Quelle der Abb.: CD Kaiser Heinrich II., Theiss Verlag, 2002.

1002 kommt mit Heinrich II, dem Herzog von Bayern, ein neuer Herrscher an die Macht. Ein Herrscher, den eigentlich am Anfang niemand so richtig wollte; doch mit seinem ungeheuren Durchsetzungswillen und einem gewissem Maß an Unverschämtheit hat er es geschafft, sich gegen seine Konkurrenten Herzog Hermann von Schwaben und den Markgraf Ekkehard von Meißen durchzusetzen.Heinrich regierte in einer Zeit, in der noch keine gefestigten Strukturen vorherrschten, die zum Beispiel die Nachfolge regelten, wenn der alte Herrscher (in unserem Fall Otto III.) verstorben war. Um seinen Herrschaftsanspruch immer wieder klar zu definieren und vor allem durchzusetzen, musste Heinrich mit seinem Gefolge, das immerhin zwischen 300 und 1000 Gefolgsleuten umfasste, ständig in seinem Reich unterwegs sein. An eine Hauptstadt dachte man damals noch gar nicht. Natürlich gab es aber Gebiete, die der König und spätere Kaiser häufiger und weniger häufiger besuchte: Man spricht von königsnahen und königsfernen Gebieten.
Bei diesen Reisen kam Heinrich II auch immer wieder mit Menschen in Kontakt; doch gab es vor 1000 Jahren noch keine normierte Hochsprache, wie wir sie heute mit Neuhochdeutsch in Rechtschreibwörterbüchern geregelt finden.Neben dem Latein, das fast schon selbstverständlich zur „Standartausrüstung“ eines jeden Geistlichen
[1] gehörte, aber vor 1000 Jahren genauso im Schweiße des Angesichts erlernt werden musste wie heute, sprach der „normale“ Mensch verschiedene Vorstufen heutiger Sprachen. Heinrichs Reich umfasste: Altfriesisch, Altniederländisch, Altsächsisch und Althochdeutsch.
Natürlich sind uns heute keine Tonbandaufnahmen, Kassetten, CDs oder Videos aus dieser Zeit überliefert. Man kann deshalb nur auf schriftliche Zeugnisse zurückgreifen, die aber zum größten Teil in Latein[2] verfasst wurden.

Grund dafür ist, dass die Schreibkultur nur in kirchlichen Institutionen, meist in den Schreibstuben der Klöster, gepflegt wurde – und die hatten als ‘Schriftsprache’ Latein. Die Volkssprachen, im Gegensatz zur Bildungssprache Latein, sind somit nur sehr begrenzt überliefert; so wurden zum Beispiel Ortsnamen oder bestimmte Wörter, die sich ins Lateinische nicht 100% übertragen ließen, in Urkunden mit dem volkssprachlichen Begriff bezeichnet. Teilweise wurden einzelne lateinische Wörter in Büchern über den Zeilen mit einer volkssprachlichen Übersetzung versehen, so genannte Glossen, die die Erschließung der althochdeutschen Bedeutung heute sehr erleichtern. Neben dieser Übersetzung einzelner Wörtern sind auch einige wenige Texte des Althochdeutschen überliefert. Als Beispiel eines althochdeutschen Textes, möchte ich auf Williram von Ebersberg und einen Ausschnitt aus seinem Kommentar zum Hohen Lied der Liebe zurückgreifen. Doch zunächst einiges zu Autor und Werk:
Während Geburtsjahr und -ort des Verfassers des Hohen Liedes, Williram, uns heute nicht mehr bekannt sind, und nur Vermutungen dazu geäußert werden können, so wissen wir doch, dass er 1085 als Abt von Ebersberg (nahe München) starb.
Seine schulische Ausbildung erhielt er in Bamberg, wo er 1040 Schulmeister der Abtei Michelsberg wurde. Nur acht Jahre später (1048), ernannte ihn Kaiser Heinrich III., zu dessen Hofkreis er zählte, zum Abt von Ebersberg. Dort blieb er dann bis zu seinem Tod. Neben dem Verfassen einer Chronik der Abtei, dem 'Chronikon Eberspergense', dem Anlegen von Wirtschaftsbüchern, Förderung der Schreibschule und Bauten zählt der 'Hoheliedkommentar' sicherlich zu seinen berühmtesten Werken.
Das Hohelied beschreibt das Verhältnis von Braut und Bräutigam.
Williram deutet es als Beziehung zwischen Christus und der Kirche, wie es in der christlichen Theologie des Mittelalters üblich war. Willirams Kommentar ist ca. zwischen 1060 und 1065 entstanden und beruht auf dem Hoheliedkommentar des Haimo von Auxerre. Kaum eine Handschrift des Mittelalters wurde so häufig überliefert. Heute liegen uns noch 11 Volltexte bei 46 Textzeugnissen vor.
Der vorliegende Auszug aus Willirams Kommentar stammt aus dem Ebersberger Codex (Cgm 10 der Staatsbibliothek München), der in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts wahrscheinlich noch unter seiner Aufsicht entstanden ist.
Der Kommentar ist dreispaltig angelegt: Linker Hand ein lateinischer Kommentar in Hexametern; in der Mitte ist der lateinische Bibeltext zu finden. Auf der rechten Seite, die für uns interessante althochdeutsche Übersetzung, die durch Auslegungen in deutsch-lateinischer Mischprosa ergänzt wird. Der Inhalt der beiden Kommentare gleicht sich, doch ist der althochdeutsche Kommentar keine Übersetzung des Lateinischen.
Gewidmet ist der Hoheliedkommentar König Heinrich IV. (*1050; †1106; Kaiser ab 1084).
Jetzt aber genug - hier der Text:

 

Síno. scône bíst du frûin

tin mîn.´ síno. scône bíst

tu. Dîn ôugon. sínt tûbon

oûgon. Scône bíst tu an

guôten uuérkon.´ scône bist

tu an rêinen gedánkon. Dîn

eînuáltige skînet in állen

dînen uuérchon.´ uuánta dú

fêichenes unte glîhnísses nietne      

                                  rûochest.

 

 

Síno. scône bíst tu uuíne

mîn.´ únte êrlich. Du quîst.

daz íh scône sî.´ ábo ál mîn

scône. dîu ist mír uone dír

kúman. Du bíst súnterlîchen

scône pre filiis hominum.´ bêdiv

et per diuinitatem. et per uirgi

neam nativitatem.

 

 

 

Sieh, schön bist du meine

Freundin. Sieh, schön bist

du. Deine Augen sind Tauben-

augen. Schön bist du durch

gute Taten. Schön bist

du durch reine Gedanken. Deine

Einfachheit spiegelt sich in allen

deinen Werken; weil du

nicht um Heimtücke und Täuschung bemüht  

                                                              bist.

 

 

Sieh, schön bist du mein

Geliebter und ehrenvoll. Du sagst,

dass ich schön sei, aber all meine

Schönheit ist mir von dir

gekommen. Du bist besonders

schön, vor den Söhnen der Menschen,deshalb

und durch die göttliche Natur und durch die

jungfräuliche Geburt.

 

 

Únser bétte íst uuóla ge_

_bluômet. So íh dechêina

uuîla gerûouuet. bín a per

secutione .´ so uuíl íh désde_

_mêr bíderbe scêinan dúrch

dînan uuíllan.´ in contemplati

one. uigiliis. ieiuniis. elemo

sinis. et ceteris bonis operibus.

 

 

 

Unser Bett ist vortrefflich mit Blumen

geschmückt. Wenn ich irgendwann

zur Ruhe gekommen bin nach der

Verfolgung , so will ich umso

tüchtiger erscheinen durch

deinen Willen. Bei Betrachtung

des Wachseins, des Fastens, des Almosen-

Gebens und der anderen guten Taten.

 

 

 

Dîv gespérre únser hûse_

_ro sínt cêdrin.´ dîu getáue_

_le. sínt ábo cipressin. Só

íh pacem hábon. so schînent

in únseren conuenticulis

bêdiu doctores. dîeder

ándere geuéstenent mít

íro doctrina. únte uuî_

_teno stínchent mit démo

stánke bone opinionis

únte auditores. dîeder mít

simplicitate únte mít

mánigsláhtigen uirtuti

bus dîn hûs ziêrent.

 

 

Die Balken unserer Häuser

sind aus Zedern. Die Vertäfelungen

sind aber aus Zypressen. Wenn

ich Ruhe habe, dann erscheinen

in unserer kleinen Gemeinde

deshalb die Gelehrten, die da

andere stark machen mit

ihrer Unterweisung und weit

duften durch den

Duft köstlicher Erwartung

und die Jünger, die da durch

Ehrlichkeit und mit

vielfältigen Wundertaten

dein Haus zieren.

 

 

Íh bín uuéltblûoma. únte

lília déro télero. Álso

daz uélt úngeáran bírit

dîe bluôman. sámo bín íh

sine uirili semine gebóran

uon déro mágede.´ unte bín ôuh

habitator humilium mentivm.

que per conualles figurantur

 

Ich bin eine Feldblume und

die Lilie der Täler. Wie

das unbestellte Feld

die Blumen hervorbringt, ebenso bin ich

ohne männlichen Samen geboren worden

von der Jungfrau und bin auch

Bewohner demütiger Gesinnung,,

welche durch die Abhänge geformt wurden

 

Álso dîv lilia íst únter dén

dórnon. sámo bíst tu frîun_

_tin mîn. únter ánderen dóh_

_teron. Dîe dorna nemúgen

dîe lílion bedûhan. sîu ne_

_uuásse únte blûoie únter ín.´

îetemêr múgin díh geírren

deuuéder pagani. óder ma

li christiani. dú nebluôiest ál_

_liz ána in uirtutibvs.

 

Wie die Lilie unter den

Dornen, genauso bist du

meine Freundin unter anderen

Töchtern. Die Dornen vermögen nicht

die Lilien zu bedecken, dass sie nicht

wachse und blühe unter ihnen.

Ebenso wenig mögen dich irreführen

weder Heiden noch schlechte

Christen , damit du nicht blühest

immerfort an Wundertaten.

 

 

Legende:
Normal = althochdeutsch
Kursiv = lateinisch

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© 2001 - 2003 Letzte Änderung: Samstag, 08. März 2003


[1]Hier sei nur erwähnt, dass Heinrich, obwohl er zunächst Herzog von Bayern und dann König des ostfränkischen Reiches war, in seiner Kindheit eine geistliche Ausbildung erhalten hatte. Er konnte folglich flüssig Latein – nicht nur lesen und schreiben, sondern auch sprechen! Heinrich war damit sowohl seinem Adel haushoch überlegen als auch einigen seiner Geistlichen (=> Meinwerk von Paderborn).

[2] Latein war damals, und ist auch heute noch teilweise, so eine Art Weltsprache, die sich im Laufe der letzten Jahrhunderte geringfügig veränderte.