mit Spanischkenntnissen lesen) und Kennzeichnungen im Mauerbestand, die anzeigen, wo der Fundbestand aufhört und die Rekonstruktion anfängt, ausgezeichnet. Auf diese Siedlung stießen Bauarbeiter im Jahre 1913, als eine Straße den Monte Trega hinauf gebaut werden sollte. Immerhin schätzt man, dass das Castro (v. lat. castrum) im ummauerten Bereich von 700 x 300 Metern mehr als 3000 Menschen beherbergt hat. Das Innere der Siedlung bestand aus vielen Rundhütten, die aus Stein gebaut waren und vermutlich mit Stroh abgedeckt wurden. Die Häuser waren nach Familienverbänden gruppiert. Das Innere des Castros war das reinste Hüttenlabyrinth. Zwei vollständige Rekonstruktionen der Hütten machen die Ruinenanlage noch beeindruckender. Als Hausschmuck, so ist im Museum zu lesen und zu sehen, wurden mit Triskellen oder Swastikas verzierte Steinblöcke eingefügt.
Ich mag mich nun nicht an der Wertung beteiligen, ob die von Cäsar bereits erwähnten Galizier, die in den Castros wohnten, nun Kelten waren oder nicht. Bleiben wir bei dem archäologischen Begriff der Castrokultur, die lt. Wikipedia: eine eisenzeitliche Kultur der nordwestlichen Iberischen Halbinsel vom Ende der Bronzezeit (1. Jahrtausend v. Chr.) bis ins erste Jahrhundert vor Christus darstellt und in einem Gebiet, dass sich im Osten bis zum Río Cares und im Süden bis zum Duero erstreckt, vorkommt. Spätestens mit der Romanisierung war mit den Castros Schluß, und die heute im Castrogebiet gesprochenen Spachen Galicisch, Asturisch u. Portugiesisch sind lateinischer Herkunft.  Für die historisch Interessierten kann ich einen Artikel von mir bei Chronico.de anbieten, unter www.chronico.de/erleben/historie/0000450/
Alle anderen können mit uns einen einen Abend am Meer verbringen. Das kleine Hostal mit Namen "Roca Brava"* nördlich von A Guarda ist günstig und liegt da mit Blick aufs Meer. Ob man auf diesem "wilden Felsen", wie unser Hotel grob übersetzt heißt, wirklich gut schlafen kann? Zum Essen gibt es Salat und fettigen Merluza (Seehecht). Ich hätte ihn lieber gekocht gehabt. Gehen wir darüber lieber hinweg und schreiten zu:.

Valenca3. Schätze aus dem Meer

Schätze aus dem Meer haben Annette und Hannes noch am Abend geholt: Wunderbare Steine, Schnecken- und Muschelschalen und die große Schere eines sagenhaften Krebses. Angesichts dessen, dass meine Leute so das Meer lieben, frage ich mich, ob wir nicht lieber eine Galicia-Rundfahrt machen sollen. Nein, heute geht es den Minho entlang zurück nach Valença und dann weiter ... ?
Fest steht: Die Gegend um die Mündung des Minho hat sehr viel Charme und Ambiente, besonders die spanisch-galicische Seite, und alles was für einen ruhigen Urlaub gebraucht wird! Uns hat es sehr gut gefallen dort, aber wir wollten ja noch etwas weiter. Also wieder hinüber auf die portugiesische Seite: Diesmal finden wir eine Brücke noch vor der bei Valença, die es allerdings auf unserer Karte gar nicht gibt. Tatsächlich ist sie von der port. Seite auch kaum erreichbar, während von Spanien eine breite Trasse und eine neue Brücke hinübergeht, die dann in Portugal blind auf einem Kreisverkehr endet. Auf Seitenstraßen muß man dann die Hauptstraße finden. Beim ersten Versuch verpassen wir diese und finden uns prompt wieder auf der Brücke nach Spanien wieder. Zweiter Versuch klappt! Aber es ist schon grotesk!
Valença ist eine echte Überraschung. Positiv ! Wir wollten nur ein Geschäft für Marie-Carmen suchen und finden weitaus mehr: Läden mit Kesseln, Truhen aus Holz, Keramik etc., Dinge, die wir auch für das Hobby brauchen könnten, wenn wir nur einen Lastwagen dabei hätten. Als Überraschung entpuppt sich zudem die alte Festung, die um den historischen Stadtkern herum gebaut worden ist. Seit dem Unabhängigkeitskrieg im 17. Jahrhundert (Portugal gehörte seit dem wahnwitzigen Tod des Königs Sebastião, der 1578 von Portugal aus Jerusalem auf dem afrikanischen Landweg befreien wollte, zu Spanien) baute Portugal seine Grenze zu Spanien mit einem Gürtel von Festungen aus. In diesem Befestigungssystem spielte Valença eine nicht unwichtige Rolle, denn in Tuy gegenüber war eine große spanische Militärgarnision untergebracht. Alles sehr beeindruckend und einen Besuch wert. Mit sicheren Gespür entdecke ich mitten in der Stadt in einer Seitenstraße den ältesten Bestandteil der Anlage, einen römischen Meilenstein (Säule) aus den Zeiten Kaiser Claudius (1. Jhd.). Mit den Händen an der Säule legen wir den Schwur ab, 2009 anläßlich der 2000Jahresfeier der Varusschlacht das römische Reich tapfer zu verteidigen. Marie-Carmens Blick gen Himmel, "ach gott sind die wieder peinlich!", veranlaßt uns unsere "Schwursäule" zu verlassen, noch ein Foto hinüber nach Tuy zu schießen und die Reise fortzusetzen:
Noch ein Stückchen durch Portugal, und wieder weiter auf der spanischen Seite durch schöne und gebirgige Wälder mit Picknickmöglichkeit inkl. Quellwasser und Schatten. Wir sind auf den Weg nach Zentralspanien, aber in diesem Bericht wird Madrid, die Hauptstadt, und ihre Umgebung nicht vorkommen. Warum nicht Madrid ? Die Entscheidung fiel schon frühzeitig und nicht nur, um Annette den Großstadtverkehr zu ersparen. Es wäre noch viel mehr ein Stadturlaub geworden, zudem wären wir Madrid mit ein, zwei Tagen nicht gerecht geworden. Madrid ist noch einmal eine eigene Reise, für die auch nicht unbedingt ein Mietauto benötigt wird. Und was dazu kommt: Erholen kann man sich in einer Stadt wie Madrid nicht unbedingt, wichtig sind uns aber unsere Pausenmomente. Apropos Pause:
Jetzt befinden wir uns noch 180 km von Zamora entfernt auf einer Passhöhe in einem Ort names A Gudiña, der außer Bars, Tankstellen und einer Kaserne der Guarda Civil, Wohnblocks mit Stacheldraht und Betonmauer umgeben, nichts zu bieten hat. Trostloser Ort in den Bergen. Die Bedienung im Hotel: Mehr als schlampig, Preis und Zimmer aber o.k. Beim Essen der Fehltritt: Kinder und Annette haben Rinderrippen bestellt. Der Blick meiner Leute als diese riesigen und z.T. englisch gegrillten Teile ankommen, ließ mich mitleidig lächeln. Verlassen wir lieber den Schauplatz des Geschehens und begeben wir uns zu:

4. Echter Bienenhonig auf der Passhöhe

"Echter Bienenhonig" (auf Deutsch!) steht an einem "Tante-Emma-Laden" in einem Ort kurz hinter der Passhöhe (fast 1400m), das sollte uns doch eigentlich Glück bringen. Aber Annette kauft statt Honig nur Wurst, Brot und Käse, ohne dass man ihr einen Vorwurf machen kann. So kann der Tag aber nichts werden! In spanischen Hotels gibt es in den meisten Fällen kein Frühstück, so dass wir uns auf diese Weise versorgen. Auf unserer kleinen Straße neben der Autobahn, auf der sich die Laster quälen, geht es hinab nach León-Kastilien, die Trasse wird zunehmend grader und die Vegetation karger. Leider gibt es auch keine Picknickplätze mehr. So ist unsere schönste Pause jene, die wir auf der Passhöhe am Bach Pedro abhalten und unsere Füsse im eiskalten Wasser kühlen. Da hätten wir eigentlich den ganzen Tag zubringen sollen, wenn man bedenkt, wie es jetzt weitergeht:
Denn in Zamora ist ein Höllenverkehr und keine Unterkunft in Sicht. Wir denken, fahren wir halt nach Toro weiter und kehren später zum Besichtigen zurück. Es war bereits sehr heiß auf der Meseta. Genauso wie Zamora liegt auch Toro auf einer Anhöhe über dem Duero. Der herrliche Blick von der Höhe der Stadt entschädigt für alles. Tatsächlich finden wir ein schönes Hotel mit viel altkastilischen Ambiente, das "Juan II."*** befindet sich direkt an der Kathedrale, ideal! Wir empfehlen es gerne, aber für uns hat es nur für eine Nacht Platz. Pech gehabt ! Wir wollen eigentlich länger in der Gegend bleiben. So kehren wir auch Toro den Rücken und kommen nach Tordesillas. Aber auch hier brauchen wir noch einen vergeblichen Versuch und lassen schon fast den Kopf hängen, bis wir in der gastfreundlichen und komfortablen "Pozo de la Nieve" ** Aufnahme finden. Bei der großen Hitze ist eine "Schneeunterkunft" (Pozo de la Nieve=Schnee- oder Eisquelle) gar nicht das Schlechteste. Zudem liegt es nahe an der Stadtmauer. Erst kurz vor der Dämmerung trauen wir uns wieder heraus, sehen uns noch ein kleines Museum über den Vertrag von Tordesillas (direkt im alten Vertragsgebäude, dort ist auch die Touristeninformation) an und essen auf der gediegenen Plaza Mayor (Hauptplatz) reichlich und günstig zu Abend. Die Fahne von León-Kastilien, die es bereits in dieser Form seit dem 11. Jahrhundert gibt, weht am Rathaus im Wind. Da wir "Löwe und Burg" auch für unsere Mittelalterdarstellung benutzen, ist Annette sehr erstaunt, "unserer Fahne" überall zu begegnen. Das war wie nach Hause zu kommen. Aber nun wird geschlafen, wenn die Nacht auch herrlich warm ist. Ich möchte im folgenden Teil etwas über den Vertrag von Tordesillas erzählen, kaum zu glauben, aber:

5. Hier wurde einst die Welt geteilt (Isabela 15. Jhd., Juana 16. Jhd.)

Der Vertrag von Tordesillas zwischen Portugal und León-Kastilien mit Zustimmung des Papstes regelte 1494 die Aufteilung der neuen Entdeckungen der beiden Nationen. Portugal bestand auf der afrikanischen Seite (und später auf Brasilien), León-Kastilien bekam die seit 1492 im Westen entdeckte neue Welt, eine Taube auf dem Dach, die sich noch als sehr fett erweisen sollte. Die Entscheidung Portugals sicherte dagegen die bereits bekannten Gebiete und den Seeweg über das Kap der guten Hoffnung nach Indien ab. Dadurch trat also Tordesillas, einst eine wehrhafte Villa (befestigte Siedlung) am Duero, in das Licht der Weltgeschichte und wenig später noch einmal, bis der Ort auf das Provinzniveau schrumpfte, das Tordesillas heute hat. Bei dieser Vertragsunterzeichnung  kann ich bereits die erste der großen Frauen der spanischen Geschichte vorstellen, denn für León-Kastilien unterzeichnete den Vertrag Isabela die Katholische, die Königin des Landes. Ihre Heirat mit dem König von Aragón, Ferdinand, machte das heutige Königreich Spanien erst möglich. Nicht im Auftrag Spaniens fuhr Columbus nach Westen über das Meer, sondern im Auftrag des Löwen und der Burg, im Auftrag León-Kastiliens, Spanien gab es noch gar nicht. Bin ich zu kleinlich ?
Während der Palast der Vertragsunterzeichnung heute noch existiert, wir haben ihn eben besucht, ein gelbgraues klotziges Gebäude, das gut in die Landschaft paßt, steht ein anderer Palast heute nicht mehr. Dort lebte eine der traurigsten Frauenfiguren der Geschichte des Landes zu Beginn des 16. Jahrhunderts 46 Jahre lang in (selbstgewählter) Gefangenschaft: Juana la loca wird sie genannt, ich würde sie lieber Johanna die Traurige (1479 - 1555) nennen. Sie war die einzige Thronerbin der eben schon erwähnten "katholischen" Könige, Isabela von León-Kastilien und Ferdinands von Aragón, und damit die erste Königin des (ohne Portugal) vereinigten Spaniens. Viele Legenden wurden über sie verbreitet, so soll sie nach dem Tod ihres Mannes Philipp (der Schöne), ein Habsburger, jahrelang mit seinem Leichnam über die spanische Ebene gezogen sein. Quelle dieser Legenden werden in ihrem Vater Ferdinand und dem berüchtigten Kardinal Cisneros (Moriskenverfolgungen in Granada entgegen der ausgehandelten Verträge) zu suchen sein, zwei Männer, denen die weibliche Thronfolge ein Dorn im Auge war und die sie systematisch von der Macht fernhalten wollten. Sie zog sich nach Tordesillas zurück und überließ das Königreich ihrem Sohn Karl I. (von Spanien, Karl V. des Heiligen Römischen Reiches). Der Comunero-Aufstand der kastilischen Städte gegen ihren Sohn Karl I./V. hätte die Übernahme der iberischen Halbinsel unter das Joch der Habsburger noch verhindern können. 1520, ein Jahr vor der Niederlage der Comuneros im Jahre 1521, baten die Städte Johanna, die Krone wieder in ihre Hand zu nehmen. Vielleicht hätte noch ihre Mutter Isabela die Klagen der Städte berechtigt gefunden und die Macht wieder aufgenommen, die von Karl mitgebrachten Wallonen wieder entmachtet, aber Johanna war ihr Frieden in Tordesillas lieb, sie genoß ihn noch 34 Jahre lang und wurde hier beerdigt, später nach Granada überführt und an der Seite ihres Mannes bestattet. Die Städte (darunter Toledo, Segovia, Toro, Zamora, Ávila u.a.) wurden besiegt und Karl wurde ein Kaiser, in dessen Reich die Sonne nie unterging und dessen Landsknechte Rom plündern konnten. Hörte Johanna in ihrem León-Kastilien davon ? Hätte sie lieber den Städten ein "Ja" sagen sollen? Wären die Granden des Landes ihr und dem Anführer Juan Bravo von Segovia trotzdem entgegen gezogen ? Hätte sie gesiegt oder hätte sie verloren und wäre unweigerlich hingerichtet worden? Hätte sie "Ja" gesagt, wäre sie wahrscheinlich wirklich die "Verrückte" gewesen oder auch die "Kämpferische". Die Weltgeschichte hätte sich verändert. Oder wäre das nur ein Aufschub gewesen, bis Habsburg endgültig triumphiert hätte? Aber was heißt Habsburg ? Karl war vielleicht ein Wallone, weil dort erzogen, der in den spanischen Ländern nicht das nötige Fingerspitzengefühl zeigte. Sein Bruder Ferdinand, in einer Villa (Arévalo) León-Kastiliens erzogen, wurde später Kaiser und lebte als Castellano in Wien. Nein, Johannas "Nein" machte sie endgültig zur "Traurigen". Das Schicksal der Villas, das zu früheren Zeiten für die Könige lebenswichtig war, war ihr wahrscheinlich egal. Unberechtigt die Klagen dieser Leute.
Die wichtigste Sehenswürdigkeit in Tordesillas hängt mit Johanna eng zusammen. Der königliche Palast (mit Ursprüngen bis ins 12. Jahrhunder) bzw. später der königliche Clarissinen-Konvent von Tordesillas (v. 1363) war eine Zeitlang Grabstätte von Johanna der Traurigen. Da der Palast, in dem Johanna lebte, zerstört wurde, ist dies die einzige Erinnerung an sie. Dieselben nasridischen Handwerker, die an der Alhambra in Granada oder an Pedros Alcázar in Sevilla arbeiteten, verrichteten auch in Tordesillas ihr wunderbares Werk. Palast/Konvent ist somit, und einige Herrlichkeiten haben sich erhalten und wir bekommen sie zu sehen, ein herausragendes Beispiel der Mudéjar-Architektur (Mudéjaren=Moslems, die im christlichen Machtbereich lebten und arbeiteten) außerhalb Andalusiens und fern von Toledo. Selbstverständlich gehörten auch arabische Bäder zum Palast. Nur befinden sie sich gerade in Renovation. Unser Reiseführer, der die Öffnung für 2007 versprach, war da etwas zu optimistisch.
Am Nachmittag überfällt uns die kastilische Hitze, und wir machen lange Siesta. Im "Vertragspalast" von Tordesillas findet am Abend ein heiteres Theaterstück über den Vertrag von Tordesillas statt. Trotz gewisser Verstehprobleme amüsieren wir uns köstlich über die Parodie. Zumindest eine Hauptperson, Christoph Columbus, ist allen Zuschauern gut bekannt. Um Mitternacht gehen wir nach einem Spaziergang zurück ins Hotel. Es sind noch 31°.

6. Zum Gottesdienst (Urraka 11. Jhd.)

Zum Gottesdienst am Sonntag kommen wir rechtzeitig nach St. Pedro de la Nave in der Nähe von Zamora, einer reichornamentierten Kirche aus der Westgotenzeit, spätes 7. Jahrhundert, hier findet die westgotische Architektur ihre vollkommene Harmonie (Palol/Ripoll). Bis auf die durchbrochenen Steinfenster, zerstört oder im Museum (?), scheint alles noch original erhalten zu sein. Dabei hätte die Kirche in einem Stausee verschwunden sein müssen, ist aber von den Einwohnern der Gegend Stein für Stein abgetragen und am heutigen Standort wieder aufgebaut worden. Und so kommen wir zu dem Vergnügen, in einer Kirche der Westgotenzeit Gottesdienst zu feiern. Gleich den Romanen der ausgehenden Völkerwanderungszeit, die hier zusammen mit ihrem westgotischen Landlord, der sich im 7. Jahrhundert kleidungs- und sittenmäßig von ihnen gar nicht mehr unterschied (seit dem 6. Jhd. sind die Westgoten archäologisch nicht mehr fassbar), vor 1300 Jahren an der Messe teilnahmen.  Der Pfarrer heute nimmt angesichts der durch Touristen verstärkten Gemeinde seinen Job sehr ernst, dennoch die Angelegenheit nur 40 Minuten dauert. Der heilige Geist zieht es vor, als Fledermaus über unseren Köpfen herumzufliegen. Danach kommen ich und andere zu der Gelegenheit, die Wunder, Friese, Ornamente, Kapitelle, reich skulptiert, aus der Westgotenzeit ausgiebig zu fotografieren, natürlich nur ohne Blitz.
Für Zamora ist danach nur noch wenig Zeit. Wir sehen die Kathedrale, das Haus des Cid, romanische Kirchen nur von außen, denn ab 14 Uhr herrscht Siesta-Ruhe. Dafür können wir dem ethnografischen Museum, einem neuen Prachtbau, etwas Zeit widmen. Leider darf man nicht fotografieren. Im 11. Jahrhundert belagerte hier König Sancho von León-Kastilien seinen aufständischen Bruder Alfonso und seine Schwester Urraka. Auf Seiten Sanchos stand Rodrigo Diaz de Vivar (El Cid). Bei den nun folgenden Kampfhandlungen rund um die Belagerung der Stadt und den Kämpfen zwischen leónesischen Kämpfern (Alfonso) und kastilischen (Sancho) starb Sancho. Damit begann der Aufstieg der Infanta (Prinzessin) Urraka als Beraterin ihre Bruders und graue Eminenz des Reiches. Später kolportierte Sagen von der mörderischen Schwester Urraka, die an Sanchos Tod schuld sei, lassen sich nicht durch Quellen belegen. Politisch bestimmte sie allerdings an der Seite ihres Bruders den Weg León-Kastiliens maßgeblich mit, ist verantwortlich für die Einkerkerung ihres Bruders Garcia auf der Burg Luna und setzte viele kirchenpolitische Entscheidungen durch, deren wichtigste der Wechsel in der Liturgie vom westgotisch-mozarabischen Ritus zum katholischen Ritus war. Urraka von Zamora, eine zwiespältige und mächtige Frau, ohne deren Hilfe Alfonso VI. niemals ein so wichtiger König in der Geschichte León-Kastiliens geworden wäre. Urraka, die Mächtige, müßte ihr Beiname sein, sie selbst nannte sich Königin. Alfons war ihr ergeben, seine älteste Tochter erhielt ihren Namen.
Verlassen wir die Mauern Zamoras, die den Tod König Sanchos, die Schmach des Cid und den Triumph Urrakas und ihres Günstlings Pedro Ansúrez (Anführer der leonesischen Kämpfer) gesehen hatten und fahren wir nach dem Mittagessen noch einmal in Toro vorbei. Toro bildete zusammen mit Villas wie Zamora und Tordesillas seit dem 10./11. Jahrhundert eine Linie von befestigten Städten nördlich des Duero und dafür erhielten die Einwohner Fueros, Rechte, vom König. Zu diesen Rechten gehörte es auch, Raubzüge ins islamische Gebiet zu unternehmen. Das war sehr profitabel, allerdings stellte das auch der König irgendwann fest und forderte von den Einnahmen aus diesen Razzien 1/5 Abgabe für die königliche Schatulle. Wir sehen, auch Raub und Mord lassen sich besteuern.
Kaum in Toro angekommen, sieht es so aus, als würde es gleich gewittern. Wir stellen das Auto auf dem Parkplatz ab, ein Sandsturm hindert uns am Aussteigen. Ein Gewitter kommt nicht, aber es kühlt sich trotzdem merklich ab.
Das beeindruckenste an Toro ist die Kathedrale. Sie ist eher klein, wirkt von außen  etwas weniger prächtig als die in Zamora, hat wie jene aber als Besonderheit eine hohe Kuppel aus Gurtrippen. Diese Übergangsform zwischen Romanik gibt es nur hier in der Gegend, eben in Toro und Zamora, sowie bei der alten Kathedrale in Salamanca, einmal noch in Portugal in Evora. Neben der Kuppel, den gewaltigen Gurttonnen des Mittelschiffes, entdecken wir noch etwas Schönes: Eine wundervolle Madonna aus dem 13. Jahrhundert als Skulptur im Mittelschiff. Sie ist schwanger im enganliegend gegürteten blauen Kleid mit hellblauen Unterkleid und einem gefütterten Schleiermantel aus Seide. Neben der Kunsthistorie noch eine soziologische Studie in der Kathedrale in Toro: Waren es früher (vor 15 - 20 Jahren) die leichtgekleideten Ausländer aus Mitteleuropa, die in den Kirchen für Anstoss sorgten und manchmal wegen unbedeckter Schultern oder kurzer Hosen der Kirchen und Kathedralen verwiesen wurden, so sind es nun die spanischen Touristen selbst, mitteleuropäisch geworden, die in Shorts, tiefsten Ausschnitten (ähem) und Strandkleidern, Männer in kurzen Hosen, durch die ehrwürdigen Kirchenschiffe schreiten, mühsam durch Verbotsschilder am Blitzlichtgewitter gehindert (was auch nicht immer hilft). Niemand nimmt mehr Anstoss daran. Nicht, dass ich dem konservativen und bröckelnden Spanien von einst nachtrauere, aber ein Weltbild ist doch erschüttert: Was ist nur aus den Spaniern geworden?
Aber schauen wir lieber auf die Kirchenkuppel von außen: León-Kastilien ist auch das Land der Störche. So viele von den Vögeln wie hier auf Kirchendächern, in der Luft auf den Feldern (einmal 3 Dutzend zusammenstehend) haben wir lange nicht mehr gesehen. Auch andere Tierbeobachtungen gab es heute: Eidechsen, Hannes wurde von einer Gottesanbeterin angesprungen, und über der Westgotenkirche zog eine Wiesenweihe ihre Kreise. Kommen wir nun zu den:

7. Burgen im Duerotal (Rosalía de Castro 19. Jhd., Isabela 15. Jhd.)

Die Burgen im Duerotal sind alle im 15. Jahrhundert großartig ausgebaut worden und dienten mehr zu Repräsentationszwecken, vorrangig dem Königtum, als zu Verteidigungszwecken. Heute habe ich es doch bereut, meinen Burgenführer Spanien (v. Leonardy/Kersten, leider vergriffen) nicht mitgenommen zu haben. Ich muß meinem eigenen Urteil vertrauen. Unsere Tour geht von Tordesillas nach Simancas. Die Funktion dieser Burg besteht darin, bereits von Karl V. bestimmt, das Generalarchiv des spanischen Staates zu beherbergen. Simancas ist eine kleine, gut erhaltene Burg, die ich nach Beschreibungen immer einsam inmitten León-Kastilien vermutet habe. Heute führt die Autobahn nach Valladolid direkt daran vorbei. Wissenschaftler sind schnell von Madrid herangefahren. Früher mußten sie im Örtchen Simancas Quartier nehmen. So wohnte auch die Dichterin Rosalía de Castro einige Jahre hier, weil ihr Ehemann in Simancas historisch und archivarisch zu tun hatte: Die inzwischen zur Nationaldichterin des Mutterlandes Galicias gewordene de Castro fühlte sich in der Sommerdürre León-Kastiliens wie in der Wüste und begann aus Heimweh zu dichten: Adiós, rios, adiós, fontes ... (Ich nehme Abschied von den Flüssen, Abschied von den Quellen ...) und war tief verletzt, wie verächtlich von León-Kastilien aus auf ihre Heimat herabgesehen wurde. Kurz und gut: Simancas können wir also nicht betreten.
Um Hannes noch eine Burg zu bieten, fahren wir also weiter, und da uns die Burg Peñafiel zu weit erscheint, wenden wir uns südwärts in Richtung des Vormarsches der spanischen Wiederbesiedlung nach Medina del Campo. Dort auf einem Hügel erhebt sich über der heutigen Stadt die Burg La Mota, von den katholischen Königen im 15. Jahrhundert zur gewaltigen Repräsentationsfestung ausgebaut. Beeindruckend erhebt sich der Bergfried (15 x 15 m, 44 m hoch, der höchste heute noch existierende Bergfried des 15. Jahrhunderts) über dem Land, ein aus Ziegeln aufgetürmtes Machtsymbol der königlichen Herrschaft. La Mota ist eine Mudéjar-Anlage, gleichzeitig zeitlich eine Renaissanceburg, die bereits Mittelalterklischees, Rittertum, Burganlage etc. überbetont und ins Absurde übersteigert. Als Isabela, die Katholische, 1504 in Medina starb, entweder unten im Ort auf dem Weg zur Burg oder in der Burg, war bereits Amerika entdeckt, Kriege konnten auch ohne Ritter gewonnen oder verloren werden. Ein gewisser Martin Luther würde bald die religiöse Welt Europas mansfeldisch-hemdsärmelig umkrempeln. Im Gegensatz zu den bereits vorrangig der Repräsentation dienenden Schlössern an der Loire konnten sich die strengen Prunkbauten Isabelas dennoch auch verteidigen. Die Anlage stellt bereits eine für das 15. Jahrhundert typische Übergangslösung zwischen horizontaler und vertikaler Verteidigung dar, berücksichtigt mit doppelstöckigen Wehrgängen, darunter noch Kasemattengängen, auch den Einsatz von Feuerwaffen. 1521 berannten und beschossen die Ausständischen der Städte, die Comuneros, vergeblich die Burg. Die Einschosslöcher sind bis heute im Bergfried auszumachen. Auch dem heutigen Besucher bleibt die Burg zum größten Teil verschlossen: Zwar kann bis zum inneren Patio und bis in die Ziegelkapelle vorgedrungen werden, aber Wehrgänge und Bergfried bleiben uneinnehmbar. Gerade für den kindlichen Besucher (also für Hannes und mich) ein trauriger Umstand. Die Burg beherbergt standesgemäß die Kultur- und Tourismusabteilung von León-Kastilien, dient auch als Unterbringungsmöglichkeit für Kurse und Seminare. Insgesamt aber durch die schlechte Dokumentation und Verschlossenheit der Burg kein Aushängeschild!
Interessanter als jene übersteigerte Anlage sind die alten Mauer- und Bauteile der Burg, die weiträumig den Hügel umspannten und im 11./12. Jahrhundert rasch aus Tapia (einer betonartige Masse aus Lehm, Mörtel, Kalk und Kieselsteinen) errichtet wurde. Einst beherbergte diese Anlage die ersten Christen, die in der ersten Winederbesiedlungswelle südlich des Duero, über der arabischen Medina am Fluß wohnten. Diese Villa wurde nach der Eroberung von Toledo (1085) errichtet, und wie eilig man es hatte, zeigen die Tapiamauern, die man den Hügel entlang und auch noch als alte Bauteile unterhalb des Ziegelbaus in La Mota sehen kann. Schnell wurden Häuser gebaut, und die Einwohner erhielten Rechte vom Königtum. Medina wurde rasch zum wichtigen Handelsort für Merinowolle, und die Einwohner zogen bald die für den Handel wichtigere Anlage am Fluss vor. Auf dem nun wieder verlassenen Hügel, der für die Verteidigung gegen die Mauren sinnlos geworden war, konnte Isabela I. dann die übersteigerte La Mota bauen lassen, die mehr als alles andere die Geisteshaltung des isabelinischen León-Kastilien zeigt. Mit Kopfschütteln verlassen wir also Medina del Campo, aber richtig sauer wurden wir in ...

8. Valladolid

Valladolid können wir nicht mehr leiden, eine moderne Großstadt, die ihren Verkehr nicht im Griff hat. Wir können niemand raten, hier mit dem Auto hinzufahren: Bei der Einfahrt Stau, Stau, Stau und eine, höflich gesagt, undurchsichtige Verkehrsführung. Natürlich sind wir Zudem sauer, dass wir einen Strafzettel bekommen haben, anscheinend nur wegen dem port. Kennzeichen, denn jemand zeigte uns an. Die Parkbucht sieht aus wie eine Parkbucht, ist eine Parkbucht, sieht aus wie eine Parkbucht. Irgendwo stand allerdings ein Schild, nur "Nur Beladen und Ausladen von ... bis ... " gestattet. Dabei haben wir uns extra außerhalb des Innenstadtrings gestellt, statt uns dort herein zu quälen. Denn, liebe Städte in León-Kastilien, die Parkplätze für den Turismo sind ja eine gute Idee, aber leider stehen dort die Einheimischen, die ihre Einkäufe erledigen. Nun haben wir die gepflasterte Rechnung, von der wir noch nicht wissen, wie und wo und überhaupt wir sie bezahlen müssen.
Davon abgesehen: Eine historische Altstadt ist in Valladolid ohnehin nicht mehr zu erkennen, die plateresken Fassaden springen uns nicht gerade an, Hinweisschilder ? Die Plaza Mayor ist prächtig, gewiß, aber das Wichtigste ist für uns das archäologische Museum mit solchen "Wundern" wie einem etruskischen Helm eines erschlagenden römischen Legionärs. Es gibt Tonques (Halsringe) aus Silber der Keltiberer und vieles mehr, Vaccäer- und Westgotenfriedhöfe. Der große Bruch offenbart sich zwischen dem 7. und dem 13. Jahrhundert. Keine Funde mehr! Nichts arabisches und nichts christliches! Traurig, weil dieses Frühmittelalter genau "unsere Zeit" ist, die wir in unserem "Mittelalterhobby" als Caballeros Villanos darstellen. Noch ist es eine Vermutung, aber ich stelle ein völliges Fehlen der Stadtarchäologie in Spanien fest. Für die Hauptstadt der autonomen Region León-Kastilien ist das archäologische Museum in Valladolid ziemlich verstaubt, aber sicher bin ich jetzt nicht mehr objektiv. Marie-Carmen genießt das Einkaufen, aber auch das gelingt nicht so richtig.
Wir fliehen also Valladolid, ich empfehle niemanden einen Besuch, jedenfalls nicht mit dem Auto. Las Casas hin, Columbus her, von dem Valladolid wie es einst war, bekommt man vielleicht eher in Tordesillas einen Eindruck. Und weil der Tag noch jung war und nicht so heiß wie zu Beginn unseres Eintreffen in León-Kastilien, fuhren wir durch Pinienwälder und über alte Brücken zur Burg Portilla hoch über der Meseta. Fassen wir es kurz: Wieder ein Repräsentationsbau aus dem 15. Jhd., von einem Adligen innerhalb einer Stadtanlage der Südduero-Wiederbesiedlungswelle errichtet. Die "Burgen", aus denen Kastilien entstand, waren in Wahrheit die ummauerten Siedlungen (Villas) der Wiedereroberungszeit, mit den Repräsentationsburgen des Königtums und der Granden begann die "dunkle" Zeit der iberischen Halbinsel mit Inquisition, Morisken- und Judenverfolgungen. Da, wie ich ja schon ausführte, das Königreich Spanien vorher noch gar nicht bestand, war mit seiner Geburt die Intoleranz und die Verfolgung gleich mitgeboren.
Das Weindorf Rueda auf dem Rückweg verführt zu einem kleinen Imbiss. In einer kleinen Bar lassen wir uns eine Käse- und Serrano-Schinkenplatte machen, und ich darf dazu Ruedawein trinken. Annette schimpft, sie muß noch fahren.
Jetzt heißt es Abschied nehmen von Tordesillas, das uns im "Pozo de la Nieve"** so gastfreundlich aufgenommen und mit leckerer Küche bewirtet hatte. Hier gibt es die beste Sopa Castellana. Die Kinder haben Carlos den Grafiker kennengelernt. Ich trauer der Plaza Mayor hinterher. Unvergessen der nächtliche Spaziergang bei immer noch hohen Temperaturen. Statt der Aufteilung der Welt haben wir einen Vertrag mit den Herzen hier gemacht. In Tordesillas teilt sich unsere Welt, in eine león-kastilische und in eine deutsche.Wie oft werden wir noch im Traum über die Meseta schauen ? Tordesillas, wir müssen dich lassen,  und schon sind wir in:

9. Arévalo, eine kleine Villa (Isabela, 15. Jhd.)

Bereits um die Mittagszeit befinden wir uns an einem anderen historischen Ort, in Arévalo, einer kleinen Stadt mitten auf der Meseta. Im Jahre 1090 wurde sie im Zuge der Wiederbesiedlung das erste Mal erwähnt, hat sicher heute nicht mehr Einwohner als zur Zeit seiner höchsten Bedeutung im 15./16. Jahrhundert. Vieles, Mauer, Kirchen, Brücken ist im Mudéjarstil ausgeführt und stammt aus dem 12./13. Jahrhundert. Neben der heute noch bestehenden Repräsentationsburg aus dem 15. Jahrhundert vom Herzog von Arévalo, einst Teil der Stadtbefestigung, gab es noch inmitten des Ortes einen Palacio Real, einen königlichen Palast. Er befand sich etwa dort, wo sich heute ein großer Platz hinter dem heute noch erhaltenen prächtigen Stadttor befindet. In diesem heute leider verschwundenen wahrscheinlich mudéjar ausgeführten Palast wuchsen Isabela von León-Kastilien und Kaiser Ferdinand I., Bruder vom Karl V. und Enkel Isabelas, auf. Kaum durch das Tor nach außen geschritten, steht da auch eine energische kleine Frau aus Bronze. Antisemiten, sind sie lange genug tot, wie Isabela oder Luther, darf man Denkmäler errichten.
Im Stadttor kann man sich im Turismo des Ortes über Denkmäler, Restaurants oder Übernachtungsmöglichkeiten informieren. Interessanter ist die Ausstellung von Fotos und Filmen eine Treppe höher. Richtig sinnlich erfahrbar ist alles durch die Pinienzweige und ausgestreutes Stroh. Der Ausstellungsgegenstand ist das Treiben von Stieren mit Hilfe von Pferden. Zunächst geht es durch einen Pinienwald und danach über die Felder in Richtung des Ortes. Die Reiter tragen Lanzen oder Stöcke. Da wird mir klar, warum die león-kastilische Caballero-Reiterei so effektiv war. Noch heute reiten die Villanos aus, um mit Lanzen ihre Stiere zu treiben. Von einer touristisch noch unbekannten Villa geht es in eine der bekanntesten, nach:

10. Segovia, märchenhaftes Geburtstagsständchen in Stein (Isabela, 15. Jhd.)

Nach vielen Jahren bin ich einmal wieder in der "Märchenstadt". Annette und ich lassen die Kinder im Hostal "Venta Magullo"** und machen sofort eine Tour durch die Stadt. An der Mudéjarkirche St. Lorenzo vorbei, in der wir von einer jungen Frau, deren orientalische Kleidung gut zum Baustil der Kirche paßt, freundlich informiert werden, nicht nur über die Kirche, sondern auch über die Fiesta in Viertel St. Lorenzo, wandern wir bis nach Vera Cruz, der Templerkapelle, die leider schon geschlossen ist. Das war eine lange Strecke, aber Ich habe Annette nicht zu viel versprochen: Segovia ist wie ein Traum, und hinter diesem Traum beginnt die Weite und Kargheit León-Kastilien. Auch das Licht ist anders, was kein Wunder ist, denn wir befinden uns hier bereits über 1000m über dem Meeresspiegel. Ich finde sogar meinen Schleichpfad hinauf zum Alcázar wieder, aber vor über 20 Jahren bin ich diesen bestimmt rascher hochgestiegen. Für die Besichtigung ist es leider zu spät, das holen wir morgen mit den Kindern nach. Wir gehen einmal durch die Stadt bis hinunter zum Aquädukt, sehen Wohntürme, Palazzos, Kirchen, grüßen das Denkmal von Juan Bravo, dem Anführer der Comuneros aus Segovia. Die Kinder warten schon auf uns und auf das Abendbrot im Hostal.
Zweiter Tag in Segovia: Diesmal fahren wir zusammen mit den Kindern mit den Bus in die Stadt. Über das Handy kommen Geburtstagsgrüße für Annette. Wir schenken ihr  diese Märchenstadt und einen Besuch im Märchenschloss, dem Alcázar von Segovia, Turmbesteigung inkl.
Später im Museum von Segovia können wir in einer Animation recht schön die Entwicklung dieser Residenz sehen: Von einer römischen Garnison zu einer Burg des 12. Jahrhunderts, erweitert im 13. Jahrhundert und großzügig ausgebaut zur Residenz der Könige im 15. und 16. Jahrhundert, bis der Alcázar zum Gefängnis und zur Artillerieschule degradiert wurde, im 19. Jhd. teilweise abbrannte und heute Museum ist. Mudéjardecken und Bauteile aus der Residenzzeit dominieren. Wenn ich von allen Wundern dieses Bauwerkes berichte, bin ich wahrscheinlich morgen früh noch nicht fertig. Eines dazu noch: Isabela, ihr Leben ist schon fast wie eine roter Faden auf dieser Reise, läßt uns auch heute nicht los: In Segovia ereilte sie die Nachricht, dass ihr Bruder gestorben war. Vom Alcázar aus ritt sie zum Hauptplatz der Stadt, wo Adel und Volk sie zur Königin von León-Kastilien ausriefen.
Wir steigen auf den Bergfried hinauf. Ein Plateau aus Steinen mit kleinen Ziertürmen und ringsherum eine wundervoller Sicht erwartet uns. Annette ist besonders davon begeistert, dass hinter der kleinen grünen Schlucht, die der Fluß gebildet bat, die Ebene ohne Bebauung weitergeht. Der Blick ist somit nicht anders als vor 500 oder 1000 Jahren um diese Jahreszeitt: Abgeerntete oder in Ernte begriffene Weizenfelder, in der Ferne die Berge. Hinter uns sehen wir die Stadt mit der gewaltigen spätgotischen Kathedrale, an der Seite über das Flußtal hinweg steht auf einen Felsen immer noch Vera Cruz, trotz bester Besichtigungszeit ungeöffnet. Wir sehen Leute aus Autos aussteigen und zornig an der Templerkapellenpforte rütteln.
Gar nicht weit vom Alcázar entfernt und sehr zu empfehlen ist das neu und modern in der "Casa del Sol" direkt an der Stadtmauer gestaltete archäologische Museum. Wir können es nicht auslassen. Besonders eindrucksvoll sind die Animationen (Aquädukt und Alcázar), die Präsentation in Filmsequenzen (die Vorführung über die Herstellung von Steinwerkzeugen ist genauso gut bis besser inszeniert als Vergleichsweises vom Experten in Schleswig-Holstein Harm Paulsen) und natürlich wundervolle Westgotenfunde von Fibeln bis hin zu Bernsteinketten. Ich kann mich gar nicht losreißen. Hannes, mein Begleiter, zeigt sehr viel Geduld. Lobenswert, wir sind jetzt schon das zweite Mal drin, weil wir das erste Mal nicht alles geschafft haben und zahlen nur einmal Eintritt. Kinder zahlen in den zusammengefassten archäologischen (und anderen?) Museen in der Verwaltung von León-Kastilien gar keinen Eintritt. Super !
Reden wir jetzt über das Essen. Da haben wir Pech in Segovia. Unser Mittagessen ist das schlechteste der ganzen Reise. Schade, denn es soll ja das Geburtstagsmahl für Annette sein. Dafür können wir die Küche unseres Hostals "Venta Magullo"** sehr empfehlen, leider etwas außerhalb, dafür mit ausreichenden Parkmöglichkeiten und Busanbindung, das uns gestern abend hervorragend ! - das erste Kindermenü in Spanien ! (Doppelpluspunkt) - beköstigte. Zudem macht man hier auch nicht die neue Unsitte mit, in den Comedoren (Essensräumen) das Rauchen zuzulassen. Das hätte es vor 30 Jahren nicht gegeben ..., ähem, zu welchen Aussagen der Zorn einen treiben kann!
Eine Siesta im schönen Park unterhalb des Alcázar hat natürlich den Nachteil, das man hinterher wieder den Berg hochsteigen muß. Hannes kann dafür nach der Mühe auf die Stadtmauer steigen und ich mich an der Mudéjararchitektur des Sankt-Andreas-Tores freuen. Die Mädels schicken wir Geburtstagseinkaufen. Sehr schön übrigens in Segovia die Straßenkünstler, solche Darbietungen habe ich bislang noch nicht gesehen. Allerdings nervt der Autoverkehr in den engen Gassen sehr! Der spanische Tourist hat wenig Zeit und muß rasch zum Alcázar fahren, auch wenn er dort keinen Parkplatz mehr bekommt! Egal, Papa wartet in der zweiten Reihe und Oma, Mutter, Kinder gehen fotografieren und ausgiebig besichtigen. Oder die Warnblinkanlage macht es für alle. Übrigens gibt es auch ein Hexen- und Gruselmuseum in Segovia. Dort ist die Mumie von Voldemort ausgestellt! Ich versprach ja schon Märchenhaftes.
Wer kann schon unterhalb eines römischen Aquädukts aus dem 1. Jhd. in den Bus ein- oder aussteigen! Dieses Bauwerk ist das Beeindruckendste an Segovia, fast 2 Jahrtausende steht es schon hier und noch vor 100 Jahren sorgte es für die Wasserversorgung der Innenstadt. Wir unternehmen einen kleinen Abstecher zur Fiesta in St. Lorenzo, wo sekundenschnell  die Stiere durch die Gassen an uns vorbeistürmten, während sich ihnen Wagemutige entgegenwarfen oder vor ihnen auf die Absperrung flüchteten. Hier kann der Mann noch Mann bzw. Stier sein. Hinauf jetzt aber, gestärkt durch Kaffee und mehr in einer Frühstücksbar, die Treppen bis zum Niveau der Wasserrinne. Dort hinten aus den Bergen, die bereits zum Greifen nahe sind, kam das klare Wasser für Römer und Nichtrömer in Segovia. Leider wird Annette kein Blick in die Wasserrinne gegönnt, ohnehin trocken jetzt! Hannes und ich haben im Museum eine wundervolle Simulation gesehen, wie es funktionierte.
Wir setzen eigene Schwerpunkte bei der Besichtigung. Romanische Bauwerke und Mudéjarkirchen gibt es hier mehr, als man anschauen bzw. begreifen und auseinanderhalten kann. Hoffentlich kann ich hinterher die ganzen Kapitelle zuordnen. Die spätgotisch-isabelinische Kathedrale sehen wir nur von außen. Zum Eintritt muß man zwei Reihen Verbotsschilder überwinden, die sowieso keiner beachtet. Unser Hobbyblick führt uns woanders hin. Direkt im Viertel nahe dem Aquädukt finden wir das kleine Kirchlein St. Juan de los Caballeros, auf das wir im Museum aufmerksam wurden. In der Simulation im Museum (zudem steht dort auch noch ein Modell) haben wir sehr gut gesehen, wie die Kirche sich von der Westgotenzeit bis heute entwickelt hat. Anhand der kleinen Kirche kann ich sogar ein wenig (keine Angst !) Geschichte von Segovia erzählen. Auch Segovia war einst eine keltiberische Vaccäerstadt, dann römische Garnisonsstadt, davon erzählt der Aquädukt noch tolle Geschichten. Nach der westgotischen Eroberung der iberischen Halbinsel wurde die Kirche St. Juan errichtet. In Segovia, einst römisch, lebten weiterhin Menschen, die Westgotennekropolen der Umgebung sprechen eine eigene Sprache. Unter den Arabern war die Stadt nur ein Vorposten, das Kirchlein muß wie ganz Segovia stark zerfallen sein. Nur wenige Bauteile zeugen noch von der Westgotenzeit. Segovia lag nun an der Nordgrenze des Emirats/Kalifats Córdoba und später an der des Taifa-Königreiches Toledo. Nördlich davon lag die Duerolinie, die bis zur Wiederbesiedlung weitgehend entvölkert war (was in der Absicht beider Kriegsparteien lag). Im 10. Jahrhundert regte sich wieder Leben auf Segovias Felsen, denn das Kirchlein wurde als Gotteshaus wieder hergerichtet. Entweder konnten die mozarabischen Christen in Segovia unter einem toleranten Emir wieder ihren Kult ausführen (Neubau von Kirchen ist im Islam zwar nicht gestattet, aber hier handelte es sich wohl mehr um eine Renovierungsmaßnahme!) oder Segovia befand sich vor jeglicher urkundlicher Erwähnung bereits wieder ganz oder teilweise in der Hand von León-Kastilien. Die Berber- und Söldnerregimenter des furchtbaren Al-Mansur werden auf  ihren Zügen Richtung Norden diesem neu erblühten christlichen Leben zur ersten Jahrtausendwende rasch ein Ende gemacht haben. Wehe, wer sich nicht verstecken konnte. Schreckliche Züge von christlichen Sklaven zogen gen Códoba. Aber bereits wenige Jahrzehnte später zogen die Männer des Königs ungehindert über die ganze Halbinsel und zogen von den islamischen Stadtkönigreichen (Taifas) ihre "Schutzgelder" ein. Als 1082 einmal einer dieser "Kassierer", zufällig ein Jude, vom Emir von Sevilla umgebracht wurde, unternahm König Alfons VI., der Bruder der mächtigen Urraka, eine Strafexpedition, verwüstete das Tal des Guadalquivir in Andalusien, ritt südlich von Cádiz in den Atlantik und rief aus: "Hier stehe ich an der äußersten Grenze von al-Andalus, und ich habe es mit Füßen getreten." Diese Szene ist im Alcázar von Segovia dargestellt und sei hiermit erwähnt. Die Juden Toledos erkannten seitdem im Königtum einen zuverlässigen und wichtigen Beschützer (oder in diesem Fall einen Rächer) und so sollte es lange bleiben. León-Kastilien konnte im 11. Jahrhundert die Halbinsel dominieren und ausbeuten, aber beherrschen oder auf einem Schlag neubesiedeln konnte es sie nicht. Das Land selbst war zu dünn besiedelt, und mit königlichen Rechten mußten die Wehrsiedlungen reizvoll gemacht werden. Nach 1085, der Eroberung Toledos, änderte sich zudem die Lage mit einem Schlag: Eine neue Welle von islamischen Eroberern war von den Taifa-Königen zu Hilfe gerufen worden, aus Nordafrika gekommen und León-Kastilien fand sich in einer Verteidigungsposition wieder. In dieser Situation wurden Medina del Campo, Arévalo und Segovia zu Villas. In St. Juan de los Caballeros zeugen drei Sakophaggräber von dieser Zeit. Die Villanos Diá Sanz, Fernan García und einer dritter, deren Namen wir nicht mehr wissen, der aber wahrscheinlich der Anführer war, da er erhöht zwischen den beiden anderen liegt, beteiligten sich an der Eroberung Madrids 1083 wahrscheinlich im Zuge des Vormarsches auf Toledo. Zu dieser Zeit war also Segovia mit Sicherheit in der Hand von León-Kastilien, wenn es auch nur wenige Männer gewesen waren, die den Felsen verteidigten. Aber als St. Juan, wir befinden uns immer noch in dieser Kirche, im 12./13. Jahrhundert ausgebaut wurde, war die Stadt bereits sicher und im Aufschwung begriffen. Die Villanos von Segovia unternahmen nun mit den Kollegen aus der Nachbarstadt Ávila eigene Raubzüge, scherten sie wenig um die neuen Eroberer, zogen 1132 nach Süden, schlugen überraschend den Emir von Córdoba und seine Regimenter einen Tagesmarsch vor dessen Stadt und kamen reichbeladen nach Hause zurück. Das waren übrigens nicht alles Reiter, die Hälfte der Männer ging von Segovia bis Córdoba über Stock und Stein zu Fuß und wieder zurück.
Verabschieden wir uns von den Herren Diá Sanz und Fernan García, der Kirche St. Juan de los Caballeros, die nach Verfall seit dem Mittelalter durch den Kauf eines Kunsttöpfers im vorherigen Jahrhundert gerettet werden konnte und heute ein kleines Museum ist. Den schattigen Platz an der Stadtmauer neben der eben ausführlich erwähnten Kirche haben wir inzwischen gegen einen schattigen Platz vor unserer Venta getauscht. Wenn wir auch manchmal durchbesichigen oder durchschlendern möchten, zwingt einen doch der immer noch konsequent eingehaltene spanische Tagesablauf zur Pause. Für Museen ist das manchmal sehr enttäuschend, und Marie findet die Schließzeiten beim Einkaufen lästig, aber es hat wohl schon seinen Sinn. Noch eine Kleinigkeit. Für abgekühltes Bier u.ähnliches werden die Gläser hierzulande im Eisfach gelagert. So wird das Bier besonders kalt, eisfachglaskalt! Drei Übernachtungen in Segovia sind rasch zu Enge gegangen, morgen geht es:

11. Nach Ávila ... (Jimena 11. Jhd, Urraka, 12. Jhd.)

Nach Ávila sind wir heute gefahren, leider ohne Area de Picnic auf dem Weg für eine Frühstückspause. Dafür haben wir rasch ein Hotel, "Santa Teresa"** gefunden, nachdem wir bereits einmal um die Stadtmauer gefahren sind. Mit Segovia haben wir den östlichsten Teil unserer Reise erreicht. Ab jetzt geht zurück in Richtung Porto. Nach Abladen des Gepäcks machen wir eine kleine Tour in die benachbarten Berge, Ávila liegt noch höher auf etwa 1130 Metern, aber das hält die Bauern ringsherum nicht ab, dennoch Getreide anzubauen, wahrscheinlich sind ihnen die Steine und Heiligen inzwischen ausgegangen. Steine, genauer graue Felsbrocken, die die Hänge über und über bedecken, aber keine Heiligen, finden wir auf einer Nebenstraße  auf dem Weg nach San Bartolomeo. Mitten in den Bergen an einem schattigen Plätzchen an einem Friedhof halten wir also unser Mahl und vertilgen mitgebrachte Vorräte, zurück geht es über eine atemberaubende Schnellstraße auf 1400m Höhe nach Ávila.
Ruhe tun, Siesta halten, erst hernach geht es in die Stadt. Ich kann nichts dafür: Wir finden zuerst ein archäologisches Museum, heute freier Eintritt. Der schönste Fund hier ist eine guterhaltene Falcata iberica, ein keltiberisches kurzes Hiebschwert. Vielleicht kann Steffen (unser Schmied) dieses Stück für mich nachschmieden. Und weil es so schön war, gibt es neben dem Museum gleich noch ein Depot mit Steinfunden: Iberische Tierplastiken, römische Gräber und kufische Inschriften aus der Maurenzeit. Jetzt sind wir in einer rustikalen Bar an der Stadtmauer. Ich befürchte stark, dass ich nicht so frei herumklettern darf wie bei meinem letzten Besuch in Ávila im November 1985. Nun, heutezutage kostet das Betreten der Stadtmauer Eintritt (hoffentlich für die Erhaltung), die Mauern sind gesichert und es gibt Wachleute, damit die Touristen keinen Unsinn machen können. Aber immerhin läßt das Weltkulturerbe an zwei Abschnitten das Betreten zu, etwas 40% der Stadtmauer würde ich schätzen, ist begehbar. Ob die anderen Teile des Weltkulturerbe noch hergerichtet werden, weiß ich nicht zu sagen. Für Hannes ist diese Ansammlung von zinnenbewehrten Mauern, Mauertürme fast jede 20m, jeder Turm mußt bezwungen, von jedem der grandiosen Tore herabgeschaut werden, dennoch ein großes Erlebnis und entschädigt für all die Burgen, die wir nicht so anschauen konnten, wie wir das wollten. Schon macht Hannes Pläne, wie die Stadt zu verteidigen sei und welche Chance die Angreifer hätten.
Wie entstanden diese Stadtmauern ? Dazu müssen wir León-Kastilien am Ende des 11. Jahrhunderts nach der bereits erwähnten Eroberung von Toledo im Jahre 1085 betrachten. Die übriggebliebenen Taifas hatten die Almoraviden, die "Männer des Klosters", gerufen, die nicht nur einen fundamentalistischen Islam nach Spanien brachten, sondern unserem König Alfons VI. eine Niederlage nach der anderen beibrachten. Die schlimmste verlorene Schlacht war jene von Uclés, die Alfons VI. den Thronfolger und Sohn nahm.Vorher hatte er bereits Valencia wieder räumen müssen, das sich nach dem Tod des Cid nicht mehr halten ließ. Tragisches Schicksal beider Männer: Beide, Alfons und der Cid, verloren ihre Söhne in der Schlacht gegen die Almoraviden. Doña Jimena kehrte zusammen mit dem Leichnam ihres Mannes nach León-Kastilien zurück. Nachdem Valencia geräumt war, nichts dem Feind mehr in die Hände fallen konnte, ließ Alfonso VI. seine Männer die Stadt in Brand setzen. Der Mann, der einst in den Atlantik geritten war, um der ganzen Welt zu drohen, mußte sich nun schmählich zurückziehen. Was hat dies mit der Stadtmauer von Ávila zu tun? Laßt mich doch zu Ende erzählen: Denn da der König alle Hände im Süden voll zu tun hatte, war es die Gräfin von Galicia, Urraka, des Königs Tochter und nach ihrer Tante benannt, von der wir bereits in Zamora hörten, und ihr Mann Raimund, ein Ritter aus Burgund, die die heute berühmte Stadtmauer von Ávila in Auftrag gaben und dafür sorgten, dass die Villa besiedelt wurde. Nach dem Bau dieser gewaltigen Wehranlage, mit Villanos besetzt, von deren Tapferkeit wir schon in Segovia hören, wäre es keinem arabisch-berberischen Reiterheer mehr gelungen, auf die Ebene zwischen dem Gebirge und dem Duero zu fluten. León-Kastilien war trotz der Niederlagen in den Schlachten sicher. Jimenas Valencia mußte trotz des in allen Schlachten unbesiegten Cid wieder aufgegeben werden. 
Vor dem Abendbrot können wir die Berge in der Ferne von unserem Hotel aus sehen, dorthin wollen wir morgen, in die ...

12. Sierra de Gredos (die Tochter Gottes, ? Jhd.)

Auf die Berge hat sich Annette besonders gefreut. Für den Leser dieses Berichtes heißt das,  Erholung von Archäologie und Geschichte. Heute wird nur gewandert und wir werden weder Isabela, noch Alfonso und schon gar nicht Urraka dort treffen. Eigentlich kann ich mich heute ganz zurücklehnen, denn es ist alles in dem Buch vom Chef unseres Reisebüros Herrn Roberto Cabo beschrieben (Reiseführer Natur Spanien, München 2001). Die Tour 17., dort nachzulesen, gibt Tipps für eine Wanderung in der Sierra de Gredos. Schade, dass es nur diese eine Tour im Bereich unserer Reiseroute gibt. Von Ávila aus ist der Startpunkt für unseren Gebirgsausflug leicht und schnell zu erreichen. Wir stellen aber rasch fest, dass es auch in den Gredos eine Menge Möglichkeiten zum Bleiben gibt (vom Parador bis zum Campingplatz). Hier ist also ein Gebirgswanderurlaub mit Kulturtourismus in Zentralspanien gut zu kombinieren. Aber auch wenn man z.B. in Ávila übernachtet, ist schon die Autofahrt in die Gredos ein Erlebnis: Es geht wieder über hohe Pässe, wir passieren imposante Schluchten und es gibt die absonderlichsten Felsformationen aus großen Granitblöcken rechts und links der Straße. Zudem liegen Orte mit seltsamen Namen wie "Hija de Dios" (Tochter Gottes) auf unseren Weg.
Vor dem großen Pass hinunter nach La Mancha fahren wir Richtung Hoyos de Espina ab. Es folgt eine schmale, aber keine steile Straße. Jetzt sind wir bereits in den Gredos. Vorsicht, in Hoyos de Espina darf nicht der Abzweig zur Plataforma, dem Parkplatz und Ausgangspunkt unserer Wanderung verpaßt werden, es folgen weitere 12 km schmale und schöne Straße. Der Campingplatz und die improvisierte Bar vor einer Bachbrücke sind die letzten Reste der Ziviliation, die wir sehen. Haben wir uns gedacht ! Denn auf der Plataforma, es ist Sonntag, herrscht Hochbetrieb, und trotz der Größe des Parkplatzes finden wir gerade am letzten Ende vor dem Bus einer Wandergruppe aus Asturien einen Platz und winken hinter uns noch eine spanische Familie ein. Allerdings dominiert ausschließlich spanischer Tourismus, unser "Portugiese" ist das einzige ausländische Auto.
Vom Parkplatz geht es nun über einen römerstraßenähnlichen Steinweg zur Laguna Grande und der Gebirgskulisse des Circo de Gredos hinauf, das sind 30 Gipfel, bis 2592m hoch. Roberto Cabo behält in seiner Beschreibung recht, der Weg ist nicht zu verfehlen, zudem sind seit seinem Besuch große Hinweisschilder aufgestellt worden. Die Strecke ist durch den steinigen Weg und die vielen Steigungen anstrengend, aber auch für Ungeübte gut machbar. Dass wir nicht alleine wandern würden, schien nach der Lage auf der Plataforma klar, aber die "Völkerwanderung" verlief sich nach dem ersten Anstieg relativ schnell und nicht alle wollen anscheinend die ganze Strecke wandern. Die "Gucktouristen" erreichen kaum die erste Anhöhe. Andere marschieren mit großem Gepäck an uns vorbei, auch Zelte sind unter die Rucksäcke geklemmt, hier hat man einen längeren Aufenthalt in der Höhe der Gredos vor. Für die Wasserversorgung ist am Weg gesorgt, zwei gefasste Quellen an unterschiedlichen Abschnitten des Weges harren der leeren Wasserflaschen.
Hannes ruht nicht, bis er an einem Bach kleine Bergkristalle, Teile einer Druse, gefunden hat. An Tierwelt gibt es die Eidechsen, die so häufig zwischen den Steinen herumsitzen, springen, laufen, dass wir aufpassen müssen, nicht auf sie zu treten. Die Steinböcke kommen bis an die Lagune, und stellenweise an den Weg, um zu trinken und vielleicht von den Wanderern ein Brot abzufassen. Macht sich sehr gut für die Fotografen. Marie bekommt einen Riesenschreck, als so ein Böckchen auf sie zukommt
Wir dagegen müssen Essen und Trinken bis an den See schleppen, und dort gibt es zur Halbzeit sozusagen einen Lagunenimbiss mit den üblichen Schmausereien. Gestärkt vom Essen und ganz erfüllt von der gewaltigen Kulisse des Circo de Gredos geht es auf demselben Weg wieder zurück. Es kann einem auch bange werden im Herzen, wenn man zu lange in eine tiefe Gebirgslagune schaut. Gestartet sind wir an der Plataforma auf 1700m, aufgestiegen sind wir auf ca. 2000 - 2100m , zum See geht es wieder ein Stückchen herunter. Alles ohne große Gefahren und gut mit Kindern zu machen. Die Landschaft ist nicht mit einer Wanderung in den Alpen zu vergleichen, eher mit den Pyrenäen, die Natur ist rauh, zum Teil unwirklich. Besonders schön soll die Wanderung im Frühsommer sein, wenn der Ginster blüht und auf den Spitzen der Berge noch Schnee liegt. Aber auch wir sehen heute Blüten: Enzian in einem unwirklichen Blau. Mit dem Wetter haben wir Glück: Zwar brennt auf dem Hinweg die Sonne, aber auf dem Rückweg bedeckt sich der Himmel und es ist nicht mehr so heiß.
Überhaupt das Wetter: Bis auf den Tag in Tordesillas, an dem es noch in der Nacht über 30° war, haben wir nicht sehr unter der Hitze zu leiden. Wir stellen uns mit unseren Tagesablauf auf ein sonniges Land ein und so wird es nicht so beschwerlich. Hier in Ávila ist es kühler und direkt angenehm. Dennoch lassen wir es nach der Wanderung ...

13. Die Kinder dürfen heute ausschlafen (Isabela 11. Jhd., Urraka 12. Jhd., Teresa 16. Jhd. und Isabela 15. Jhd.)

Annette möchte mit mir in der Frühe die Kathedrale besichtigen, ein frühgotischer Bau, der bis in die Neuzeit hinein gebaut wurde und an dem besonders auffällt, das seine halbkreisförmige Apsis mit zwei Zinnengängen ausgestattet ist, und somit Teil der Stadtbefestigung war. Da wir es doch nicht zur Frühmesse geschafft haben, entscheiden wir, dass wir die für uns wichtigere Kirche San Vicente vor dem gleichnamigen Stadttor besichtigen wollen. Das ist gar nicht weit. Unsere seit Segovia eingeläutete Kathedralenabstinenz setzt sich fort. Wir möchten damit aber keinesfalls ein Beispiel geben. Wir setzen unsere eigenen Schwerpunkte. Aber immerhin kann ich noch über die Kathedrale aus meinem Tagebuch von 1985 berichten: Dieser Berg aus Granit ist teils noch romanisch, die Bögen und das Innenleben aber bereits gotisch bis spätgotisch. Vorbei an alten Rittergräbern im Innern, die gerüsteten Plastiken sind sehr gut erhalten und imposant, entdeckte ich ein wahres Wunder, denn das Rund um die Apsis, die gotischen Bögen all dies ist aus weißrot geäderten Steinen erbaut, das ergibt die herrlichsten Lichteffekte, wie Batikstoff sieht das Ganze aus, eine Hippiekatedrale !
San Vicente ist nicht weit von der Kathedrale entfernt. Die meisten Bauteile der Kirche stammen aus dem 13. Jahrhundert, so auch Kuppel, Gewölbe und Hauptschiff, aber von der Anlage ist es noch eine romanische Basilka mit vielen interessanten architektonischen Details, die zum Teil älter sind als die Hauptanlage. Ist man nach der Erholung durch die Gebirgswanderung wieder aufnahmebereit für etwas Geschichte ?
Wärend des raschen Baus der Stadtmauer von Ávila und unter dem Eindruck der von mir unter 12. geschilderten Situation am Ende des 11. Jahrhunderts verwendete man Baumaterial aus der Umgebung und riß dazu auch noch vorhandene römische und andere Ruinen ab. Anscheinend stießen die Bauleute dabei auf einen römischen Friedhof,  das kam nicht so selten vor, dies ist bei der Wallfahrtsstätte in Santiago de Compostela z.B. archäologisch belegt. Die passenden Gebeine für eine alte überlieferte Märtyrergeschichte fanden sich bald: Die Anfang des 4. Jahrhunderts zu Tode gekommenen Vincenz, Sabina und Cristeta wurden identifiziert und ihnen wurde begonnen, die Basilika zu bauen, vor der wir jetzt stehen. Die Phantasie der Geistlichkeit, was diese armen Menschen erdulden mußten, schlug sich nieder in einem romanischen Schrein, den wir aber nicht bestaunen können, da er gerade umfangreich restauriert wird. Deswegen diese Mischung aus Christoverhüllung und Zahnarztgeräuschen in der Stille des Kirchenraums ! 1985 sah ich den skulptierten Schrein und war durch die Grausamkeit der Folterdarstellung sehr schockiert. Statt des zweifelhaften Genusses der Maso-Romanik gibt es für uns aber eine romanische, vor der schon die Heilige Theresa betete, und eine gotische Madonna, auf die ich gleich noch näher eingehen möchte. Die interessanteren Dinge sind an dieser Kirche außen, und ich möchte mir einfach die Zeit nehmen, das Westportal zu bestaunen, an dem sich Apostel angeregt unterhalten, wahrscheinlich über das Essen neulich in Tiberias und dass früher, als man noch selbst fischte, der Fisch viel frischer und wohlschmeckender war. Über den Aposteln ist ein sehr schönes Auferstehungsfries angebracht, ausgestattet mit den schönsten Brüsten der Romanik. Da lohnt ein Teleobjektiv oder ein Fernglas, meins liegt im Hotel und ich behelfe mich mit den Zoom der Digitalkamera.
Aber ich möchte hier nicht zu lange verweilen, wichtiger ist mir das hinter den Arkaden fast versteckte kleinere und ältere Südportal. Wir sehen fünf sehr schöne Skulpturen des frühen 12. Jahrhunderts, noch immer Kirchenschmuck, doch bereits individuell aus dem Stein tretend. Ganz links auf das Portal schauend steht ein Verkündigungsengel in herkömmlicher Konvention, die Maria allerdings trägt schon sehr erkennbare Züge. Auch ihre Kleidung ist sehr ungewöhnlich. Ein geschnürtes Unterkleid hätte ich im frühen 12. Jahrhundert noch nicht erwartet. Ihr gegenüber sitzt König David, ganz Konvention ein König, und soll in Wahrheit einen der Stifter, König Alfonso VI., den Eroberer Toledos, darstellen. Da stellt sich die Frage: Ist die Maria ihm gegenüber mit den Zügen seiner maurischen Geliebten ausgestattet, jener Zaida, die unserem Alfonso endlich den ihm erhofften männlichen Thronfolger gebären sollte, damit das Reich nicht in die Hände der Urrakas, Jimenas und Teresas und ihrer Ritter fällt ? Sancho hieß dieser Sohn, und aus Dank heiratete der König 1098/99 Zaida, nachdem sie zum Christentum übergetreten war und nun Königin Isabela hieß. Die Hoffnung trog, denn 1108 starb Sancho neben vielen anderen león-kastilischen Kämpfern in der Schlacht bei Uclés, in der zunächst die Almoraviden dem königlichen Aufgebot eine schreckliche Niederlage bereiteten und danach die Fliehenden durch aufständische Mudejáren niedergemacht wurden. 1009 starb auch König Alfonso, was aus Isabela/Zaida wurde, wissen wir nicht.
Kehren wir zu den Skulpturen zurück: Wesentlich imposanter als der sitzende König David/König Alfonso VI. sind die Märtyrerfiguren von Sabina und Vicente daneben. Stellt sich die Frage, warum die dritte grausam zu Tode Gekommene, Cristeta, fehlt ?! In Wahrheit sind die zwei imposanten Skulpturen auf der rechten Seite des Südportals von San Vicente gleichfalls Stifterfiguren. Denn eindeutig war das Figurenprogramm bereits im 11. Jahrhundert festgelegt worden, zu Lebzeiten Alfonsos, Sancho war bereits geboren, aber noch nicht gefallen. Neben der Hoffnung auf den Thronfolger in Notzeiten drückt das Portal auch den Dank an die Hauptstifter und Neugründer von Ávila aus, die Verbeugung an das Grafenpaar von Galicia, Urraka v. León-Kastilien, die spätere Königin, und an Raimund v. Burgund. Urraka hat ihn sehr geliebt, ihren fränkischen Ritter, doch war er bei der Vollendung der Figuren bereits verstorben und sie war Königin. Philipp II. v. Spanien hat sie zu Recht in seiner Ahnengalerie im Alcázar v. Segovia unter seine verdienten Vorfahren gestellt. Urraka war Königin zu bewegter Zeit und sie hat es geschafft, ihrem Sohn Alfonso VII. das Land gegen viele Schwierigkeiten einigermaßen unbeschädigt zu hinterlassen. In "The Kingdom of León-Castilla under Queen Urraca" von Bernard F. Reilly würdigt der Forscher, der Jahre über den mittelalterlichen Dokumenten des 11. und 12. Jahrhunderts zugebracht hat, ihre Rolle, an der manch gestandener Mann gescheitert wäre. Urraka, Königin von ganz Spanien, wie sich nannte, war also eine tatkräftige und selbstbewußte Frau, die im Alter von 46 Jahren im Kindbett starb, nachdem sie bereits zwei Kinder mit ihrem Geliebten oder heimlichen Ehemann, dem Grafen von Lara, hatte, ihrem dritten Mann nach Raimund und Alfonso, dem abartigen König v. Aragón, der lieber mit seinen Männer im Feldlager zubrachte, ähem, und Blut und Männerschweiß liebte. Auffallend bei der Urrakaskulptur ist die bildhauerische Qualität und die Individualität der Züge. Es hat ein lebendiges Vorbild dazu gegeben. Die Frau scheint auch nicht mehr 20 wie in ihrer Grafenzeit gewesen zu sein, sondern 40 inmitten ihrer Regierungszeit. Die Raimundofigur fällt dagegen wieder ab. Hier wurde die Konvention eines blonden Ritters aus Burgund abgebildet. Es ist der Mann neben einer starken Frau.
Verlassen wir endlich das Portal, aber gehen wir noch einmal in die Kirche hinein:  Lange nach dem Tod Königin Urrakas entstand die bereits erwähnte gotische Madonna. Setze ich das bestätigte Bildprogramm am Südportal fort, so ist diese mit einem kostbaren mozarabischen Mantel bekleidete Frau ein etwas groberes Abbild der Skulptur am Südportal, aber nun kein Abbild der Isabela mehr, sondern der Urraka, die den jungen Alfonso VII. auf dem Arm hält, die Zugehörigkeit des Kindes zum Königshaus wird durch einen Mantel mit gestickten Löwen und Burgen gekennzeichnet, den Wappen von León-Kastilien. Die Ähnlichkeit von Alfonso mit Raimund wird durch das blonde gescheitelte Haar ausgedrückt. Zu jener Zeit waren die bewegten und vom Bürgerkrieg gezeichneten Jahre unter Urraka längst vergessen und sie erstrahlte als Mutter des Kaisers Alfonso VII.
Eine Siesta haben wir uns jetzt verdient. Auch der Nachmittag verläuft ruhig. Nach einem kleinen Imbiss an der Stadtmauer mache ich einen Spaziergang rund um die Stadtmauer, ich fotografiere und entdecke Bauteile aus einem antiken Friedhof. Annette und die Kinder schlendern und bummeln. Alle treffen wir uns auf dem Kunsthandwerkermarkt vor der Stadtmauer wieder. Währenddessen zieht es sich immer dunkler am Himmel über Ávila zusammen. Es fallen aber nur wenige Tropfen, auch das äußerst zaghaft, obwohl wir Schlimmeres befürchten. In den Bergen aber scheint es zu regnen.
Der dunkle Himmel erinnert mich daran, das wir in dieser Stadt natürlich nicht an der berühmtesten Frau hier vorbeikommen, der Mystikerin und Kirchenlehrerin Spaniens, der Heiligen Teresa, vorbeikommen. Doch einzig ein freundliches Kopfnicken an der Skulptur an der Stadtmauer gönnen wir ihr, sind nicht auf der Jagd nach einen Blick in ihre Klosterzelle. Auch Isabela, die Katholische, kam diesmal zu kurz, obwohl hier im Kloster St. Tomas, ihr tragisch verstorbener Thronerbe Juan beerdigt ist und jenes Dominikanerkloster verhängnisvoll mit Inquisition und Asienmission verwoben ist. All dies aber ist überall nachzulesen. Immerhin können wir beiden noch beim Abendbrot im Hotel zuprosten, obwohl der größte Toast in Ávila natürlich nur einer gilt: Der Königin von ganz Spanien: Urraka!

14. In Toledo (die Jüdin von Toledo 13. Jhd., Isabela 15 Jhd., María Pacheco 16. Jhd.)

Von Ávila nach Toledo zu kommen, ist ein Abstieg. Wir kommen von fast 1200m Höhe herunter auf 533m +/-. Dazwischen liegt noch eine Passhöhe von 1400m und damit verlassen wir unser geliebtes León-Kastilien und kommen für wenige Tage in die Mancha, gut bekannt durch den "Ritter von der traurigen Gestalt". Der Unterschied zwischen den beiden Regionen ist nicht nur landschaftlich zu merken. Auch die Landstraßen stammen im Gegensatz zu den runderneuerten Trassen in León-Kastilien anscheinend noch aus Francos Tagen. Immerhin bringen sie uns trotzdem nach Toledo.
Wir nehmen das Hotel "Don Pedro"** ein kleines Stückchen vor der Innenstadt. Der **-Komfort reicht uns völlig aus. Durchhängende Betten wie noch in den Achtziger Jahren hat es gar nicht mehr gegeben, in den meisten Fällen gibt es eine Klimaanlage oder sogar eine Minibar. Schlüssel sind in Spanien anscheinend abgeschafft, Hoteltüren öffnen sich mit Chipkarten.
Nach der mittäglichen Ausruhpause wagen wir uns trotz noch fast 30° auf einen kleinen Toledo-Spaziergang, kommen durch das alte, schon zur Westgotenzeit bestehende Stadttor, durch das der bereits mehrmals erwähnte Alfonso VI. 1085 in die Stadt einritt und sie in Besitz nahm, natürlich dabei nicht sein Schwert an der Klinge festhaltend, wie auf einem Denkmal in der Nähe unseres Hotels zu sehen, sondern am Griff, sonst wäre er nämlich mit blutigen Fingern und beschämt eingeritten. Wir besichtigen das Mudejárstadttor "Puerta del Sol", von dort erblickt Annette die Galiana, die Alfonso VIII., seiner jüdischen Geliebten baute. Berühmt wurde diese Geschichte durch Lion Feuchtwangers Roman "Die Jüdin von Toledo", der Reiselektüre für eine Reise in diese Stadt. Es möge mir nachgesehen werden, dass ich eine quasi romanhafte Figur neben den historisch belegten Damen in diesen Bericht einfüge, doch steht die "Fermosa", die schöne Jüdin, stellvertretend für den Aufstieg und Fall der jüdischen Bewohner Toledos. Aber dazu kommen wir morgen früh noch ausführlich. Jetzt setzen wir unseren Rundgang fort, gehen durch das einst arabische Stadttor, heute Puerta de Valmardón, und entdecken daneben eine gleichaltrige Moschee aus dem 10. Jhd., die bei meinem letzten Besuch in Toledo voller Müll und Graffitis war. Schön, das sie augenblicklich restauriert wird. Wunderschön sind ihre Gewölbe.
Nun beginnt das Schlendern und Schauen in der immerwährenden Schwerterausstellung Toledos, die sich durch Filme wie den "Herrn der Ringe" erheblich ihr Themenspektrum erweitert hat, aber auch Klassiker wie Excalibur und Nachbauten des angeblichen Schwert des Cid sind zu haben. Allerdings würde ich mit keinem von den Dingern in den Kampf ziehen und für einen Wandschmuck sind sie mir zu teuer. Schaukampffähig ist hier zudem gar nichts. Dabei haben Hannes und ich uns auf eine Reblik einer iberischen Falcata gefreut. Wir müssen wohl doch unseren Schmied zu Hause bemühen. Natürlich haben wir uns in den vielen Gassen der Altstadt auch verirrt und dabei leider nicht die Stellen gefunden, die in den "Neun Pforten" bzw. der Romanvorlage "Club Dumas" von Perez Reverte eine Rolle spielen. Noch mehr Literatur! Aber das ist so in Toledo. Es ist nicht gesagt, dass diese Stadt überhaupt existiert, außer auf irgendwelchen Buchseiten. Den Abend beschließen wir mit einem Essen in einem einfachen Restaurant nahe der Kathedrale.
Sehr real ist leider der Verkehr: Eine Stadt mit derartig engen Gassen und Sträßchen bergauf und bergab dürfte keinen Autoverkehr zulassen, so hart das auch für die Anwohner sein dürfte. Aber wer von Tourismus und Fremdenverkehr lebt, Weltkulturerbe sein möchte, darf nicht die Besucher durch rücksichtsloses und gefährliches Herumfahren von Fahrzeugen gefährden. Toledo liegt auf einem Hügel und die am Hang hochrasenden Autos können mitunter gar nicht anders. Die Fußgänger müssen sich in Hauseingänge flüchten. Das ist ärgerlich und gefährlich und trägt nicht zur Attraktivität der Altstadt bei. Toledo ist deshalb bei allen Sensationen nur eingeschränkt zu empfehlen, Ambiente geht hier sehr verloren.
Während unsere Kinder ausschlafen, setzen wir wieder eigene Schwerpunkte bei unserem Besichtigungsprogramm: Uns geht es um das jüdische Toledo. Die zwei ehemaligen Synagogen La Blanca mit den herrlichen Säulen und einem wundervollen weißen Schiff, sowie die Syngoge El Transito im Mudejárstil mit dem angeschlossen sephardischen Museum werden von uns besucht und gemahnen uns daran, wie lange Juden schon in Sepharad (Spanien) lebten. Ausstellungsstücke im Museum erinnern mich an die großen Verfolgungen, beschlossen durch die Konzile von Toledo zur Westgotenzeit, die dank der arabischen Invasion ab 710/711 überstanden wurden. Es folgten friedliche Tage durch den Schutz des Emirates/Kalifates von Córdoba und dem Willen des Herrscherhauses der Omaijaden mit den anderen "Buchreligionen" in Frieden zu leben. Erst die fanatisch-islamistischen Sekten der Almoraviden und Almohaden verfolgten die Juden erneut und trieben sie in die Arme der christlichen Königreiche, denen der Kultur- und Wissenstransfer sehr zupass kam, bis die katholischen Könige Isabela und Ferdinand in ebensolchen Fanatismus das Judentum nicht mehr dulden wollten und eine Stadt wie Toledo durch die Vertreibung dieser Menschen mit einem Schlag ein 1/5 seiner Einwohner verlor. Noch generationenlang bewahrten die sephardischen Familien die Schlüssel ihrer Häuser in Toledo auf, als Erinnerung, aber ohne Hoffnung. Feinden der Spanier kamen die Flüchtlinge gerade recht, Niederländer, Engländer und Osmanen nahmen viele der Sepharden auf. Viele Synagogen in der Welt haben ihren Ursprung in der Bauweise der toledanischen Gebetshäuser. Aber die hasserfüllten Augen Isabela, der Katholischen, spiegelt dieser Baustil, den es ohne sie nie gegeben hätte, ebenso wider.
Der Niedergang der spanischen Villas, Städte, hat auch in dieser Vertreibung eines Teil ihrer Einwohnerschaft ihren Ursprung. Die Unzufriedenheit wuchs in den ersten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts an und mündete in den Comunero-Aufstand der kastilischen Städte. Als die Aufständischen in der Schlacht von Villalar von Karl I./ V. besiegt wurden, hielt sich als einzige Stadt noch Toledo. Maria Pacheco, die Frau des Feldherrn der Städte, Juan de Padilla, gefallen oder hingerichte bei Villalar, kommandierte die letzte Bastion der Comuneros und handelt mit Kaiser Karl eine ehrenvolle Übergabe aus. Als die Versprechen gebrochen wurden, befreite sie mit eigenen Händen eingekerkerte Aufständische. Vor der Rache des Kaisers mußten sie und ihre Kinder nach Portugal fliehen.
Eine Piratenausstellung, noch weiteres Schlendern bis in die Nacht hinein, endlich einen Schluck Cruzcampo-Bier (Kreutzfeldt-Bier), dann geht es ...

15. Zurück nach Portugal

Nachdem wir mit knapper Not dem Verkehr in und um Toledo entkommen sind, brechen wir in Richtung der portugiesischen Grenze auf. Das ist wirklich verrückt! Der Unterschied zwischen León-Kastilien und der Mancha in Bezug auf Straßenzustand und Organisation des Verkehrs ist deutlich zu merken. León ist organisierter und die Straßen sind im wesentlichen gut ausgebaut, die Mancha ist chaotisch, voller Baustellen und völlig unorganisiert. Aber schon sind wir wieder in den Gredos, damit in León-Kastilien und atmen auf. Etwas fällt uns auf dieser Fahrt wie zuvor wieder auf: Warum marschieren so viele alte Leute in Spanien selbst in der Mittagshitze mit ihren Krückstöcken auf der Straße aus dem Ort hinaus ? Die Straße ist befahren, es gibt sicher schönere Orte, um spazierenzugehen. Oder haben sie irgendwo einen Garten zum Bestellen? Seltsame Sache dies und für uns völlig ungeklärt. Wir können ja nicht einfach anhalten und fragen.
Auf dem Paß von Talavera hinauf in die Sierra gibt es parallel zu unserer Trasse eine erhaltene Römerstraße, auf der wir ein Stück laufen und die wir fotografieren können. Zur Auffüllung der Wasserflaschen gibt es auf der Paßhöhe eine Quelle. Nicht das Wandern, sondern das Spazierenfahren durch die Gredos führt uns bis Barcos de Ávila, dort legten wir eine Besichtigungspause bei der Burg Valdeconeta ein. Zu empfehlen ist auch das bewaldete Gebirge Sierra Peñas de Francia (keine Ahnung, was das mit Frankreich zu tun hat), aber wir müssen über Bejar und Ciudad Rodrigo, in dessen Umgebung sich die Serrano-Schweine auf großzügigen Flächen zwischen den Steineichen und Pinien tummeln, weiter. Denn was wir auf dem Weg nicht mehr finden, ist ein anständiges Hotel zum Übernachten. Ehe wir uns versehen, sind wir schon über die Grenze gekommen und guter Rat war teuer. Manchmal habe ich so komische Eingebungen und meine Idee ist, nach Almeida zu fahren, eine alte Festung an der einst umkämpften Grenze zwischen den beiden iberischen Ländern.
Einst war Almeida auch eine Villa, so lese ich im Faltblatt im Hotel, 1297 noch einmal mit allen fueros (Rechten) bestätigt. 1641 wurden die alten Stadtmauern beseitigt und Almeida wurde als moderne sternförmige Festung ausgebaut. Ja, meine Eingebung hat mich nicht betrogen, wir gönnen uns in Almeida den Luxus, in einer Pousada, einem Ambiente-Hotel ähnlich den Paradores in Spanien (nur etwas billiger) zu übernachten und zu speisen. Bei einem abendlichen Spaziergang kommen Erinnerungen an die Azoren auf. Ganz Portugal ist eine Landeierei! Welch herrliche Ruhe nach dem überschäumenden und heißen Spanien! Almeida ist mit den vielen weißen Häusern inmitten der Festungsanlage eine Überraschung und für uns eine tolle Entdeckung. Auch die Pousada (mit kleinen Lackkratzern) bietet viel Platz, Luxus und Gemütlichkeit und ist zu empfehlen. Von der Terrasse sehen wir eine Sternschnuppe fallen. Wünsch dir ganz schnell etwas Schönes!
Endlich wieder eine Nacht ohne eingeschaltete Klimaanlage, denke ich heute morgen. Es ist herrlich frisch in Almeida. Ich genieße noch den kurzen Augenblick auf dem Balkon, befinde mich hoch über der Festungsstadt, verborgen hinter dem hölzernen Fenstergitter und doch in der Morgensonne, alles sehend. Ein alter Mann bringt ein Pferd vorbei.Wir sehen es später auf der Festungsmauer stehen und grasen.
Noch einen letzten Besichtigungsspaziergang in Almeida gönnen wir uns, bevor wir eine landschaftlich schöne Fahrt durch Portugal beginnen: Über kurvige Straßen, an mittelalterlichen Burgen vorbei, ja einmal führt diese Straße sogar mitten durch einen Trödelmarkt. Eine Umleitung führt uns noch einmal durch Berge, am Rand der Straße steht ein Mann nur mit einem Handtuch bekleidet, kratzt sich an unaussprechlichen Stellen und wundert sich über den plötzlichen Verkehr. Nun ist erst einmal Kaffeepause. Wie gut ! Denn vor dem ...

16. Abschied am Meer (Urraka 11. Jhd. Teresa 11./12. Jhd.)

müssen wir uns den Weg nach Porto zurück über Autobahnen und Schnellstraßen suchen. Vorbei das beschauliche und gemütliche Nordportugal, hinweg die Landeierei! Wir sind in Póvoa de Varzim im Hotel "Torre mar"** und gönnen uns zum Abschluss eine große Suite. Der Abschied am Meer gestaltet sich kühl und windig. Hoffentlich fliegen mir nicht die Worte und Sätze fort. Eigentlich wollte ich mit diesem Abschnitt meinen kleinen Reisebericht sanft ausgleiten lassen, bis zu dem Moment, in dem wir wieder ins Flugzeug steigen müssen. Hannes und ich sind kurz am Atlantik gewesen, haben sogar versucht bei dem Wind mit der Schleuder zu üben, während Annette und Marie-Carmen mit der Metro nach Porto fahren. Das hat sich Carmen schon sehnlichst gewünscht.
Das Auto läßt sich gut am Bahnhof abstellen, aber die Fahrt hinein in die Stadt dauert dennoch über eine Stunde. Unsere Damen genießen die kleinen Gäßchen, urige Läden, besonders fallen Geschäfte mit Taufkleidern auf, die es in Porto überdurchschnittlich zu geben scheint. Man merkt schon, unsere Damen wollen schlendern und einkaufen. Ganz Porto ist eine Kulisse, durch die der Duero fließt! Und so begegnen sie dem Fluß hier wieder an der Brücke von Luis I., einer beeindruckenden Stahlkonstruktion. Annette ist sehr beeindruckt von den steilen Hängen voller Häuser. Ein beschädigter Metrozug verzögerte etwas die Heimfahrt, aber schon sind sie wieder bei uns. Porto ist einen Besuch wert, aber möglichst ohne Auto.
Mir bleibt von diesem Tag ein langer Blick aufs Meer: Não é nenhum poema o que vos vou dizer. Nem sei se vale a pena tenta-vos descrever o mar o mar ... (Es ist kein Gedicht, was ich erzählen möchte, und ich weiß nicht, ob es ein Gewinn ist, es beschreiben zu wollen, das Meer, oh, das Meer ...Übers. Tk) Pedro Ayres Magalhães von der Gruppe Madredeus.
Melancholie beseitigt sich ganz gut mit feinem Essen. Deshalb kurz vor Schluss noch ein bißchen Kulinaria: Ein Dauerbrenner auf der Reise war die Sopa Castellana, die traditionell in Tonschalen serviert wird, eine Brühe aus Knoblauch, Wurst, Ei, Zwiebeln etc. Aber den ganz großen essensmäßigen Höhepunkt gibt es auf dieser Reise nicht in Spanien sondern in Portugal: Für mich am Leckersten war das Schweinefleisch nach Alentejaner Art, sehr zartes Fleisch mit Muscheln, Orangen, Zitronen, Kartoffeln gekocht. Auch hierbei weiß ich nicht, ob es ein Gewinn ist, es zu beschreiben, ich glaube, ich werde lieber versuchen, es beizeiten nachzukochen.
Unser letzter Tag ist heute, jede schöne Reise muß einmal ein Ende haben. Reisen ist ein Symbol für das Leben und man erkennt daran die eigene Vergänglichkeit. Aber hinweg die trüben Gedanken, es gibt auch am letzten Tag noch etwas zu entdecken:
Wir kommen in das kleine Dorf Rates, in dem 1072 ein Cluineser Kloster gegründet wurde. Sicher auf Anregung der Urraka von Zamora, von der bekannt ist, dass sie als unverheiratete Königsschwester mit ihrem Prinzessinengut die Cluineser sehr unterstützt hat, den katholischen statt den westgotischen Ritus vorzog. Ihre Nichte Teresa, Gräfin von Portugal und Halbschwester der Königin Urraka, die wir in Ávila trafen, baute das Kloster in Rates zusammen mit ihrem Mann Heinrich weiter aus und ließ auch die Kirche aus dem 11. Jahrhundert errichten. Da wir diesmal zu spät zum Gottesdienst kommen, bleibt uns nur die Außenansicht und das kleine Museum neben der Kirche, welches Funde von den Ausgrabungen rund um die Kirche ausstellt, von einem Kloster, von dem nichts außer dem Gotteshaus blieb. Die Außenansicht gibt einen guten Eindruck von der cluninesischen Frühromanik gemischt mit galicischen Elementen wieder. Abb. von Malereien im Innern erinnern mich sehr an die Formensprache der Buchmalerei der frühen spanischen Handschriften, den Apokalypsenkommentaren des asturischen Mönches Beatus.
Als ob sich ein Kreis schließen würde, als ob sich alles wiederholen würde. Wir waren am zweiten Tag der Reise auf dem Monte Santa Tecla in einem keltiberischen Castro, und heute besuchen wir auf dem Monte Terroso nahe Póvoa de Varzim ein ähnliches Dorf gleicher Zeitstellung, der gleichen Kultur. Das Freilichtmuseum ist nicht geöffnet, wir sollen uns in der Stadt im ethnologischen Museum melden. Den Zaun können wir aber über einen Steinhügel neben der Pforte bequem überwinden. Hoffentlich ist es eine läßliche Sünde, in ein Museum einzubrechen. Allerdings sehen wir an Fußspuren, dass wir nicht die einzigen Täter dieser Art sind. Neben der Besichtigung der archäologischen Stätte, die hervorragend mit Hinweisschildern sogar in Englisch ausgestattet ist, können wir auch einen Blick auf den Küstenstreifen von hier aus genießen. Dieser sieht aus wie eine einzige Stadt mit kleinen Grünstreifen, kleinen Häusern (wenigen großen Bauten) und Gewächshäusern. Näher betrachtet ist diese Küste voller Widersprüche: Alte Häuser neben Villen, Hochhauskulissen, Müllgrundstücke, Restaurants an allen Ecken, dazwischen die Landstraße Nr. 13, auf der ständig turbulenter Verkehr bis hin zum Stau herrscht. Einmal war diese Küste nördlich von Porto ein einziger Garten, unterbrochen von kleinen Fischerhäusern am Meer. Es kamen die Sommerfrischler aus Porto und Lisboa, bauten ihre Ferienhäuser, es kamen die Spekulanten, die große gesichtslose Häuser mit Wochenendwohnungen und Mietskasernen anlegten. Die Gärten gingen zurück, sind immer noch da, abgelöst von den Gewächshäusern, ein Relikt aus alter Zeit. Es erinnert uns an die dichtbesiedelte Küste Israels, allerdings ist hier die Luft weniger explosiv oder bleihaltig. Und natürlich ist das Meer rauher, wilder, poetischer die Luft, wenn auch Madredeus nichts von einem Gedicht singen möchte.
Abschied am Meer, Abschied vom Meer, einem stürmischen und kalten Salzwind, der unsere Mädels frieren läßt, nur Hannes und ich bauen unermüdlich Burgen aus Sand kurz vor der Dünung. Bevor wir allerdings den Küstenstreifen zwischen Póvoa und Apulia in einen Festungsgürtel aus Sand verwandeln, werden wir genötigt, zurück zu einem warmen Kaffee ins Hotel zu fahren.
Und noch ein Abschied: Nämlich von unserem braven Benz, der in unserem Dienst fast 2600 durch Spanien und Portugal gefahren ist, dabei ganz schön schmutzig wurde. Das sind jetzt also die letzten Zeilen auf dem Flughafen in Porto, bevor uns die Air-Berlin wieder über Palma nach Leipzig bringt. Auf der Hinreise sind diese Häfen aus Luftschlössern und Flugträumen gut zu ertragen, denn man ist froher Erwartung, es sind frohe Tage, die warten, aber auf der Rückreise verströmen diese modernen Hallen nur noch Melancholie aus starrer Technik und Bitternis beim Zurückschauen auf die herrlichen Stunden, die rasch verflossen. Jetzt fehlt mir noch ein schönes Schlusswort, doch das finde ich auf einem Flugplatz nicht, einzig eins: Abflug!

Danksagung

an alle Menschen, die diese Reise möglich gemacht haben. Besonderen Dank an Frau Lendle von terraviva-Reisen für die Beratung und die Buchungen, Anna und Steffen für das Haushüten, Tierefüttern und den Hinbringdienst, Kathrin für den überraschenden Abholdienst. Außerdem herzlichen Dank an Hertz  Porto für das schöne Auto, Küsse und Dank an Annette für den unermüdlichen Fahrdienst und die Hotelorganisation und zudem viele Umarmungen an Leni für den Begrüßungstrunk. Danke an die Kinder, dass sie all die Museen, Kirchen und weitere Kultur so tapfer mitgetragen und ertragen haben. Danke schön auch an alle Menschen in Portugal und Spanien, die uns so gut aufgenommen haben. Die Gastfreundschaft ist ein hohes Gut, und beide Nationen halten sie in großen Ehren.

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Seitenanfang - © 2007 Torsten Kreutzfeldt, letzte Änderung: Oktober 2007, Kontakt mit den Reisenden