Ein
Inhaltsverzeichnis findet sich am
Ende des Reiseberichtes, für die Internetversion
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klicken ..., in der Druckversion die letzte Seite aufschlagen,
ähem, jetzt geht es aber los:
Jede
Reise ...
Jede Reise hat eine Vorgeschichte, so auch diese. Eigentlich kann ich
noch gar nicht glauben, dass wir morgen bereits unterwegs sein
werden.
Unterwegs sein, das heißt nicht, dass alles klappen muß. Nein, kleine
Katastrophen sind einberechnet und gehören zu einer Reise wie der
Knoblauch in die Sopa Castellana (der kastilischen Suppe). Nur nicht
nervös werden, die Spannung genießen.
Was ist nun mit der Vorgeschichte ? Vor dieser Reise gab es zwei
Abschiede und ein großes Fest. Beginnen wir mit der
traurigen Sache, Abschiede sind genauso traurig wie sie unabänderlich
sind, weswegen philosophisch veranlagte Menschen vorschlagen, diese
stoisch hinzunehmen und nicht zu trauern. Wenn aber zwei Menschen,
mit denen ich Jahre zusammengearbeitet habe, jetzt nicht mehr auf ihrem
Platz sind, die Arbeit für immer verlassen haben, können die, die
bleiben, schon ein wenig traurig sein. Doch mit
Erleichterung, wenn auch mit Abschiedstränen, sind beide gegangen. Vor
ihnen liegt der (Un-)Ruhestand. Sie
werden mir fehlen.
Zu den Tränen paßt der Regen und zu unserem Fest im Freilichtmuseum von
Tilleda regnete es dieses Jahr ziemlich viel. Da habe ich mir mit
dem Kaiserlager 2007 - Theophanus Fest - ganz schön was angetan und ich
bin mit der Bewertung lange noch nicht fertig. Viele große und kleine
Katastrophen gab es und einiges schreibe ich mir auch persönlich auf
den Deckel. Wenn aber unsere sehr erfolgreiche Medienarbeit vor und
beim Fest dazugeführt hat, dass das Museum diesen Sommer mehr Besucher
bekommt, können wir schon zufrieden sein. Schwert und Lanze sind gut
eingefettet wieder in die Ecke gelegt worden, der Schild
lehnt am Pfeiler des Gewölbes. Beenden wir die Vorgeschichte, nehmen
wir unsere Koffer und Taschen und fahren zum Flughafen Leipzig. Über
Palma de Mallorca soll es nach Porto gehen. Die Vorgeschichte ist
beendet, die Rei

se
kann beginnen:
1. Nach Porto ...
Unser Schicksal ist es, bei
Flugreisen immer umsteigen zu müssen. Diesmal heißt die Umsteigestelle
Palma de Mallorca und das ist, sagen wir es höflich, ein großer
Bahnhof. Und nun sind wir schon über den Wolken, freuen uns auf das
Abenteuer. Seltsames wird mitunter bei solchen Reisen transportiert.
Eine Mitreisende bringt ihren ausgewanderten Verwandten stets auf
Wunsch Thüringer Bratwürste mit. Das hatte bereits zu Komplikationen
bei der Durchleuchtung und zu einem Kofferauspacken geführt. Vielleicht
sind auch Bratwürste aus Thüringen gefährliche Waffen des
internationalen Terrorismus, gewiß mit Flüssigsprengstoff gefüllter
Naturdarm! Aber regen wir uns nicht über den vielleicht berechtigen
Übereifer der Sicherheitsorgane auf. Bei uns machen die Bücher den
Koffer zu schwer. Das kommt davon, wenn Bibliothekare verreisen! Mit
Kind und Kegel sitzen "Die Prinzen" im Abflugbereich, die wollen auch
Richtung Mallorca.
Wieder zurück ins Flugzeug. Der Flug nach Porto ist angenehm und kurz.
Diesmal bekomme ich einen Fensterplatz und kann bei guter Sicht meine
Augen die ganze Zeit über Spanien schweifen lassen. Leute, schaut doch
besser hin: Da sind die Wälder ! Nun das dichtbesiedelte Portugal,
Aufsetzen in Porto. Der Flughafen ist sehr klein und übersichtlich. Mir
gefällt er. Nach einer kurzen Wartezeit erhalten wir unser
Mietauto, statt eines Clio ein Benz-A-180! Einfach ist es
nicht, vom
Flughafen über die Landstraße in den Norden nach Apulia zu kommen. In
dem Küstenort wartet auf uns für zwei Nächte ein Hotel (das einzige
Haus, das wir in Deutschland buchten, die anderen suchten wir uns
selbst). Das bedeutet::
Etwas Erholung am Meer. Deshalb sitze ich jetzt in den Dünen, und
Meeresrauschen spielt die Begleitmusik zu diesen Zeilen. Anscheinend
hat sich die Begeisterung, am Meer zu sitzen, auf den Ozean zu
schauen und Ruhe zu tun, auf Marie-Carmen vererbt. Sie sitzt etwas
weiter
unterhalb vom mir.
Am frühen Abend des Reisetages sind wir also hierher nach Apulia
gekommen. Ein ehemaliges Fischerdorf, ein leicht ranziger Küstenort,
ein leicht ländlicher Ferienort, das kann alles Apulia sein, so einfach
ist das nicht zu unterscheiden. Große Hotels wie überall auf der Welt
gibt es hier nicht. Unsere Unterkunft mitten im Ort scheint die Beste
zu sein. Zu dem ganzen Küstenstreifen werde ich erst am Ende etwas
sagen, wenn wir noch einmal hierher kommen. Überraschend (erfreulich)
ist auch das Wetter, es lädt uns zur Ruhe ein. Gestern bei der Ankunft
waren es noch 32°, heute höchstens 20° und es ist schon den ganzen Tag
diesig. Ein idealer Tag, um am Strand spazierenzugehen und dem
Meeresleben auf und an den Klippen, und davon gibt es hier eine Menge,
zu beobachten. Annette und Johannes haben viel Spaß dabei. Insgesamt
ist Apulia nichts für verwöhnte
Besucher.
Die würden auch nicht zu "Agostinho" gehen! Das Restaurant atmet
genauso alten Charme wie der ganze Ort. Ein gutes Abendbrot haben wir
uns nach Reisetag und Strandtag allemal verdient. Es gibt gegrillten
Fisch ! Davon kann man sich schon am Eingang überzeugen. Dort steht ein
Holzkohlengrill, der wirklich eindrucksvoll ist, zwei Meter breit und
mit einer Kurbel ausgestattet. Das Kohlenfeuer wird mit einem
Ventilator angefacht. Sowas brauchen wir auch auf Gut Gimritz! So
schmecken nicht nur die Douraden lecker, sondern die besondere
Spezialität sind gegrillte Spieße aus verschiedenen Tintenfischteilen
und Gambas. Noch einmal Meeresrauschen, dann kommt der nächste Teil:
2. Auf
der anderen Seite des Minho ...
Auf der anderen Seite des Minho und noch nicht in Zentralspanien liegt
unser erstes Besuchsziel. Schon lange wollte ich den Monte Santa
Tecla besuchen, dieser Berg bzw. diese prähistoische
Stätte befindet sich auf der anderen Seite des Minho, dem Grenzfluss
zwischen Portugal und Spanien.
Von Apulia aus fahren wir also in Richtung Norden. Aber
Spanien ist nicht so einfach zu erreichen, da eine Brücke gesperrt ist
und wir so einen kleinen Ausflug durch das ländliche Nordportugal
machen
müssen. Sozusagen Autoausflug durch "Nachbars Garten" auf engen
Straßen, die gerade uns durchlassen. In einem Dorf fragen wir mit
"Dónde
estamos?" nach dem Weg, was breites Lächeln auslöste. Aber
schließlich finden wir den Minho, müssen aber bis Valença fahren, um
über den Fluß zu kommen. Auf der spanischen Seite benutzen wir auch die
erste brauchbare
Picknickstelle (area de descanso).
Am späten Mittag erreichen wir den Monte Santa Trega, wie ihn die
Galicier nennen, oberhalb der Stadt A Guarda, ein Ort hoch über Minho
und Meer. Neben viel Fernsicht bietet man uns eine romanische Kapelle,
einen Kreuzweg aus der Zeit des spanisch-religiösen Kitsch und eine
ausgegrabene Siedlung der Castrokultur aus der Zeit von 27 v. und 14 n.
Chr an. Funde sind in einem Museum gut dokumentiert. Aber auch vor Ort
ist die Dokumentation mit guten Hinweisschildern (nur auf galicisch,
läßt sich aber mit Spanischkenntnissen lesen) und Kennzeichnungen im
Mauerbestand, die anzeigen, wo der Fundbestand aufhört und die
Rekonstruktion anfängt, ausgezeichnet. Auf diese Siedlung stießen
Bauarbeiter im Jahre 1913, als eine Straße den Monte Trega hinauf
gebaut werden sollte. Immerhin schätzt man, dass das Castro (v. lat.
castrum) im ummauerten Bereich von 700 x 300 Metern mehr als 3000
Menschen beherbergt hat. Das Innere der Siedlung bestand aus vielen
Rundhütten, die aus Stein gebaut waren und vermutlich mit Stroh
abgedeckt wurden. Die Häuser waren nach Familienverbänden gruppiert.
Das Innere des Castros war das reinste Hüttenlabyrinth. Zwei
vollständige Rekonstruktionen der Hütten machen die Ruinenanlage noch
beeindruckender. Als Hausschmuck, so ist im Museum zu lesen und zu
sehen, wurden mit Triskellen oder Swastikas verzierte
Steinblöcke eingefügt.
Ich mag mich nun nicht an der Wertung beteiligen, ob die von Cäsar
bereits erwähnten Galizier, die in den Castros wohnten, nun Kelten
waren oder nicht. Bleiben wir bei dem archäologischen Begriff der
Castrokultur, die lt. Wikipedia:
eine
eisenzeitliche Kultur der nordwestlichen Iberischen Halbinsel vom
Ende der Bronzezeit (1. Jahrtausend v. Chr.) bis ins erste Jahrhundert
vor Christus darstellt und
in
einem Gebiet, dass sich im Osten bis zum Río Cares und im Süden bis zum Duero erstreckt, vorkommt.
Spätestens mit der Romanisierung war mit den Castros Schluß, und die
heute im Castrogebiet gesprochenen Spachen Galicisch, Asturisch u.
Portugiesisch sind lateinischer Herkunft. Für die historisch
Interessierten kann ich einen Artikel von mir bei Chronico.de anbieten,
unter
www.chronico.de/erleben/historie/0000450/
Alle anderen können mit uns einen einen Abend am Meer verbringen. Das
kleine Hostal mit
Namen "Roca Brava"* nördlich von A Guarda ist günstig und liegt da mit
Blick aufs Meer. Ob man auf diesem "wilden Felsen", wie unser Hotel
grob übersetzt heißt, wirklich gut schlafen kann? Zum Essen gibt es
Salat und fettigen Merluza (Seehecht). Ich hätte ihn lieber gekocht
gehabt. Gehen wir darüber lieber hinweg und schreiten zu:.
3.
Schätze aus dem Meer
Schätze aus dem Meer haben Annette und Hannes noch am Abend geholt:
Wunderbare Steine, Schnecken- und Muschelschalen und die große Schere
eines sagenhaften Krebses. Angesichts dessen, dass meine Leute so das
Meer lieben, frage ich mich, ob wir nicht lieber eine Galicia-Rundfahrt
machen sollen. Nein, heute geht es den Minho entlang zurück nach
Valença und dann weiter ... ?
Fest steht: Die Gegend um die Mündung des Minho hat sehr viel Charme
und Ambiente, besonders die spanisch-galicische Seite, und alles was
für einen ruhigen Urlaub gebraucht wird! Uns hat es sehr gut gefallen
dort, aber wir wollten ja noch etwas weiter. Also wieder hinüber auf
die portugiesische Seite: Diesmal finden wir eine Brücke noch vor
der bei Valença, die es allerdings auf unserer Karte gar nicht gibt.
Tatsächlich ist sie von der port. Seite auch kaum erreichbar, während
von Spanien eine breite Trasse und eine neue Brücke hinübergeht, die
dann in Portugal blind auf einem Kreisverkehr endet. Auf Seitenstraßen
muß man dann die Hauptstraße finden. Beim ersten Versuch verpassen wir
diese und
finden uns prompt wieder auf der Brücke nach Spanien wieder. Zweiter
Versuch klappt! Aber es ist schon grotesk!
Valença ist eine echte Überraschung. Positiv ! Wir wollten nur ein
Geschäft für Marie-Carmen suchen und finden weitaus mehr: Läden mit
Kesseln, Truhen aus Holz, Keramik etc., Dinge, die wir auch für das
Hobby brauchen könnten, wenn wir nur einen Lastwagen dabei hätten. Als
Überraschung entpuppt sich zudem die alte Festung, die um den
historischen Stadtkern herum gebaut worden ist. Seit dem
Unabhängigkeitskrieg im 17. Jahrhundert (Portugal gehörte seit dem
wahnwitzigen Tod des Königs Sebastião, der 1578 von Portugal aus
Jerusalem auf dem afrikanischen Landweg befreien wollte, zu Spanien)
baute Portugal seine Grenze zu
Spanien mit einem Gürtel von Festungen aus. In diesem
Befestigungssystem spielte Valença eine nicht unwichtige Rolle, denn in
Tuy gegenüber war eine große spanische Militärgarnision untergebracht.
Alles sehr beeindruckend und einen Besuch wert. Mit sicheren Gespür
entdecke ich mitten in der Stadt in einer Seitenstraße den ältesten
Bestandteil der Anlage, einen römischen Meilenstein (Säule) aus den
Zeiten Kaiser Claudius (1. Jhd.). Mit den Händen an der Säule legen wir
den Schwur ab, 2009 anläßlich der 2000Jahresfeier der Varusschlacht das
römische Reich tapfer zu verteidigen. Marie-Carmens Blick gen Himmel,
"ach gott sind die wieder peinlich!", veranlaßt uns unsere
"Schwursäule"
zu verlassen, noch ein Foto hinüber nach Tuy zu schießen und die Reise
fortzusetzen:
Noch ein Stückchen durch Portugal, und wieder weiter
auf der spanischen Seite durch schöne und gebirgige Wälder mit
Picknickmöglichkeit inkl. Quellwasser und Schatten. Wir sind auf den
Weg nach Zentralspanien, aber in diesem Bericht wird Madrid, die
Hauptstadt, und ihre Umgebung nicht vorkommen. Warum nicht Madrid ? Die
Entscheidung fiel schon frühzeitig und nicht nur, um Annette den
Großstadtverkehr zu ersparen. Es wäre noch viel mehr ein Stadturlaub
geworden, zudem wären wir Madrid mit ein, zwei Tagen nicht gerecht
geworden. Madrid ist noch einmal eine eigene Reise, für die auch nicht
unbedingt ein Mietauto benötigt wird. Und was dazu kommt: Erholen kann
man sich in einer
Stadt wie Madrid nicht unbedingt, wichtig sind uns aber unsere
Pausenmomente. Apropos Pause:
Jetzt befinden wir
uns noch 180 km von Zamora entfernt auf einer Passhöhe in einem Ort
names A Gudiña, der außer Bars, Tankstellen und einer Kaserne der
Guarda Civil, Wohnblocks mit Stacheldraht und Betonmauer umgeben,
nichts zu bieten hat. Trostloser Ort in den Bergen. Die Bedienung im
Hotel: Mehr als schlampig, Preis und Zimmer aber o.k. Beim Essen der
Fehltritt: Kinder und Annette haben Rinderrippen bestellt. Der Blick
meiner Leute als diese riesigen und z.T. englisch gegrillten Teile
ankommen, ließ mich mitleidig lächeln. Verlassen wir lieber den
Schauplatz des Geschehens und
begeben wir uns zu:
4.
Echter Bienenhonig auf der Passhöhe
"Echter Bienenhonig" (auf Deutsch!) steht an einem "Tante-Emma-Laden"
in einem Ort
kurz hinter der Passhöhe (fast 1400m), das sollte uns doch eigentlich
Glück bringen. Aber Annette kauft statt Honig nur Wurst, Brot und Käse,
ohne dass man ihr einen Vorwurf machen kann. So kann der Tag aber
nichts
werden! In spanischen Hotels gibt es in den meisten Fällen kein
Frühstück, so
dass wir uns auf diese Weise versorgen. Auf unserer kleinen Straße
neben der Autobahn, auf der sich die Laster quälen, geht es hinab nach
León-Kastilien, die Trasse wird zunehmend grader und die Vegetation
karger. Leider gibt es auch keine Picknickplätze mehr. So ist unsere
schönste Pause jene, die wir auf der Passhöhe am Bach Pedro abhalten
und unsere Füsse im eiskalten Wasser kühlen. Da hätten wir eigentlich
den ganzen Tag zubringen sollen, wenn man bedenkt, wie es jetzt
weitergeht:
Denn in Zamora ist ein Höllenverkehr und keine Unterkunft in Sicht. Wir
denken, fahren wir halt nach Toro weiter und kehren später zum
Besichtigen zurück. Es war bereits sehr heiß auf der Meseta. Genauso
wie Zamora liegt auch Toro auf einer Anhöhe über dem Duero. Der
herrliche Blick von der Höhe der Stadt entschädigt für alles.
Tatsächlich finden wir ein schönes Hotel mit viel altkastilischen
Ambiente, das "Juan II."*** befindet sich direkt an der Kathedrale,
ideal! Wir empfehlen es gerne, aber für uns hat es nur für eine
Nacht Platz. Pech gehabt ! Wir wollen eigentlich länger in der Gegend
bleiben. So kehren wir auch Toro den Rücken und kommen nach
Tordesillas. Aber auch hier brauchen wir noch einen vergeblichen
Versuch und lassen schon fast den Kopf hängen, bis wir in der
gastfreundlichen und komfortablen "Pozo de la Nieve" ** Aufnahme
finden. Bei der großen Hitze ist eine "Schneeunterkunft" (Pozo
de la Nieve=Schnee- oder Eisquelle) gar nicht das Schlechteste. Zudem
liegt es nahe an der Stadtmauer. Erst kurz vor der Dämmerung
trauen wir uns wieder heraus, sehen uns noch ein kleines Museum über
den Vertrag von Tordesillas (direkt im alten Vertragsgebäude, dort ist
auch die Touristeninformation) an und essen auf der gediegenen Plaza
Mayor
(Hauptplatz) reichlich und günstig zu Abend. Die Fahne von
León-Kastilien, die es bereits in dieser Form seit dem 11. Jahrhundert
gibt, weht am Rathaus im Wind. Da wir "Löwe und Burg" auch für unsere
Mittelalterdarstellung benutzen, ist Annette sehr erstaunt, "unserer
Fahne" überall zu begegnen. Das war wie nach
Hause zu kommen. Aber nun wird geschlafen, wenn die Nacht auch herrlich
warm ist. Ich möchte im folgenden Teil etwas über den Vertrag von
Tordesillas erzählen, kaum zu glauben, aber:
5. Hier
wurde einst die Welt geteilt (Isabela 15.
Jhd., Juana 16.
Jhd.)
Der Vertrag von Tordesillas zwischen
Portugal und León-Kastilien mit Zustimmung des Papstes regelte 1494 die
Aufteilung der neuen Entdeckungen der beiden Nationen. Portugal bestand
auf der afrikanischen Seite (und später auf Brasilien), León-Kastilien
bekam die seit 1492 im Westen entdeckte neue Welt, eine Taube auf dem
Dach, die sich noch als sehr fett erweisen sollte. Die Entscheidung
Portugals sicherte dagegen die bereits bekannten Gebiete und den Seeweg
über das Kap der guten Hoffnung nach Indien ab. Dadurch trat also
Tordesillas, einst eine wehrhafte Villa (befestigte Siedlung) am Duero,
in das Licht der Weltgeschichte und wenig später noch einmal, bis der
Ort auf das Provinzniveau schrumpfte, das Tordesillas heute hat. Bei
dieser Vertragsunterzeichnung kann ich bereits die erste der
großen Frauen der spanischen Geschichte vorstellen, denn für
León-Kastilien unterzeichnete den Vertrag Isabela die
Katholische, die Königin des Landes. Ihre Heirat mit dem König von
Aragón, Ferdinand, machte das heutige Königreich Spanien erst möglich.
Nicht im Auftrag Spaniens fuhr Columbus nach Westen über das Meer,
sondern im Auftrag des Löwen und der Burg, im Auftrag León-Kastiliens,
Spanien gab es noch gar nicht. Bin ich zu kleinlich ?
Während der Palast der Vertragsunterzeichnung heute noch existiert, wir
haben ihn eben besucht, ein gelbgraues klotziges Gebäude, das gut in
die Landschaft paßt, steht ein anderer Palast heute nicht mehr. Dort
lebte eine der traurigsten Frauenfiguren der Geschichte des Landes zu
Beginn des 16. Jahrhunderts 46 Jahre lang in (selbstgewählter)
Gefangenschaft: Juana la loca wird sie genannt, ich würde sie lieber
Johanna die Traurige (1479 - 1555) nennen. Sie war die einzige
Thronerbin der eben schon erwähnten "katholischen" Könige, Isabela von
León-Kastilien und Ferdinands von Aragón, und damit die erste Königin
des (ohne Portugal) vereinigten Spaniens. Viele Legenden wurden über
sie verbreitet, so soll sie nach dem Tod ihres Mannes Philipp (der
Schöne), ein Habsburger, jahrelang mit seinem Leichnam über die
spanische Ebene gezogen sein. Quelle dieser Legenden werden in ihrem
Vater Ferdinand und dem berüchtigten Kardinal Cisneros
(Moriskenverfolgungen in Granada entgegen der ausgehandelten Verträge)
zu suchen sein, zwei Männer, denen die weibliche Thronfolge ein Dorn im
Auge war und die sie systematisch von der Macht fernhalten wollten.
Sie zog sich nach Tordesillas zurück und überließ das Königreich ihrem
Sohn Karl I. (von Spanien, Karl V. des Heiligen Römischen Reiches). Der
Comunero-Aufstand der kastilischen Städte gegen ihren Sohn Karl I./V.
hätte die Übernahme der iberischen Halbinsel unter das Joch der
Habsburger noch verhindern können. 1520, ein Jahr vor der Niederlage
der Comuneros im Jahre 1521, baten die Städte Johanna, die Krone wieder
in ihre Hand zu nehmen.
Vielleicht hätte noch ihre Mutter Isabela die Klagen der Städte
berechtigt

gefunden und die Macht wieder
aufgenommen,
die von Karl
mitgebrachten Wallonen wieder entmachtet, aber Johanna war ihr Frieden
in Tordesillas lieb, sie genoß ihn noch 34 Jahre lang und wurde hier
beerdigt, später nach Granada überführt und an der Seite ihres Mannes
bestattet. Die Städte (darunter Toledo, Segovia, Toro, Zamora, Ávila
u.a.) wurden besiegt und Karl wurde ein Kaiser, in dessen Reich die
Sonne nie unterging und dessen Landsknechte Rom plündern konnten.
Hörte Johanna in ihrem León-Kastilien davon ? Hätte sie lieber den
Städten ein "Ja" sagen sollen? Wären die Granden des Landes ihr und dem
Anführer Juan Bravo von Segovia trotzdem entgegen gezogen ? Hätte sie
gesiegt oder hätte sie verloren und wäre unweigerlich hingerichtet
worden? Hätte sie "Ja" gesagt, wäre sie wahrscheinlich wirklich die
"Verrückte" gewesen oder auch die "Kämpferische". Die Weltgeschichte
hätte sich verändert. Oder wäre das nur ein Aufschub gewesen, bis
Habsburg endgültig triumphiert hätte? Aber was heißt Habsburg ? Karl
war vielleicht ein Wallone, weil dort erzogen, der in den spanischen
Ländern nicht das nötige Fingerspitzengefühl zeigte. Sein Bruder
Ferdinand, in einer Villa (Arévalo) León-Kastiliens erzogen, wurde
später Kaiser und lebte als Castellano in Wien. Nein, Johannas
"Nein" machte sie endgültig zur "Traurigen". Das Schicksal der Villas,
das zu früheren Zeiten für die Könige lebenswichtig war, war ihr
wahrscheinlich egal. Unberechtigt die Klagen dieser Leute.
Die wichtigste Sehenswürdigkeit in Tordesillas hängt mit Johanna
eng zusammen. Der königliche Palast (mit Ursprüngen bis ins 12.
Jahrhunder) bzw. später der königliche Clarissinen-Konvent von
Tordesillas (v. 1363) war eine Zeitlang Grabstätte von Johanna der
Traurigen. Da der Palast, in dem
Johanna lebte, zerstört wurde, ist dies die einzige Erinnerung an sie.
Dieselben nasridischen
Handwerker, die an der Alhambra in Granada oder an Pedros Alcázar
in
Sevilla arbeiteten, verrichteten auch in Tordesillas ihr wunderbares
Werk.
Palast/Konvent ist somit, und einige Herrlichkeiten haben sich erhalten
und wir bekommen sie zu sehen, ein herausragendes Beispiel der
Mudéjar-Architektur (Mudéjaren=Moslems, die im christlichen
Machtbereich lebten und arbeiteten) außerhalb Andalusiens und fern von
Toledo. Selbstverständlich gehörten auch arabische Bäder zum Palast.
Nur befinden sie sich gerade in Renovation. Unser Reiseführer, der die
Öffnung für 2007 versprach, war da etwas zu optimistisch.
Am Nachmittag überfällt uns die kastilische Hitze, und wir machen lange
Siesta. Im "Vertragspalast" von Tordesillas findet am Abend ein
heiteres Theaterstück über den Vertrag von Tordesillas statt. Trotz
gewisser Verstehprobleme amüsieren wir uns köstlich über die Parodie.
Zumindest eine Hauptperson, Christoph Columbus, ist allen Zuschauern
gut bekannt. Um Mitternacht
gehen wir nach einem Spaziergang zurück ins Hotel. Es sind noch 31°.
6. Zum Gottesdienst
(Urraka 11. Jhd.)
Zum Gottesdienst am Sonntag kommen wir rechtzeitig nach St.
Pedro de la Nave in der Nähe von Zamora, einer reichornamentierten
Kirche aus der
Westgotenzeit, spätes 7. Jahrhundert,
hier
findet die westgotische Architektur ihre vollkommene Harmonie (Palol/Ripoll).
Bis auf die durchbrochenen Steinfenster, zerstört oder im Museum (?),
scheint alles noch original erhalten zu sein. Dabei hätte die Kirche in
einem Stausee verschwunden sein müssen, ist aber von den Einwohnern der
Gegend Stein für Stein abgetragen und am heutigen Standort wieder
aufgebaut worden. Und so kommen wir zu dem Vergnügen, in einer Kirche
der Westgotenzeit Gottesdienst zu feiern. Gleich den Romanen der
ausgehenden Völkerwanderungszeit, die hier zusammen
mit ihrem westgotischen Landlord, der sich im 7. Jahrhundert
kleidungs- und sittenmäßig von ihnen gar nicht mehr unterschied (seit
dem 6. Jhd. sind die Westgoten archäologisch nicht mehr fassbar), vor
1300 Jahren an der Messe teilnahmen. Der Pfarrer heute nimmt
angesichts der durch Touristen
verstärkten Gemeinde seinen Job sehr ernst, dennoch die Angelegenheit
nur 40 Minuten dauert. Der heilige Geist zieht es vor, als Fledermaus
über unseren Köpfen herumzufliegen. Danach kommen ich und andere zu der
Gelegenheit, die Wunder, Friese, Ornamente, Kapitelle, reich
skulptiert, aus der Westgotenzeit ausgiebig zu fotografieren, natürlich
nur ohne Blitz.

Für Zamora ist danach nur noch wenig Zeit. Wir sehen
die Kathedrale,
das Haus des Cid, romanische Kirchen nur von außen, denn ab 14 Uhr
herrscht Siesta-Ruhe. Dafür können wir dem
ethnografischen Museum, einem neuen Prachtbau, etwas Zeit widmen.
Leider darf man nicht fotografieren. Im 11. Jahrhundert belagerte hier
König Sancho von León-Kastilien seinen aufständischen Bruder Alfonso
und seine Schwester Urraka. Auf Seiten Sanchos stand Rodrigo Diaz de
Vivar (El Cid). Bei den nun folgenden Kampfhandlungen rund um die
Belagerung der Stadt und den Kämpfen zwischen leónesischen Kämpfern
(Alfonso) und kastilischen (Sancho) starb Sancho. Damit begann der
Aufstieg der Infanta (Prinzessin) Urraka als Beraterin ihre Bruders und
graue Eminenz des Reiches. Später kolportierte Sagen von der
mörderischen Schwester Urraka, die an Sanchos Tod schuld sei, lassen
sich nicht durch Quellen belegen. Politisch bestimmte sie allerdings an
der Seite ihres Bruders den Weg León-Kastiliens maßgeblich mit, ist
verantwortlich für die Einkerkerung ihres Bruders Garcia auf der Burg
Luna und setzte viele kirchenpolitische Entscheidungen durch, deren
wichtigste der Wechsel in der Liturgie vom westgotisch-mozarabischen
Ritus zum katholischen Ritus war. Urraka von Zamora, eine zwiespältige
und mächtige Frau, ohne deren Hilfe Alfonso VI. niemals ein so
wichtiger König in der Geschichte León-Kastiliens geworden wäre.
Urraka, die Mächtige, müßte ihr Beiname sein, sie selbst nannte sich
Königin. Alfons war ihr ergeben, seine
älteste Tochter erhielt ihren Namen.
Verlassen wir die Mauern Zamoras, die den Tod König Sanchos, die
Schmach
des Cid und den Triumph Urrakas und ihres Günstlings Pedro Ansúrez
(Anführer der leonesischen Kämpfer) gesehen hatten und fahren wir nach
dem Mittagessen noch einmal in Toro vorbei. Toro bildete zusammen mit
Villas wie Zamora und Tordesillas seit dem 10./11. Jahrhundert eine
Linie von befestigten Städten nördlich des Duero und dafür erhielten
die Einwohner Fueros, Rechte, vom König. Zu diesen Rechten gehörte es
auch, Raubzüge ins islamische Gebiet zu unternehmen. Das war sehr
profitabel, allerdings stellte das auch der König irgendwann fest und
forderte von den Einnahmen aus diesen Razzien 1/5 Abgabe für
die königliche Schatulle. Wir sehen, auch Raub und Mord lassen sich
besteuern.
Kaum in Toro angekommen, sieht es so aus, als würde es gleich
gewittern. Wir stellen das Auto auf dem Parkplatz ab, ein Sandsturm
hindert uns am Aussteigen. Ein Gewitter kommt nicht, aber es kühlt sich
trotzdem merklich ab.
Das beeindruckenste an Toro ist die Kathedrale. Sie ist eher klein,
wirkt von außen etwas weniger prächtig als die in Zamora, hat wie
jene aber als Besonderheit eine hohe Kuppel aus Gurtrippen. Diese
Übergangsform zwischen Romanik gibt es nur hier in der Gegend, eben in
Toro und Zamora, sowie bei der alten Kathedrale in Salamanca, einmal
noch in Portugal in Evora. Neben der Kuppel, den gewaltigen Gurttonnen
des Mittelschiffes, entdecken wir noch etwas Schönes: Eine wundervolle
Madonna aus dem 13. Jahrhundert als Skulptur im Mittelschiff. Sie ist
schwanger im enganliegend gegürteten blauen Kleid mit hellblauen
Unterkleid und einem gefütterten Schleiermantel aus Seide. Neben der
Kunsthistorie noch eine soziologische Studie in der Kathedrale in Toro:
Waren es früher (vor 15 - 20 Jahren) die leichtgekleideten Ausländer
aus Mitteleuropa, die in den Kirchen für Anstoss sorgten und manchmal
wegen unbedeckter Schultern oder kurzer Hosen der Kirchen und
Kathedralen verwiesen wurden, so sind es nun die spanischen Touristen
selbst, mitteleuropäisch geworden, die in Shorts, tiefsten Ausschnitten
(ähem) und Strandkleidern, Männer in kurzen Hosen, durch die
ehrwürdigen Kirchenschiffe schreiten, mühsam durch Verbotsschilder am
Blitzlichtgewitter gehindert (was auch nicht immer hilft). Niemand
nimmt mehr Anstoss daran. Nicht, dass ich dem konservativen und
bröckelnden Spanien von einst nachtrauere, aber ein Weltbild ist doch
erschüttert: Was ist nur aus den Spaniern geworden?
Aber schauen wir lieber auf die Kirchenkuppel von außen: León-Kastilien
ist auch das Land der Störche. So viele von den Vögeln wie hier auf
Kirchendächern, in der Luft auf den Feldern (einmal 3 Dutzend
zusammenstehend) haben wir lange nicht mehr gesehen. Auch andere
Tierbeobachtungen gab es heute: Eidechsen, Hannes wurde von einer
Gottesanbeterin angesprungen, und über der Westgotenkirche zog eine
Wiesenweihe ihre Kreise. Kommen wir nun zu den:
7.
Burgen im Duerotal (Rosalía de Castro 19. Jhd.,
Isabela 15. Jhd.)
Die Burgen im Duerotal sind alle im 15. Jahrhundert großartig ausgebaut
worden und dienten mehr zu Repräsentationszwecken, vorrangig dem
Königtum, als zu Verteidigungszwecken. Heute habe ich es doch bereut,
meinen Burgenführer Spanien (v. Leonardy/Kersten, leider vergriffen)
nicht mitgenommen zu haben. Ich muß meinem eigenen Urteil vertrauen.
Unsere Tour geht von Tordesillas nach Simancas. Die Funktion
dieser Burg besteht darin, bereits von Karl V. bestimmt, das
Generalarchiv des spanischen Staates zu beherbergen. Simancas ist eine
kleine, gut erhaltene Burg, die ich nach Beschreibungen immer einsam
inmitten León-Kastilien vermutet habe. Heute führt die Autobahn nach
Valladolid direkt daran vorbei. Wissenschaftler sind schnell von Madrid
herangefahren. Früher mußten sie im Örtchen Simancas Quartier nehmen.
So wohnte auch die Dichterin Rosalía de Castro einige Jahre hier, weil
ihr Ehemann in Simancas historisch und archivarisch zu tun hatte: Die
inzwischen zur Nationaldichterin des Mutterlandes Galicias gewordene de
Castro fühlte sich
in der Sommerdürre León-Kastiliens wie in der Wüste und begann aus
Heimweh zu dichten:
Adiós, rios,
adiós, fontes ... (Ich nehme Abschied von den Flüssen, Abschied
von den Quellen ...) und war tief verletzt, wie verächtlich von
León-Kastilien aus auf ihre Heimat herabgesehen wurde. Kurz und gut:
Simancas können wir also nicht betreten.
Um Hannes noch eine Burg zu bieten, fahren wir also weiter, und da uns
die Burg Peñafiel zu weit erscheint, wenden wir uns südwärts in
Richtung des Vormarsches der spanischen Wiederbesiedlung nach Medina
del Campo. Dort auf einem Hügel erhebt sich über der heutigen Stadt die
Burg La Mota, von den katholischen Königen im 15. Jahrhundert zur
gewaltigen Repräsentationsfestung ausgebaut. Beeindruckend erhebt sich
der Bergfried (15 x 15 m, 44 m hoch, der höchste heute noch
existierende Bergfried des 15. Jahrhunderts) über dem Land, ein aus
Ziegeln aufgetürmtes Machtsymbol der königlichen Herrschaft. La Mota
ist eine Mudéjar-Anlage, gleichzeitig zeitlich eine Renaissanceburg,
die bereits Mittelalterklischees, Rittertum, Burganlage etc. überbetont
und ins Absurde übersteigert. Als Isabela, die Katholische, 1504 in
Medina starb, entweder unten im Ort auf dem Weg zur Burg oder in der
Burg, war bereits Amerika entdeckt, Kriege konnten auch ohne Ritter
gewonnen oder verloren werden. Ein gewisser Martin Luther würde bald
die religiöse Welt Europas mansfeldisch-hemdsärmelig umkrempeln. Im
Gegensatz zu den bereits vorrangig der Repräsentation dienenden
Schlössern an der Loire konnten sich die strengen Prunkbauten Isabelas
dennoch auch verteidigen. Die Anlage stellt bereits eine für das 15.
Jahrhundert typische Übergangslösung zwischen horizontaler und
vertikaler Verteidigung dar, berücksichtigt mit doppelstöckigen
Wehrgängen, darunter noch Kasemattengängen, auch den Einsatz von
Feuerwaffen. 1521 berannten und beschossen die Ausständischen der
Städte, die Comuneros, vergeblich die Burg. Die Einschosslöcher sind
bis heute im Bergfried auszumachen. Auch dem heutigen Besucher bleibt
die Burg zum größten Teil verschlossen: Zwar kann bis zum inneren Patio
und bis in die Ziegelkapelle vorgedrungen werden, aber Wehrgänge und
Bergfried bleiben uneinnehmbar. Gerade für den kindlichen Besucher
(also für Hannes und mich) ein trauriger Umstand. Die Burg beherbergt
standesgemäß die Kultur- und Tourismusabteilung von León-Kastilien,
dient auch als Unterbringungsmöglichkeit für Kurse und Seminare.
Insgesamt aber durch die schlechte Dokumentation und Verschlossenheit
der Burg kein Aushängeschild!
Interessanter als jene übersteigerte Anlage sind die alten Mauer- und
Bauteile der Burg, die weiträumig den Hügel umspannten und im 11./12.
Jahrhundert rasch aus Tapia (einer betonartige Masse aus Lehm, Mörtel,
Kalk
und Kieselsteinen) errichtet wurde. Einst beherbergte diese Anlage die
ersten Christen, die in der ersten Winederbesiedlungswelle südlich des
Duero, über der arabischen Medina am Fluß wohnten. Diese Villa wurde
nach der Eroberung von Toledo (1085) errichtet, und wie eilig man es
hatte, zeigen die Tapiamauern, die man den Hügel entlang und auch noch
als alte Bauteile unterhalb des Ziegelbaus in La Mota sehen kann.
Schnell wurden Häuser gebaut, und die Einwohner erhielten Rechte vom
Königtum. Medina wurde rasch zum wichtigen Handelsort für Merinowolle,
und die Einwohner zogen bald die für den Handel wichtigere Anlage am
Fluss vor. Auf dem nun wieder verlassenen Hügel, der für die
Verteidigung gegen die Mauren sinnlos geworden war, konnte Isabela I.
dann die übersteigerte La Mota bauen lassen, die mehr als alles andere
die Geisteshaltung des isabelinischen León-Kastilien zeigt. Mit
Kopfschütteln verlassen wir also Medina del Campo, aber richtig sauer
wurden wir in ...
8.
Valladolid
Valladolid können wir nicht mehr leiden, eine moderne Großstadt, die
ihren Verkehr nicht im Griff hat. Wir können niemand raten, hier mit
dem Auto hinzufahren: Bei der Einfahrt Stau, Stau, Stau und eine,
höflich gesagt, undurchsichtige Verkehrsführung. Natürlich sind wir
Zudem sauer, dass wir
einen Strafzettel bekommen haben, anscheinend nur wegen dem port.
Kennzeichen, denn jemand zeigte uns an. Die Parkbucht sieht aus wie
eine Parkbucht, ist eine Parkbucht, sieht aus wie eine Parkbucht.
Irgendwo stand allerdings ein Schild, nur "Nur Beladen und Ausladen von
... bis ... " gestattet. Dabei haben wir uns extra außerhalb des
Innenstadtrings gestellt, statt uns dort herein zu quälen. Denn, liebe
Städte in León-Kastilien, die Parkplätze für den Turismo sind ja eine
gute Idee, aber leider stehen dort die Einheimischen, die ihre
Einkäufe erledigen. Nun haben wir die gepflasterte Rechnung, von der
wir noch nicht wissen, wie und wo und überhaupt wir sie bezahlen
müssen.
Davon abgesehen: Eine historische Altstadt ist in Valladolid ohnehin
nicht mehr zu erkennen, die plateresken Fassaden springen uns nicht
gerade an, Hinweisschilder ? Die Plaza Mayor ist prächtig, gewiß, aber
das Wichtigste ist für uns das archäologische Museum mit solchen
"Wundern" wie einem etruskischen Helm eines erschlagenden römischen
Legionärs. Es gibt Tonques (Halsringe) aus Silber der Keltiberer und
vieles mehr, Vaccäer- und Westgotenfriedhöfe. Der große Bruch offenbart
sich zwischen dem 7. und dem 13. Jahrhundert. Keine Funde mehr! Nichts
arabisches und nichts christliches! Traurig, weil dieses
Frühmittelalter genau "unsere Zeit" ist, die wir in unserem
"Mittelalterhobby" als Caballeros Villanos darstellen. Noch ist es eine
Vermutung, aber ich stelle ein völliges Fehlen der
Stadtarchäologie in Spanien fest. Für die Hauptstadt der autonomen
Region León-Kastilien ist das archäologische Museum in Valladolid
ziemlich verstaubt, aber
sicher bin ich jetzt nicht mehr objektiv. Marie-Carmen genießt das
Einkaufen, aber auch das gelingt nicht so richtig.
Wir fliehen also Valladolid, ich empfehle niemanden einen Besuch,
jedenfalls nicht mit dem Auto. Las Casas hin, Columbus her, von dem
Valladolid wie es einst war, bekommt man vielleicht eher in Tordesillas
einen Eindruck. Und weil der Tag noch jung war und nicht so heiß wie zu
Beginn unseres Eintreffen in León-Kastilien, fuhren wir durch
Pinienwälder und über alte Brücken zur Burg Portilla hoch über der
Meseta. Fassen wir es kurz: Wieder ein Repräsentationsbau aus dem 15.
Jhd., von einem Adligen innerhalb einer Stadtanlage der
Südduero-Wiederbesiedlungswelle errichtet. Die "Burgen", aus denen
Kastilien entstand, waren in Wahrheit die ummauerten Siedlungen
(Villas) der Wiedereroberungszeit, mit den Repräsentationsburgen des
Königtums und der Granden begann die "dunkle" Zeit der iberischen
Halbinsel mit Inquisition, Morisken- und Judenverfolgungen. Da, wie ich
ja schon ausführte, das Königreich Spanien vorher noch gar nicht
bestand, war mit seiner Geburt die Intoleranz und die Verfolgung gleich
mitgeboren.
Das Weindorf Rueda auf dem Rückweg verführt zu einem kleinen Imbiss. In
einer kleinen Bar lassen wir uns eine Käse- und Serrano-Schinkenplatte
machen, und ich darf dazu Ruedawein trinken. Annette schimpft, sie muß
noch fahren.
Jetzt heißt es Abschied nehmen von Tordesillas, das uns im "Pozo de
la Nieve"** so gastfreundlich aufgenommen und mit leckerer Küche
bewirtet hatte. Hier gibt es die beste Sopa Castellana. Die Kinder
haben Carlos den Grafiker kennengelernt. Ich trauer der Plaza
Mayor hinterher. Unvergessen der nächtliche Spaziergang bei immer noch
hohen Temperaturen. Statt der Aufteilung der Welt haben wir einen
Vertrag mit den Herzen hier gemacht. In Tordesillas teilt sich unsere
Welt, in eine león-kastilische und in eine deutsche.Wie oft werden wir
noch im Traum über die Meseta schauen ? Tordesillas, wir müssen dich
lassen, und schon sind wir in:
9.
Arévalo, eine kleine Villa (Isabela, 15. Jhd.)
Bereits um die Mittagszeit befinden wir uns an einem anderen
historischen Ort, in Arévalo, einer kleinen Stadt mitten auf der
Meseta.
Im Jahre 1090 wurde sie im Zuge der Wiederbesiedlung das erste Mal
erwähnt, hat sicher heute nicht mehr Einwohner als zur Zeit seiner
höchsten Bedeutung im 15./16. Jahrhundert. Vieles, Mauer, Kirchen,
Brücken ist im Mudéjarstil ausgeführt und stammt aus dem 12./13.
Jahrhundert. Neben der heute noch bestehenden Repräsentationsburg aus
dem 15. Jahrhundert vom Herzog von Arévalo, einst Teil der
Stadtbefestigung, gab es noch inmitten des Ortes einen Palacio Real,
einen königlichen Palast. Er befand sich etwa dort, wo sich heute ein
großer Platz hinter dem heute noch erhaltenen prächtigen Stadttor
befindet. In diesem heute leider verschwundenen wahrscheinlich mudéjar
ausgeführten Palast wuchsen Isabela von León-Kastilien und Kaiser
Ferdinand I., Bruder vom Karl V. und Enkel Isabelas, auf. Kaum durch
das Tor nach außen geschritten, steht da auch eine energische kleine
Frau aus Bronze. Antisemiten, sind sie lange genug tot, wie Isabela
oder Luther, darf man Denkmäler errichten.
Im Stadttor kann man sich im Turismo des Ortes über Denkmäler,
Restaurants oder Übernachtungsmöglichkeiten informieren. Interessanter
ist die Ausstellung von Fotos und Filmen eine Treppe höher. Richtig
sinnlich erfahrbar ist alles durch die Pinienzweige und ausgestreutes
Stroh. Der Ausstellungsgegenstand ist das Treiben von Stieren mit Hilfe
von Pferden. Zunächst geht es durch einen Pinienwald und danach über
die Felder in Richtung des Ortes. Die Reiter tragen Lanzen oder Stöcke.
Da wird mir klar, warum die león-kastilische Caballero-Reiterei so
effektiv war. Noch heute reiten die Villanos aus, um mit Lanzen ihre
Stiere zu treiben. Von einer touristisch noch unbekannten Villa geht es
in eine der bekanntesten, nach:
10. Segovia,
märchenhaftes Geburtstagsständchen in Stein (Isabela,
15. Jhd.)
Nach vielen Jahren bin ich einmal wieder in der "Märchenstadt". Annette
und
ich lassen die Kinder im Hostal "Venta Magullo"** und machen sofort
eine Tour durch die Stadt. An der Mudéjarkirche St. Lorenzo vorbei, in
der wir von einer jungen Frau, deren orientalische Kleidung gut zum
Baustil der Kirche paßt, freundlich informiert werden, nicht nur über
die Kirche, sondern auch über die Fiesta in Viertel St. Lorenzo,
wandern
wir bis nach Vera Cruz, der Templerkapelle, die leider schon
geschlossen ist. Das war eine lange Strecke, aber Ich habe Annette
nicht zu viel versprochen: Segovia
ist wie ein Traum, und hinter diesem Traum beginnt die Weite und
Kargheit León-Kastilien. Auch das Licht ist anders, was kein Wunder
ist, denn wir befinden uns hier bereits über 1000m über dem
Meeresspiegel. Ich finde sogar meinen Schleichpfad hinauf zum Alcázar
wieder, aber vor über 20 Jahren bin ich diesen bestimmt rascher
hochgestiegen. Für die Besichtigung ist es leider zu spät, das
holen wir morgen mit den Kindern nach. Wir gehen einmal durch die Stadt
bis
hinunter zum Aquädukt, sehen Wohntürme, Palazzos, Kirchen, grüßen das
Denkmal von Juan Bravo, dem Anführer der Comuneros aus Segovia. Die
Kinder warten schon auf uns und auf das Abendbrot im Hostal.

Zweiter Tag in Segovia: Diesmal fahren wir zusammen mit den Kindern mit
den Bus in die Stadt. Über das Handy kommen Geburtstagsgrüße für
Annette. Wir schenken ihr diese
Märchenstadt und einen Besuch im Märchenschloss, dem Alcázar von
Segovia, Turmbesteigung inkl.
Später im Museum von Segovia können wir
in einer Animation recht schön die Entwicklung dieser Residenz sehen:
Von einer römischen Garnison zu einer Burg des 12. Jahrhunderts,
erweitert im 13. Jahrhundert und großzügig ausgebaut zur Residenz der
Könige im 15. und 16. Jahrhundert, bis der Alcázar zum Gefängnis und
zur Artillerieschule degradiert wurde, im 19. Jhd. teilweise abbrannte
und heute Museum ist. Mudéjardecken und Bauteile aus der Residenzzeit
dominieren. Wenn ich von allen Wundern dieses Bauwerkes berichte, bin
ich wahrscheinlich morgen früh noch nicht fertig. Eines dazu noch:
Isabela, ihr Leben ist schon fast wie eine roter Faden auf dieser
Reise, läßt uns auch heute nicht los: In Segovia ereilte sie die
Nachricht, dass ihr Bruder gestorben war. Vom Alcázar aus ritt sie zum
Hauptplatz der Stadt, wo Adel und Volk sie zur Königin von
León-Kastilien ausriefen.
Wir
steigen auf den Bergfried hinauf. Ein Plateau aus Steinen mit kleinen
Ziertürmen und ringsherum eine wundervoller Sicht erwartet uns. Annette
ist besonders davon begeistert, dass hinter der kleinen grünen
Schlucht,
die der Fluß gebildet bat, die
Ebene ohne Bebauung weitergeht. Der Blick ist somit nicht anders als
vor 500 oder 1000 Jahren um diese Jahreszeitt: Abgeerntete oder in
Ernte
begriffene Weizenfelder, in der Ferne die Berge. Hinter uns sehen wir
die Stadt mit der gewaltigen spätgotischen Kathedrale, an der Seite
über das Flußtal hinweg steht auf einen Felsen immer noch Vera Cruz,
trotz bester Besichtigungszeit ungeöffnet. Wir sehen Leute aus Autos
aussteigen und zornig an der Templerkapellenpforte rütteln.
Gar nicht weit vom Alcázar entfernt und sehr zu empfehlen ist das neu
und modern in der "Casa del Sol" direkt an der Stadtmauer gestaltete
archäologische Museum. Wir können es nicht auslassen. Besonders
eindrucksvoll sind die Animationen (Aquädukt und Alcázar), die
Präsentation in Filmsequenzen (die Vorführung über die Herstellung von
Steinwerkzeugen ist genauso gut bis besser inszeniert als
Vergleichsweises vom Experten in Schleswig-Holstein Harm Paulsen) und
natürlich wundervolle Westgotenfunde von Fibeln bis hin zu
Bernsteinketten. Ich kann mich gar nicht losreißen. Hannes, mein
Begleiter, zeigt sehr viel Geduld. Lobenswert, wir sind jetzt schon das
zweite Mal drin, weil wir das erste Mal nicht alles geschafft haben und
zahlen nur einmal Eintritt. Kinder zahlen in den zusammengefassten
archäologischen (und anderen?) Museen in der Verwaltung von
León-Kastilien gar keinen Eintritt. Super !
Reden wir jetzt über das Essen. Da haben wir Pech in Segovia. Unser
Mittagessen ist das schlechteste der ganzen Reise. Schade, denn es soll
ja das Geburtstagsmahl für Annette sein. Dafür können wir die Küche
unseres Hostals "Venta Magullo"** sehr empfehlen, leider etwas
außerhalb, dafür mit
ausreichenden Parkmöglichkeiten und Busanbindung, das uns gestern abend
hervorragend ! - das erste Kindermenü in Spanien ! (Doppelpluspunkt) -
beköstigte. Zudem macht man hier auch nicht die neue Unsitte mit, in
den Comedoren (Essensräumen) das Rauchen zuzulassen. Das
hätte es vor 30 Jahren nicht gegeben ..., ähem, zu welchen Aussagen der
Zorn einen treiben
kann!
Eine Siesta im schönen Park unterhalb des Alcázar hat natürlich den
Nachteil, das man hinterher wieder den Berg hochsteigen muß. Hannes
kann dafür nach der Mühe auf die Stadtmauer steigen und ich mich an der
Mudéjararchitektur des Sankt-Andreas-Tores freuen. Die Mädels schicken
wir
Geburtstagseinkaufen. Sehr schön übrigens in Segovia die
Straßenkünstler, solche Darbietungen habe ich bislang noch nicht
gesehen. Allerdings nervt der Autoverkehr in den engen Gassen sehr! Der
spanische Tourist hat wenig Zeit und muß rasch zum Alcázar fahren, auch
wenn er dort keinen Parkplatz mehr bekommt! Egal, Papa wartet in der
zweiten Reihe und Oma, Mutter, Kinder gehen fotografieren und ausgiebig
besichtigen. Oder die Warnblinkanlage macht es für alle. Übrigens gibt
es auch ein Hexen- und Gruselmuseum in Segovia. Dort ist die Mumie von
Voldemort ausgestellt! Ich versprach ja schon Märchenhaftes.
Wer kann schon unterhalb eines römischen Aquädukts aus dem 1. Jhd. in
den Bus ein- oder aussteigen! Dieses Bauwerk ist das Beeindruckendste
an Segovia, fast 2 Jahrtausende steht es schon hier und noch
vor 100 Jahren sorgte es für die Wasserversorgung der
Innenstadt. Wir unternehmen einen kleinen Abstecher zur Fiesta in St.
Lorenzo,
wo sekundenschnell die Stiere durch die Gassen an uns
vorbeistürmten,
während sich ihnen Wagemutige entgegenwarfen oder vor ihnen auf die
Absperrung flüchteten. Hier kann der Mann noch Mann bzw. Stier sein.
Hinauf jetzt aber, gestärkt durch Kaffee und mehr in einer
Frühstücksbar, die Treppen bis zum Niveau der Wasserrinne. Dort hinten
aus den Bergen, die bereits zum Greifen nahe sind, kam das klare Wasser
für Römer und Nichtrömer in Segovia. Leider wird Annette kein Blick in
die Wasserrinne gegönnt, ohnehin trocken jetzt! Hannes und ich haben im
Museum eine wundervolle Simulation gesehen, wie es funktionierte.

Wir setzen eigene Schwerpunkte bei der Besichtigung. Romanische
Bauwerke und Mudéjarkirchen gibt es hier mehr, als man anschauen bzw.
begreifen und auseinanderhalten kann. Hoffentlich kann ich hinterher
die ganzen Kapitelle zuordnen. Die spätgotisch-isabelinische Kathedrale
sehen wir nur von außen. Zum Eintritt muß man zwei Reihen
Verbotsschilder überwinden, die sowieso keiner beachtet. Unser
Hobbyblick führt uns woanders hin. Direkt im Viertel nahe dem Aquädukt
finden wir das kleine Kirchlein St. Juan de los Caballeros, auf das wir
im Museum aufmerksam wurden. In der Simulation im Museum (zudem steht
dort auch noch ein Modell) haben wir sehr gut gesehen, wie die Kirche
sich von der Westgotenzeit bis heute entwickelt hat. Anhand der kleinen
Kirche kann ich sogar ein wenig (keine Angst !) Geschichte von Segovia
erzählen. Auch Segovia war einst eine keltiberische Vaccäerstadt, dann
römische Garnisonsstadt, davon erzählt der Aquädukt noch tolle
Geschichten. Nach der westgotischen Eroberung der iberischen Halbinsel
wurde die Kirche St. Juan errichtet. In Segovia, einst römisch, lebten
weiterhin Menschen, die Westgotennekropolen der Umgebung sprechen eine
eigene Sprache. Unter den Arabern war die Stadt nur ein
Vorposten, das Kirchlein muß wie ganz Segovia stark zerfallen sein. Nur
wenige Bauteile zeugen noch von der Westgotenzeit. Segovia lag nun an
der Nordgrenze des Emirats/Kalifats Córdoba und später an der des
Taifa-Königreiches Toledo. Nördlich davon lag die Duerolinie, die bis
zur Wiederbesiedlung weitgehend entvölkert war (was in der Absicht
beider Kriegsparteien lag). Im 10. Jahrhundert regte sich wieder Leben
auf Segovias Felsen, denn das Kirchlein wurde als Gotteshaus wieder
hergerichtet. Entweder konnten die mozarabischen Christen in Segovia
unter einem toleranten Emir wieder ihren Kult ausführen (Neubau von
Kirchen ist im Islam zwar nicht gestattet, aber hier handelte es sich
wohl mehr um eine Renovierungsmaßnahme!) oder Segovia befand sich vor
jeglicher urkundlicher Erwähnung bereits wieder ganz oder teilweise in
der Hand von León-Kastilien. Die Berber- und Söldnerregimenter des
furchtbaren Al-Mansur werden auf ihren Zügen Richtung Norden
diesem neu erblühten christlichen Leben zur ersten Jahrtausendwende
rasch ein Ende gemacht haben. Wehe, wer sich nicht verstecken konnte.
Schreckliche Züge von christlichen Sklaven zogen gen Códoba. Aber
bereits wenige Jahrzehnte später zogen die Männer des Königs
ungehindert über die ganze Halbinsel und zogen von den islamischen
Stadtkönigreichen (Taifas) ihre "Schutzgelder" ein. Als 1082 einmal
einer dieser "Kassierer", zufällig ein Jude, vom Emir von Sevilla
umgebracht wurde, unternahm König Alfons VI., der Bruder der mächtigen
Urraka, eine Strafexpedition,
verwüstete das Tal des Guadalquivir in Andalusien, ritt südlich von
Cádiz in den Atlantik und rief aus: "Hier stehe ich an der äußersten
Grenze von al-Andalus, und ich habe es mit Füßen getreten." Diese Szene
ist im Alcázar von Segovia dargestellt und sei hiermit erwähnt. Die
Juden Toledos erkannten seitdem im Königtum einen zuverlässigen und
wichtigen Beschützer (oder in diesem Fall einen Rächer) und so sollte
es lange bleiben. León-Kastilien konnte im 11. Jahrhundert die
Halbinsel dominieren und ausbeuten, aber beherrschen oder auf einem
Schlag neubesiedeln konnte es sie nicht. Das Land selbst war zu dünn
besiedelt, und mit königlichen Rechten mußten die Wehrsiedlungen
reizvoll gemacht werden. Nach 1085, der Eroberung Toledos, änderte sich
zudem die Lage mit einem Schlag: Eine neue Welle von islamischen
Eroberern war von den Taifa-Königen zu Hilfe gerufen worden, aus
Nordafrika gekommen und
León-Kastilien fand sich in einer Verteidigungsposition wieder.
In dieser Situation wurden Medina del Campo, Arévalo und Segovia zu
Villas. In St. Juan de los Caballeros zeugen drei Sakophaggräber von
dieser Zeit. Die Villanos Diá Sanz, Fernan García und einer dritter,
deren Namen wir nicht mehr wissen, der aber wahrscheinlich der Anführer
war, da er erhöht zwischen den beiden anderen liegt, beteiligten sich
an der Eroberung Madrids 1083 wahrscheinlich im Zuge des Vormarsches
auf Toledo. Zu dieser Zeit war also Segovia mit Sicherheit in der Hand
von León-Kastilien, wenn es auch nur wenige Männer gewesen waren, die
den Felsen verteidigten. Aber als St. Juan, wir befinden uns immer noch
in dieser Kirche, im 12./13. Jahrhundert ausgebaut wurde, war die Stadt
bereits sicher und im Aufschwung begriffen. Die Villanos von Segovia
unternahmen nun mit den Kollegen aus der Nachbarstadt Ávila eigene
Raubzüge, scherten sie wenig um die neuen Eroberer, zogen 1132 nach
Süden, schlugen überraschend den Emir von Córdoba und seine Regimenter
einen Tagesmarsch vor dessen
Stadt und kamen reichbeladen nach Hause zurück. Das waren übrigens
nicht alles Reiter, die Hälfte der Männer ging von Segovia bis Córdoba
über Stock
und Stein zu Fuß und wieder zurück.
Verabschieden wir uns von den Herren Diá Sanz und Fernan García, der
Kirche St. Juan de los Caballeros, die nach Verfall seit dem
Mittelalter durch den Kauf eines Kunsttöpfers im vorherigen Jahrhundert
gerettet werden konnte und heute ein kleines Museum ist. Den schattigen
Platz an der Stadtmauer neben der eben ausführlich erwähnten Kirche
haben wir inzwischen gegen einen schattigen Platz vor unserer Venta
getauscht. Wenn wir auch manchmal durchbesichigen oder durchschlendern
möchten, zwingt einen doch der immer noch konsequent eingehaltene
spanische Tagesablauf zur Pause. Für Museen ist das manchmal sehr
enttäuschend, und Marie findet die Schließzeiten beim Einkaufen lästig,
aber es hat wohl schon seinen Sinn. Noch eine Kleinigkeit. Für
abgekühltes Bier u.ähnliches werden die Gläser hierzulande im Eisfach
gelagert. So wird das Bier besonders kalt, eisfachglaskalt! Drei
Übernachtungen in Segovia sind rasch zu Enge gegangen, morgen geht es:
11.
Nach Ávila ... (Jimena 11. Jhd, Urraka, 12.
Jhd.)
Nach Ávila sind wir heute gefahren, leider ohne Area de Picnic auf dem
Weg für eine Frühstückspause. Dafür haben wir rasch ein Hotel, "Santa
Teresa"** gefunden, nachdem wir bereits einmal um die Stadtmauer
gefahren sind. Mit Segovia haben wir den östlichsten Teil unserer Reise
erreicht. Ab jetzt geht zurück in Richtung Porto. Nach Abladen des
Gepäcks machen wir eine kleine Tour in die benachbarten Berge, Ávila
liegt noch höher auf etwa 1130 Metern, aber das hält die Bauern
ringsherum nicht ab, dennoch Getreide anzubauen, wahrscheinlich sind
ihnen die Steine und Heiligen inzwischen ausgegangen. Steine, genauer
graue Felsbrocken, die die Hänge über und über bedecken, aber keine
Heiligen, finden wir auf einer Nebenstraße auf dem Weg nach
San Bartolomeo. Mitten in den Bergen an einem schattigen Plätzchen an
einem Friedhof halten wir also unser Mahl und vertilgen mitgebrachte
Vorräte, zurück geht es über eine atemberaubende Schnellstraße auf
1400m Höhe nach Ávila.
Ruhe tun, Siesta halten, erst hernach geht es in die Stadt. Ich kann
nichts dafür: Wir finden zuerst ein archäologisches Museum, heute
freier Eintritt. Der schönste Fund hier ist eine guterhaltene Falcata
iberica, ein keltiberisches kurzes Hiebschwert. Vielleicht kann Steffen
(unser Schmied) dieses Stück für mich nachschmieden. Und weil es so
schön war, gibt es neben dem
Museum gleich noch ein Depot mit Steinfunden: Iberische Tierplastiken,
römische Gräber und kufische Inschriften aus der Maurenzeit. Jetzt sind
wir in einer rustikalen Bar an der Stadtmauer. Ich befürchte stark,
dass ich nicht so frei herumklettern darf wie bei meinem letzten Besuch
in Ávila im November 1985. Nun, heutezutage kostet das Betreten der
Stadtmauer Eintritt (hoffentlich für die Erhaltung), die Mauern sind
gesichert und es gibt Wachleute, damit die Touristen keinen Unsinn
machen können. Aber immerhin läßt das Weltkulturerbe an zwei
Abschnitten das Betreten zu, etwas 40% der Stadtmauer würde ich
schätzen, ist begehbar. Ob die anderen Teile des Weltkulturerbe noch
hergerichtet werden, weiß ich nicht zu sagen. Für Hannes ist diese
Ansammlung von zinnenbewehrten Mauern, Mauertürme fast jede 20m, jeder
Turm mußt bezwungen, von jedem der grandiosen Tore herabgeschaut
werden,
dennoch ein großes Erlebnis und entschädigt für all die Burgen, die wir
nicht so anschauen konnten, wie wir das wollten. Schon macht Hannes
Pläne, wie die Stadt zu verteidigen sei und welche Chance die Angreifer
hätten.

Wie entstanden diese Stadtmauern ? Dazu müssen wir
León-Kastilien am
Ende des 11. Jahrhunderts nach der bereits erwähnten Eroberung von
Toledo im Jahre 1085 betrachten. Die
übriggebliebenen Taifas hatten die Almoraviden, die "Männer des
Klosters", gerufen, die nicht nur einen fundamentalistischen Islam nach
Spanien brachten, sondern unserem König Alfons VI. eine Niederlage nach
der anderen beibrachten. Die schlimmste verlorene Schlacht war jene von
Uclés, die Alfons VI. den Thronfolger und Sohn nahm.Vorher hatte er
bereits Valencia wieder räumen müssen, das sich nach dem Tod des Cid
nicht mehr halten ließ. Tragisches Schicksal beider Männer: Beide,
Alfons und der Cid, verloren ihre Söhne in der Schlacht gegen die
Almoraviden. Doña Jimena kehrte zusammen mit dem Leichnam ihres Mannes
nach León-Kastilien zurück. Nachdem Valencia geräumt war, nichts dem
Feind mehr in die Hände fallen konnte, ließ Alfonso VI. seine Männer
die Stadt in Brand setzen. Der Mann, der einst in den Atlantik geritten
war, um der ganzen Welt zu drohen, mußte sich nun schmählich
zurückziehen. Was hat dies mit der Stadtmauer von Ávila zu tun? Laßt
mich doch zu Ende erzählen: Denn da der König alle Hände im Süden voll
zu tun hatte, war es die Gräfin von Galicia, Urraka, des Königs Tochter
und nach ihrer Tante benannt, von der wir bereits in Zamora hörten, und
ihr Mann Raimund, ein Ritter aus Burgund, die die heute berühmte
Stadtmauer von Ávila in Auftrag gaben und dafür sorgten, dass die Villa
besiedelt wurde. Nach dem Bau dieser gewaltigen Wehranlage, mit
Villanos besetzt, von deren Tapferkeit wir schon in Segovia hören, wäre
es keinem arabisch-berberischen Reiterheer mehr gelungen, auf die Ebene
zwischen dem Gebirge und dem Duero zu fluten. León-Kastilien war trotz
der Niederlagen in den Schlachten sicher. Jimenas Valencia mußte trotz
des in allen Schlachten unbesiegten Cid wieder aufgegeben werden.
Vor dem Abendbrot können wir die Berge in der Ferne von unserem Hotel
aus sehen, dorthin wollen wir morgen, in die ...
12. Sierra de Gredos
(die Tochter Gottes, ? Jhd.)
Auf die Berge hat sich Annette besonders gefreut. Für den Leser dieses
Berichtes heißt das, Erholung von Archäologie und Geschichte.
Heute wird nur gewandert und wir werden weder Isabela, noch Alfonso und
schon gar nicht Urraka dort treffen. Eigentlich kann ich mich heute
ganz zurücklehnen, denn es ist alles in dem Buch vom Chef unseres
Reisebüros Herrn Roberto Cabo beschrieben (Reiseführer Natur Spanien,
München 2001). Die Tour 17., dort nachzulesen, gibt Tipps für eine
Wanderung in der Sierra de Gredos. Schade, dass es nur diese eine Tour
im Bereich unserer Reiseroute gibt. Von Ávila aus ist der Startpunkt
für
unseren Gebirgsausflug leicht und schnell zu erreichen. Wir stellen
aber rasch fest, dass es auch in den Gredos eine Menge Möglichkeiten
zum Bleiben gibt (vom Parador bis zum Campingplatz). Hier ist also ein
Gebirgswanderurlaub mit Kulturtourismus in Zentralspanien gut zu
kombinieren. Aber auch wenn man z.B. in Ávila übernachtet, ist schon
die Autofahrt in die Gredos ein Erlebnis: Es geht wieder über hohe
Pässe, wir
passieren imposante Schluchten und es gibt die absonderlichsten
Felsformationen aus großen Granitblöcken rechts und links der
Straße. Zudem liegen Orte mit seltsamen Namen wie "Hija de Dios"
(Tochter Gottes) auf unseren Weg.
Vor dem großen Pass hinunter nach La Mancha fahren wir Richtung Hoyos
de Espina ab. Es folgt eine schmale, aber keine steile Straße. Jetzt
sind wir bereits in den Gredos. Vorsicht, in Hoyos de Espina darf nicht
der Abzweig zur Plataforma, dem Parkplatz und Ausgangspunkt unserer
Wanderung verpaßt werden, es folgen weitere 12 km schmale und schöne
Straße. Der Campingplatz und die improvisierte Bar vor einer Bachbrücke
sind die letzten Reste der Ziviliation, die wir sehen. Haben wir uns
gedacht ! Denn auf der Plataforma, es ist Sonntag, herrscht
Hochbetrieb,
und trotz der Größe des Parkplatzes finden wir gerade am letzten Ende
vor dem Bus einer Wandergruppe aus Asturien einen Platz und winken
hinter uns noch eine spanische Familie ein. Allerdings dominiert
ausschließlich spanischer Tourismus,
unser "Portugiese" ist das einzige ausländische Auto.
Vom Parkplatz geht es nun über einen römerstraßenähnlichen Steinweg zur
Laguna Grande und der Gebirgskulisse des Circo de Gredos hinauf, das
sind 30 Gipfel, bis 2592m hoch. Roberto Cabo behält in seiner
Beschreibung recht, der Weg ist nicht zu verfehlen, zudem sind seit
seinem Besuch große Hinweisschilder aufgestellt worden. Die Strecke ist
durch den steinigen Weg und die vielen Steigungen anstrengend, aber
auch für Ungeübte gut machbar. Dass wir nicht alleine wandern würden,
schien nach der Lage auf der Plataforma klar, aber die
"Völkerwanderung" verlief sich nach dem ersten Anstieg relativ schnell
und nicht alle wollen anscheinend die ganze Strecke wandern. Die
"Gucktouristen" erreichen kaum die erste Anhöhe. Andere marschieren mit
großem Gepäck an uns vorbei, auch Zelte sind unter die Rucksäcke
geklemmt, hier hat man einen längeren Aufenthalt in der Höhe der Gredos
vor.
Für die Wasserversorgung ist am Weg gesorgt, zwei gefasste Quellen
an unterschiedlichen Abschnitten des Weges harren der leeren
Wasserflaschen.

Hannes
ruht nicht, bis er an einem Bach kleine Bergkristalle, Teile einer
Druse, gefunden hat. An Tierwelt gibt es die Eidechsen, die so häufig
zwischen den Steinen herumsitzen, springen, laufen, dass wir aufpassen
müssen, nicht auf sie zu treten. Die Steinböcke kommen bis an die
Lagune, und stellenweise an den Weg, um zu trinken und vielleicht von
den Wanderern ein Brot abzufassen. Macht sich sehr gut für die
Fotografen. Marie bekommt einen Riesenschreck, als so ein Böckchen auf
sie zukommt
Wir dagegen müssen Essen und Trinken bis an den See
schleppen, und dort gibt es zur Halbzeit sozusagen einen Lagunenimbiss
mit den üblichen Schmausereien. Gestärkt vom Essen und ganz erfüllt von
der gewaltigen Kulisse des Circo de Gredos geht es auf demselben Weg
wieder zurück. Es kann einem auch bange werden im Herzen, wenn man zu
lange in eine tiefe Gebirgslagune schaut. Gestartet sind wir an der
Plataforma auf 1700m, aufgestiegen sind wir auf ca. 2000 - 2100m ,
zum See geht es wieder ein Stückchen herunter. Alles ohne große
Gefahren und gut mit Kindern zu machen. Die Landschaft ist nicht mit
einer Wanderung in den Alpen zu vergleichen, eher mit den Pyrenäen, die
Natur ist rauh, zum Teil unwirklich. Besonders schön soll die Wanderung
im Frühsommer sein, wenn der Ginster blüht und auf den Spitzen der
Berge noch Schnee liegt. Aber auch wir sehen heute Blüten: Enzian in
einem unwirklichen Blau. Mit dem Wetter haben wir Glück: Zwar brennt
auf dem Hinweg die Sonne, aber auf dem Rückweg bedeckt sich der Himmel
und es ist nicht mehr so heiß.
Überhaupt das Wetter: Bis auf den Tag in Tordesillas, an dem es noch in
der Nacht über 30° war, haben wir nicht sehr unter der Hitze zu leiden.
Wir stellen uns mit unseren Tagesablauf auf ein sonniges Land ein und
so wird es nicht so beschwerlich. Hier in Ávila ist es kühler und
direkt angenehm. Dennoch lassen wir es nach der Wanderung ...
13. Die Kinder dürfen
heute ausschlafen (Isabela 11. Jhd., Urraka
12. Jhd.,
Teresa 16.
Jhd. und Isabela 15. Jhd.)
Annette möchte mit mir in der
Frühe die Kathedrale besichtigen, ein frühgotischer Bau, der bis in die
Neuzeit hinein gebaut wurde und an dem besonders auffällt, das seine
halbkreisförmige Apsis mit zwei Zinnengängen ausgestattet ist, und
somit Teil der Stadtbefestigung war. Da wir es doch nicht zur Frühmesse
geschafft haben, entscheiden wir, dass wir die für uns wichtigere
Kirche
San Vicente vor dem gleichnamigen
Stadttor besichtigen wollen. Das ist gar nicht weit. Unsere seit
Segovia
eingeläutete Kathedralenabstinenz setzt sich fort. Wir möchten
damit aber keinesfalls ein Beispiel geben. Wir setzen unsere eigenen
Schwerpunkte. Aber immerhin kann ich noch über die Kathedrale aus
meinem Tagebuch von 1985 berichten:
Dieser
Berg aus Granit ist teils noch romanisch, die Bögen und das Innenleben
aber bereits gotisch bis spätgotisch. Vorbei an alten Rittergräbern im
Innern, die gerüsteten Plastiken sind sehr gut erhalten und imposant,
entdeckte ich ein wahres Wunder, denn das Rund um die Apsis, die
gotischen Bögen all dies ist aus weißrot geäderten Steinen erbaut, das
ergibt die herrlichsten Lichteffekte, wie Batikstoff sieht das Ganze
aus, eine Hippiekatedrale !
San Vicente ist nicht weit von der Kathedrale entfernt. Die meisten
Bauteile der Kirche stammen aus dem 13. Jahrhundert, so auch Kuppel,
Gewölbe und Hauptschiff, aber von der Anlage ist es noch eine
romanische Basilka mit vielen interessanten architektonischen Details,
die zum Teil älter sind als die Hauptanlage. Ist man nach der Erholung
durch die Gebirgswanderung wieder aufnahmebereit für etwas Geschichte ?
Wärend des raschen Baus der Stadtmauer von Ávila und unter dem Eindruck
der von mir unter
12. geschilderten
Situation am Ende des 11. Jahrhunderts verwendete man Baumaterial aus
der Umgebung und riß dazu auch noch vorhandene römische und andere
Ruinen ab.

Anscheinend stießen die Bauleute
dabei auf einen
römischen
Friedhof, das kam nicht so selten vor, dies ist bei der
Wallfahrtsstätte in Santiago de Compostela z.B. archäologisch belegt.
Die passenden Gebeine für eine alte überlieferte Märtyrergeschichte
fanden sich bald: Die Anfang des 4. Jahrhunderts zu Tode gekommenen
Vincenz, Sabina und Cristeta wurden identifiziert und ihnen wurde
begonnen, die Basilika zu bauen, vor der wir jetzt stehen. Die
Phantasie der Geistlichkeit, was diese armen Menschen erdulden mußten,
schlug sich nieder in einem romanischen Schrein, den wir aber nicht
bestaunen können, da er gerade umfangreich restauriert wird. Deswegen
diese Mischung aus Christoverhüllung und Zahnarztgeräuschen in der
Stille des Kirchenraums ! 1985 sah ich den skulptierten Schrein und war
durch die Grausamkeit der Folterdarstellung sehr schockiert. Statt des
zweifelhaften Genusses der Maso-Romanik gibt es für uns aber eine
romanische, vor der schon die Heilige Theresa betete, und eine gotische
Madonna, auf die ich gleich noch näher eingehen möchte. Die
interessanteren Dinge sind an dieser Kirche außen, und ich möchte mir
einfach die Zeit nehmen, das Westportal zu bestaunen, an dem sich
Apostel angeregt unterhalten, wahrscheinlich über das Essen neulich in
Tiberias und dass früher, als man noch selbst fischte, der Fisch viel
frischer und wohlschmeckender war. Über den Aposteln ist ein sehr
schönes Auferstehungsfries angebracht, ausgestattet mit den schönsten
Brüsten der Romanik. Da lohnt ein Teleobjektiv oder ein Fernglas, meins
liegt im Hotel und ich behelfe mich mit den Zoom der Digitalkamera.
Aber ich möchte hier nicht zu lange verweilen, wichtiger ist mir das
hinter den Arkaden fast versteckte kleinere und ältere Südportal. Wir
sehen fünf sehr schöne Skulpturen des frühen 12. Jahrhunderts, noch
immer Kirchenschmuck, doch bereits individuell aus dem Stein tretend.
Ganz links auf das Portal schauend steht ein Verkündigungsengel in
herkömmlicher Konvention, die Maria allerdings trägt schon sehr
erkennbare Züge. Auch ihre Kleidung ist sehr ungewöhnlich. Ein
geschnürtes Unterkleid hätte ich im frühen 12. Jahrhundert noch nicht
erwartet. Ihr gegenüber sitzt König David, ganz Konvention ein König,
und soll in Wahrheit einen der Stifter, König Alfonso VI., den Eroberer
Toledos, darstellen. Da stellt sich die Frage: Ist die Maria ihm
gegenüber mit den Zügen seiner maurischen Geliebten ausgestattet, jener
Zaida, die unserem Alfonso endlich den ihm erhofften
männlichen Thronfolger gebären sollte, damit das Reich nicht in die
Hände der Urrakas, Jimenas und Teresas und ihrer Ritter fällt ? Sancho
hieß dieser Sohn, und aus Dank heiratete der König 1098/99 Zaida,
nachdem sie zum Christentum übergetreten war und nun Königin Isabela
hieß. Die Hoffnung trog, denn 1108 starb Sancho neben vielen anderen
león-kastilischen Kämpfern in der Schlacht bei Uclés, in der zunächst
die Almoraviden dem königlichen Aufgebot eine schreckliche Niederlage
bereiteten und danach die Fliehenden durch aufständische Mudejáren
niedergemacht wurden. 1009 starb auch König Alfonso, was aus
Isabela/Zaida wurde, wissen wir nicht.
Kehren wir zu den Skulpturen zurück: Wesentlich imposanter als der
sitzende König David/König Alfonso VI. sind die Märtyrerfiguren von
Sabina und Vicente daneben. Stellt sich die Frage, warum die dritte
grausam zu Tode Gekommene, Cristeta, fehlt ?! In Wahrheit sind die zwei
imposanten Skulpturen auf der rechten Seite des Südportals von San
Vicente gleichfalls Stifterfiguren. Denn eindeutig war das
Figurenprogramm bereits im 11. Jahrhundert festgelegt worden, zu
Lebzeiten Alfonsos, Sancho war bereits geboren, aber noch nicht
gefallen. Neben der Hoffnung auf den Thronfolger in Notzeiten
drückt das Portal auch den Dank an die Hauptstifter und Neugründer von
Ávila aus, die Verbeugung an das Grafenpaar von Galicia, Urraka v.
León-Kastilien, die spätere Königin, und an Raimund v. Burgund. Urraka
hat ihn sehr geliebt, ihren fränkischen Ritter, doch war er bei der
Vollendung der Figuren bereits verstorben und sie war Königin. Philipp
II. v. Spanien hat sie zu Recht in seiner Ahnengalerie im Alcázar v.
Segovia unter seine verdienten Vorfahren gestellt. Urraka war Königin
zu
bewegter Zeit und sie hat es geschafft, ihrem Sohn Alfonso VII. das
Land gegen viele Schwierigkeiten einigermaßen unbeschädigt zu
hinterlassen. In "The Kingdom of
León-Castilla under Queen Urraca" von Bernard F. Reilly würdigt der
Forscher, der Jahre über den mittelalterlichen Dokumenten des 11. und
12. Jahrhunderts zugebracht hat, ihre Rolle, an der manch gestandener
Mann gescheitert wäre. Urraka, Königin von ganz Spanien, wie sich
nannte,
war also eine tatkräftige und selbstbewußte Frau, die im Alter von 46
Jahren im Kindbett starb, nachdem sie bereits zwei Kinder mit ihrem
Geliebten oder heimlichen Ehemann, dem Grafen von Lara, hatte, ihrem
dritten Mann nach Raimund und Alfonso, dem abartigen König v. Aragón,
der lieber mit seinen Männer im Feldlager zubrachte, ähem, und Blut und
Männerschweiß liebte. Auffallend bei der Urrakaskulptur ist die
bildhauerische Qualität und
die Individualität der Züge. Es hat ein lebendiges Vorbild dazu
gegeben. Die Frau scheint auch nicht mehr 20 wie in ihrer Grafenzeit
gewesen zu sein, sondern 40 inmitten ihrer Regierungszeit. Die
Raimundofigur fällt dagegen wieder ab. Hier wurde die Konvention eines
blonden Ritters aus Burgund abgebildet. Es ist der Mann neben einer
starken Frau.

Verlassen wir endlich das Portal, aber gehen wir noch einmal in die
Kirche hinein: Lange nach dem Tod Königin Urrakas entstand die
bereits erwähnte gotische Madonna. Setze ich das bestätigte
Bildprogramm am Südportal fort, so ist diese mit einem kostbaren
mozarabischen Mantel bekleidete Frau ein etwas groberes Abbild der
Skulptur am Südportal, aber nun kein Abbild der Isabela mehr, sondern
der Urraka, die den jungen Alfonso VII. auf dem Arm hält, die
Zugehörigkeit des Kindes zum Königshaus wird durch einen Mantel mit
gestickten
Löwen und Burgen gekennzeichnet, den Wappen von León-Kastilien. Die
Ähnlichkeit von Alfonso mit Raimund wird durch das blonde gescheitelte
Haar ausgedrückt. Zu jener Zeit waren die bewegten und vom Bürgerkrieg
gezeichneten Jahre unter Urraka längst vergessen und sie erstrahlte als
Mutter des Kaisers Alfonso VII.
Eine Siesta haben wir uns jetzt verdient. Auch der Nachmittag verläuft
ruhig. Nach einem kleinen Imbiss an der Stadtmauer mache ich einen
Spaziergang rund um die Stadtmauer, ich fotografiere und entdecke
Bauteile aus einem antiken Friedhof. Annette und die Kinder schlendern
und bummeln. Alle treffen wir uns auf dem Kunsthandwerkermarkt vor der
Stadtmauer wieder. Währenddessen zieht es sich immer dunkler am Himmel
über Ávila zusammen. Es fallen aber nur wenige Tropfen, auch das
äußerst zaghaft, obwohl wir Schlimmeres befürchten. In den Bergen aber
scheint es zu regnen.
Der dunkle Himmel erinnert mich daran, das wir in dieser Stadt
natürlich nicht an der berühmtesten Frau hier vorbeikommen, der
Mystikerin und Kirchenlehrerin
Spaniens, der Heiligen Teresa, vorbeikommen. Doch einzig ein
freundliches Kopfnicken an der Skulptur an der Stadtmauer gönnen wir
ihr, sind nicht auf der Jagd nach einen Blick in ihre Klosterzelle.
Auch Isabela, die Katholische, kam diesmal zu kurz, obwohl hier im
Kloster St. Tomas, ihr tragisch verstorbener Thronerbe Juan beerdigt
ist und
jenes Dominikanerkloster verhängnisvoll mit Inquisition und
Asienmission verwoben ist. All dies aber ist überall nachzulesen.
Immerhin können wir beiden noch beim Abendbrot im Hotel zuprosten,
obwohl der größte Toast in Ávila natürlich nur einer gilt: Der Königin
von ganz Spanien: Urraka!
14. In Toledo (die
Jüdin von Toledo 13. Jhd., Isabela 15 Jhd.,
María Pacheco 16. Jhd.)
Von Ávila nach Toledo zu kommen, ist ein Abstieg. Wir kommen von fast
1200m Höhe herunter auf 533m +/-. Dazwischen liegt noch eine Passhöhe
von 1400m und damit verlassen wir unser geliebtes León-Kastilien und
kommen für wenige Tage in die Mancha, gut bekannt durch den "Ritter
von der traurigen Gestalt". Der Unterschied zwischen den beiden
Regionen ist nicht nur landschaftlich zu merken. Auch die Landstraßen
stammen im Gegensatz zu den runderneuerten Trassen in León-Kastilien
anscheinend noch aus Francos Tagen. Immerhin bringen sie uns trotzdem
nach Toledo.
Wir nehmen das Hotel "Don Pedro"** ein kleines Stückchen
vor der Innenstadt. Der **-Komfort reicht uns völlig aus. Durchhängende
Betten wie noch in den Achtziger Jahren hat es gar nicht mehr gegeben,
in den meisten Fällen gibt es eine Klimaanlage oder sogar eine Minibar.
Schlüssel sind in Spanien anscheinend abgeschafft, Hoteltüren öffnen
sich mit Chipkarten.

Nach der mittäglichen Ausruhpause wagen wir uns trotz noch fast 30° auf
einen kleinen Toledo-Spaziergang, kommen durch das alte, schon zur
Westgotenzeit bestehende Stadttor, durch das der bereits mehrmals
erwähnte Alfonso VI. 1085 in die Stadt einritt und sie in Besitz
nahm, natürlich dabei nicht sein Schwert an der Klinge festhaltend, wie
auf einem Denkmal in der Nähe unseres Hotels zu sehen, sondern am
Griff, sonst wäre er nämlich mit blutigen Fingern und beschämt
eingeritten. Wir besichtigen das Mudejárstadttor "Puerta del Sol", von
dort erblickt Annette die Galiana, die Alfonso VIII., seiner jüdischen
Geliebten baute. Berühmt wurde diese Geschichte durch Lion
Feuchtwangers Roman "Die Jüdin von Toledo", der Reiselektüre für eine
Reise in diese Stadt. Es möge mir nachgesehen werden, dass ich eine
quasi romanhafte Figur neben den historisch belegten Damen in diesen
Bericht einfüge, doch steht die "Fermosa", die schöne Jüdin,
stellvertretend für den Aufstieg und Fall der jüdischen Bewohner
Toledos. Aber dazu kommen wir morgen früh noch ausführlich. Jetzt
setzen wir unseren Rundgang fort, gehen durch das einst arabische
Stadttor, heute Puerta de Valmardón, und entdecken daneben eine
gleichaltrige Moschee aus dem 10. Jhd., die bei meinem letzten Besuch
in Toledo voller Müll und Graffitis war. Schön, das sie augenblicklich
restauriert wird. Wunderschön sind ihre Gewölbe.
Nun beginnt das Schlendern und Schauen in der immerwährenden
Schwerterausstellung Toledos, die sich durch Filme wie den "Herrn der
Ringe" erheblich ihr Themenspektrum erweitert hat, aber auch Klassiker
wie Excalibur und Nachbauten des angeblichen Schwert des Cid sind zu
haben. Allerdings würde ich mit keinem von den Dingern in den Kampf
ziehen und für einen Wandschmuck sind sie mir zu teuer. Schaukampffähig
ist hier zudem gar nichts. Dabei haben Hannes und ich uns auf eine
Reblik einer iberischen Falcata gefreut. Wir müssen wohl doch unseren
Schmied zu Hause bemühen. Natürlich haben wir uns in den vielen Gassen
der Altstadt
auch verirrt und dabei leider nicht die Stellen gefunden, die in den
"Neun Pforten" bzw. der Romanvorlage "Club Dumas" von Perez Reverte
eine Rolle spielen.
Noch mehr Literatur! Aber das ist so in Toledo. Es ist nicht gesagt,
dass diese Stadt überhaupt existiert, außer auf irgendwelchen
Buchseiten. Den Abend beschließen wir mit einem Essen in einem
einfachen Restaurant
nahe der Kathedrale.
Sehr real ist leider der Verkehr: Eine Stadt mit derartig engen Gassen
und Sträßchen bergauf und bergab
dürfte keinen Autoverkehr zulassen, so hart das auch für die Anwohner
sein dürfte. Aber wer von Tourismus und Fremdenverkehr lebt,
Weltkulturerbe sein möchte, darf nicht die Besucher durch
rücksichtsloses und gefährliches Herumfahren von Fahrzeugen gefährden.
Toledo liegt auf einem Hügel und die am Hang hochrasenden Autos können
mitunter gar nicht anders. Die Fußgänger müssen sich in Hauseingänge
flüchten. Das ist ärgerlich und gefährlich und trägt
nicht zur Attraktivität der Altstadt bei. Toledo ist deshalb bei allen
Sensationen nur eingeschränkt zu empfehlen, Ambiente geht hier sehr
verloren.

Während unsere Kinder ausschlafen, setzen wir
wieder eigene
Schwerpunkte bei unserem Besichtigungsprogramm: Uns geht es um das
jüdische Toledo. Die zwei ehemaligen Synagogen La Blanca mit den
herrlichen Säulen und einem wundervollen weißen Schiff, sowie die
Syngoge
El Transito im Mudejárstil mit dem angeschlossen sephardischen Museum
werden von uns besucht und gemahnen uns daran, wie lange Juden schon in
Sepharad (Spanien) lebten. Ausstellungsstücke im Museum erinnern mich
an die großen Verfolgungen, beschlossen durch die Konzile von Toledo
zur
Westgotenzeit, die dank der arabischen Invasion ab 710/711 überstanden
wurden. Es folgten friedliche Tage durch den Schutz des
Emirates/Kalifates von Córdoba und dem Willen des Herrscherhauses der
Omaijaden mit den anderen "Buchreligionen" in Frieden zu leben. Erst
die fanatisch-islamistischen Sekten der Almoraviden und Almohaden
verfolgten die Juden erneut und trieben sie in die Arme der
christlichen Königreiche, denen der Kultur- und Wissenstransfer sehr
zupass kam, bis die katholischen Könige Isabela und Ferdinand in
ebensolchen Fanatismus das Judentum nicht mehr dulden wollten und eine
Stadt wie Toledo durch die Vertreibung dieser Menschen mit einem Schlag
ein 1/5 seiner Einwohner verlor. Noch generationenlang bewahrten die
sephardischen Familien die Schlüssel ihrer Häuser in Toledo auf, als
Erinnerung, aber ohne Hoffnung. Feinden der Spanier kamen die
Flüchtlinge gerade recht, Niederländer, Engländer und Osmanen nahmen
viele der Sepharden auf. Viele Synagogen in der Welt haben ihren
Ursprung in der Bauweise der toledanischen Gebetshäuser. Aber die
hasserfüllten Augen Isabela, der Katholischen, spiegelt dieser Baustil,
den es ohne sie nie gegeben hätte, ebenso wider.
Der Niedergang der spanischen Villas, Städte, hat auch in dieser
Vertreibung eines Teil ihrer Einwohnerschaft ihren Ursprung. Die
Unzufriedenheit wuchs in den ersten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts an
und mündete in den Comunero-Aufstand der kastilischen Städte. Als die
Aufständischen in der Schlacht von Villalar von Karl I./ V. besiegt
wurden, hielt sich als einzige Stadt noch Toledo. Maria Pacheco, die
Frau des Feldherrn der Städte, Juan de Padilla, gefallen oder
hingerichte bei Villalar, kommandierte die letzte Bastion der Comuneros
und handelt mit Kaiser Karl eine ehrenvolle Übergabe aus. Als die
Versprechen gebrochen wurden, befreite sie mit eigenen Händen
eingekerkerte Aufständische. Vor der Rache des Kaisers mußten sie und
ihre Kinder nach Portugal fliehen.
Eine Piratenausstellung, noch weiteres Schlendern bis in die Nacht
hinein, endlich einen Schluck Cruzcampo-Bier (Kreutzfeldt-Bier), dann
geht es ...
15. Zurück nach
Portugal
Nachdem wir mit knapper Not dem Verkehr in und um Toledo entkommen
sind, brechen wir in Richtung der portugiesischen Grenze auf.
Das ist wirklich verrückt! Der Unterschied zwischen León-Kastilien und
der Mancha in Bezug auf Straßenzustand und Organisation des Verkehrs
ist deutlich zu merken. León ist organisierter und die Straßen sind im
wesentlichen gut ausgebaut, die Mancha ist chaotisch, voller
Baustellen und völlig unorganisiert. Aber schon sind wir wieder in den
Gredos, damit in León-Kastilien und atmen auf. Etwas fällt uns auf
dieser Fahrt wie zuvor wieder auf: Warum marschieren so viele alte
Leute in Spanien selbst in der Mittagshitze mit ihren Krückstöcken auf
der Straße aus dem Ort hinaus ? Die Straße ist befahren, es gibt
sicher schönere Orte, um spazierenzugehen. Oder haben sie irgendwo
einen Garten zum Bestellen? Seltsame Sache dies und für uns völlig
ungeklärt. Wir können ja nicht einfach anhalten und fragen.
Auf dem Paß von Talavera hinauf in die Sierra gibt es parallel zu
unserer Trasse eine
erhaltene Römerstraße, auf der wir ein Stück laufen und die wir
fotografieren können. Zur Auffüllung der Wasserflaschen gibt es auf der
Paßhöhe eine
Quelle. Nicht das Wandern, sondern das Spazierenfahren durch die Gredos
führt uns bis Barcos de Ávila, dort legten wir eine Besichtigungspause
bei der Burg Valdeconeta ein. Zu empfehlen ist auch das bewaldete
Gebirge Sierra Peñas de Francia (keine Ahnung, was das mit Frankreich
zu tun hat), aber wir müssen über Bejar und Ciudad Rodrigo, in dessen
Umgebung sich die Serrano-Schweine auf großzügigen Flächen zwischen den
Steineichen und Pinien tummeln, weiter. Denn was wir auf dem Weg nicht
mehr finden, ist ein anständiges Hotel zum Übernachten. Ehe wir uns
versehen, sind wir schon über die Grenze gekommen und guter Rat war
teuer. Manchmal habe ich so komische Eingebungen und meine Idee ist,
nach Almeida zu fahren, eine alte Festung an der einst umkämpften
Grenze zwischen den beiden iberischen Ländern.

Einst war Almeida auch eine Villa, so lese ich im
Faltblatt im Hotel,
1297 noch einmal mit allen fueros (Rechten) bestätigt. 1641 wurden die
alten Stadtmauern beseitigt und Almeida wurde als moderne sternförmige
Festung ausgebaut. Ja, meine Eingebung hat mich nicht betrogen, wir
gönnen uns in Almeida den Luxus, in einer Pousada, einem Ambiente-Hotel
ähnlich den Paradores in Spanien (nur etwas billiger) zu übernachten
und zu speisen. Bei einem abendlichen Spaziergang kommen Erinnerungen
an
die Azoren auf. Ganz Portugal ist eine Landeierei! Welch herrliche Ruhe
nach dem überschäumenden und heißen Spanien! Almeida ist mit den vielen
weißen Häusern inmitten der Festungsanlage eine Überraschung und für
uns eine tolle Entdeckung. Auch die Pousada (mit kleinen Lackkratzern)
bietet viel Platz, Luxus und Gemütlichkeit und ist zu empfehlen. Von
der Terrasse sehen wir eine Sternschnuppe fallen. Wünsch dir ganz
schnell etwas Schönes!
Endlich wieder eine Nacht ohne eingeschaltete Klimaanlage, denke ich
heute morgen. Es ist herrlich frisch in Almeida. Ich genieße noch den
kurzen Augenblick auf dem Balkon, befinde mich hoch über der
Festungsstadt, verborgen
hinter dem hölzernen Fenstergitter und doch in der Morgensonne, alles
sehend. Ein alter Mann bringt ein Pferd vorbei.Wir sehen es später auf
der Festungsmauer stehen und grasen.
Noch einen letzten Besichtigungsspaziergang in Almeida gönnen wir uns,
bevor wir eine landschaftlich schöne Fahrt durch Portugal beginnen:
Über kurvige Straßen, an mittelalterlichen Burgen vorbei, ja einmal
führt diese Straße sogar mitten durch einen Trödelmarkt. Eine Umleitung
führt uns noch einmal durch Berge, am Rand der Straße steht ein Mann
nur mit einem Handtuch bekleidet, kratzt sich an unaussprechlichen
Stellen und wundert sich über den plötzlichen Verkehr. Nun ist erst
einmal Kaffeepause. Wie gut ! Denn vor dem ...
16.
Abschied am Meer (Urraka 11. Jhd. Teresa
11./12. Jhd.)
müssen wir uns den Weg nach Porto zurück über Autobahnen und
Schnellstraßen suchen. Vorbei das beschauliche und gemütliche
Nordportugal, hinweg die Landeierei! Wir sind in Póvoa de Varzim im
Hotel "Torre mar"** und gönnen uns zum Abschluss eine große Suite. Der
Abschied am Meer gestaltet sich kühl und windig. Hoffentlich fliegen
mir nicht die Worte und Sätze fort. Eigentlich wollte ich mit diesem
Abschnitt meinen kleinen Reisebericht sanft ausgleiten lassen, bis zu
dem Moment, in dem wir wieder ins Flugzeug steigen müssen. Hannes und
ich sind kurz am Atlantik gewesen, haben sogar versucht bei dem Wind
mit der Schleuder zu üben, während Annette und Marie-Carmen mit der
Metro nach Porto
fahren. Das hat sich Carmen schon sehnlichst gewünscht.
Das Auto läßt sich gut am Bahnhof abstellen, aber die Fahrt hinein
in die Stadt dauert dennoch über eine Stunde. Unsere Damen genießen
die kleinen Gäßchen, urige Läden, besonders fallen Geschäfte mit
Taufkleidern auf, die es in Porto überdurchschnittlich zu geben
scheint. Man merkt schon, unsere Damen wollen schlendern und einkaufen.
Ganz Porto ist eine Kulisse, durch die der Duero fließt! Und so
begegnen sie
dem Fluß hier wieder an der Brücke von Luis I., einer beeindruckenden
Stahlkonstruktion. Annette ist sehr beeindruckt von den steilen
Hängen voller Häuser. Ein beschädigter Metrozug verzögerte etwas die
Heimfahrt, aber schon sind sie wieder bei uns. Porto ist einen Besuch
wert, aber möglichst ohne Auto.
Mir bleibt von diesem Tag ein langer Blick aufs Meer:
Não é nenhum poema o que vos vou dizer.
Nem sei se vale a pena tenta-vos descrever o mar o mar ... (Es ist kein
Gedicht, was ich erzählen möchte, und ich weiß nicht, ob es ein Gewinn
ist, es beschreiben zu wollen, das Meer, oh, das Meer ...Übers. Tk)
Pedro Ayres Magalhães von der Gruppe Madredeus.
Melancholie beseitigt sich ganz gut mit feinem Essen. Deshalb
kurz vor Schluss noch ein bißchen Kulinaria: Ein Dauerbrenner auf der
Reise war die Sopa Castellana, die traditionell in Tonschalen serviert
wird, eine Brühe aus Knoblauch, Wurst, Ei, Zwiebeln etc. Aber den ganz
großen essensmäßigen Höhepunkt gibt es auf dieser Reise nicht in
Spanien sondern in Portugal: Für mich am Leckersten
war das Schweinefleisch nach Alentejaner Art, sehr zartes Fleisch mit
Muscheln, Orangen, Zitronen, Kartoffeln gekocht. Auch hierbei weiß ich
nicht, ob es ein Gewinn ist, es zu beschreiben, ich glaube, ich werde
lieber versuchen, es beizeiten nachzukochen.
Unser letzter Tag ist heute, jede schöne Reise muß einmal ein Ende
haben. Reisen ist ein Symbol für das Leben und man erkennt daran die
eigene Vergänglichkeit. Aber hinweg die trüben Gedanken, es gibt auch
am letzten Tag noch etwas zu entdecken:
Wir kommen in das kleine Dorf Rates, in dem 1072 ein Cluineser Kloster
gegründet wurde. Sicher auf Anregung der Urraka von Zamora, von der
bekannt ist, dass sie als unverheiratete Königsschwester mit ihrem
Prinzessinengut die Cluineser sehr unterstützt hat, den katholischen
statt den westgotischen Ritus vorzog. Ihre Nichte Teresa, Gräfin von
Portugal und Halbschwester der Königin Urraka, die wir in Ávila trafen,
baute das Kloster in Rates zusammen mit ihrem Mann Heinrich weiter aus
und ließ auch die Kirche aus dem 11. Jahrhundert errichten. Da wir
diesmal zu spät zum Gottesdienst kommen, bleibt uns nur die
Außenansicht und das kleine Museum neben der Kirche, welches Funde von
den Ausgrabungen rund um die Kirche ausstellt, von einem Kloster, von
dem nichts außer dem Gotteshaus blieb. Die Außenansicht gibt einen
guten Eindruck von der cluninesischen Frühromanik gemischt mit
galicischen Elementen wieder. Abb. von Malereien im Innern erinnern
mich sehr
an die Formensprache der Buchmalerei der frühen spanischen
Handschriften, den Apokalypsenkommentaren des asturischen Mönches
Beatus.
Als ob sich ein Kreis schließen würde, als ob sich alles wiederholen
würde. Wir waren am zweiten Tag der Reise auf dem Monte Santa Tecla in
einem keltiberischen Castro, und heute besuchen wir auf dem Monte
Terroso nahe Póvoa de Varzim ein ähnliches Dorf gleicher Zeitstellung,
der gleichen Kultur. Das Freilichtmuseum ist nicht geöffnet, wir sollen
uns in
der Stadt im ethnologischen Museum melden. Den Zaun können wir aber
über einen Steinhügel neben der Pforte bequem überwinden. Hoffentlich
ist es eine läßliche Sünde, in ein Museum einzubrechen. Allerdings
sehen
wir an Fußspuren, dass wir nicht die einzigen Täter dieser Art
sind. Neben der Besichtigung der archäologischen Stätte, die
hervorragend mit Hinweisschildern sogar in Englisch ausgestattet ist,
können wir auch einen Blick auf den Küstenstreifen von hier aus
genießen. Dieser sieht aus wie eine einzige Stadt mit kleinen
Grünstreifen, kleinen Häusern (wenigen großen Bauten) und
Gewächshäusern. Näher betrachtet ist diese Küste voller Widersprüche:
Alte Häuser neben Villen, Hochhauskulissen, Müllgrundstücke,
Restaurants an allen Ecken, dazwischen die Landstraße Nr. 13, auf der
ständig turbulenter Verkehr bis hin zum Stau herrscht. Einmal war diese
Küste nördlich von Porto ein einziger Garten, unterbrochen von kleinen
Fischerhäusern am Meer. Es kamen die Sommerfrischler aus Porto und
Lisboa, bauten ihre Ferienhäuser, es kamen die Spekulanten, die große
gesichtslose Häuser mit Wochenendwohnungen und Mietskasernen
anlegten. Die Gärten gingen zurück, sind immer noch da, abgelöst von
den Gewächshäusern, ein Relikt aus alter Zeit. Es erinnert uns an die
dichtbesiedelte Küste Israels, allerdings ist hier die Luft weniger
explosiv oder bleihaltig. Und natürlich ist das Meer rauher, wilder,
poetischer die Luft, wenn auch Madredeus nichts von einem Gedicht
singen möchte.
Abschied am Meer, Abschied vom Meer, einem stürmischen und kalten
Salzwind, der unsere Mädels frieren läßt, nur Hannes und ich bauen
unermüdlich Burgen aus Sand kurz vor der Dünung. Bevor wir allerdings
den Küstenstreifen zwischen Póvoa und Apulia in einen Festungsgürtel
aus Sand verwandeln, werden wir genötigt, zurück zu einem warmen Kaffee
ins Hotel zu fahren.
Und noch ein Abschied: Nämlich von unserem braven Benz, der in unserem
Dienst fast 2600 durch Spanien und Portugal gefahren ist, dabei ganz
schön schmutzig wurde. Das sind jetzt also die letzten Zeilen auf dem
Flughafen in Porto, bevor uns die Air-Berlin wieder über Palma nach
Leipzig bringt. Auf der Hinreise sind diese Häfen aus Luftschlössern
und Flugträumen gut zu ertragen, denn man ist froher Erwartung, es sind
frohe Tage, die warten, aber auf der Rückreise verströmen diese
modernen Hallen nur noch Melancholie aus starrer Technik und Bitternis
beim Zurückschauen auf die herrlichen Stunden, die rasch verflossen.
Jetzt fehlt mir noch ein schönes Schlusswort, doch das finde ich auf
einem Flugplatz nicht, einzig eins: Abflug!
Danksagung
an alle Menschen, die diese Reise möglich gemacht haben. Besonderen
Dank an Frau Lendle von
terraviva-Reisen für die Beratung
und die
Buchungen, Anna und
Steffen für das Haushüten, Tierefüttern und den Hinbringdienst, Kathrin
für den überraschenden Abholdienst. Außerdem herzlichen Dank an
Hertz Porto für das schöne Auto, Küsse und Dank an Annette für
den unermüdlichen Fahrdienst und die Hotelorganisation und zudem viele
Umarmungen an Leni für den Begrüßungstrunk. Danke an die Kinder, dass
sie all die Museen, Kirchen und weitere Kultur so tapfer mitgetragen
und ertragen haben. Danke schön auch an alle Menschen
in Portugal und Spanien, die uns so gut aufgenommen haben. Die
Gastfreundschaft ist ein hohes Gut, und beide Nationen halten sie in
großen Ehren.
Inhalt:
- Jede
Reise ...
- 1. Nach Porto ...
- 2. Auf der anderen Seite des
Minho ...
- 3.
Schätze aus dem Meer
- 4. Echter Bienenhonig auf der
Passhöhe
- 5. Hier wurde einst die Welt
geteilt (Isabela 15.
Jhd., Juana 16.
Jhd.)
- 6. Zum Gottesdienst (Urraka 11.
Jhd.)
- 7. Burgen im Duerotal (Rosalía
de Castro 19. Jhd.,
Isabela 15. Jhd.)
- 8. Valladolid
- 9. Arévalo, eine kleine Villa
(Isabela, 15. Jhd.)
- 10. Segovia, märchenhaftes
Geburtstagsständchen in Stein (Isabela,
15. Jhd.)
- 11. Nach Ávila ... (Jimena 11.
Jhd, Urraka, 12.
Jhd.)
- 12. Sierra de Gredos (die
Tochter Gottes, ? Jhd.)
- 13. Die Kinder dürfen heute
ausschlafen (Isabela 11. Jhd., Urraka
12. Jhd.,
Teresa 16.
Jhd. und Isabela 15. Jhd.)
- 14. In Toledo (die Jüdin von
Toledo 13. Jhd., Isabela 15 Jhd.,
María Pacheco 16. Jhd.)
- 15. Zurück nach Portugal
- 16. Abschied am Meer (Urraka 11.
Jhd. Teresa
11./12. Jhd.)
- Danksagung
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Torsten
Kreutzfeldt, letzte Änderung: Oktober 2007, Kontakt
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