Musikseite der Ottonenzeit

 

Damals gab es in der Musik eigentlich nur zwei Unterscheidungen: Die Kirchenmusik und die Volksmusik. Dabei kann man sich in Puncto Zeit- bzw. Ortsangaben nicht festlegen, da dies überall in Europa unterschiedlich war. Deshalb werden wir uns hier auf Mitteleuropa beschränken und versuchen den Zeitraum von 600 bis 1000 n. Chr. zu erläutern.

Den Zeitraum von 600 bis 1000 n. Chr. bezeichnet man musikgeschichtlich als Zeit der Gregorianik. In den Kirchen und Klöstern wurde der Gregorianische Gesang gepflegt. Diese Gregorianischen Gesänge sind die liturgischen Gesänge der katholischen Kirche. Die Ursprünge liegen in Syrien und Palästina, Griechenland und Rom. Letztlich sind sie ein Produkt aller Kulturen der Alten Welt. Die Weisen gelangten über Byzanz auf verschiedenen Wegen ins Abendland und haben dort Entstandenes aufgenommen. Unter Gregor I. (siehe Grafik, Papst von 590 - 604, daher der Begriff "Gregorianik") wurden die zahlreichen Lieder und Weisen (Antiphone, Responsorien, Offertorien, Hallelujas usw.) geordnet und erhielten den Namen Gregorianischer Gesang. Alle Weisen, mögen sie zum Accentus oder Concentus neigen, sind einstimmig ("homophone" Musik). Ihre Begleitung auf der Orgel bereitet daher Schwierigkeiten, die zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich gelöst wurden. Zur Zeit ihrer Entstehung wurden die Gesänge gänzlich ohne Begleitung gespielt. Da der Rhythmus frei ist und nicht im späteren Sinne rationalisiert werden kann, hat man den Gregorianischen Gesang auch cantus planus, im Gegensatz zum cantus mensurabilis, genannt. Der Gregorianische Gesang wurde zunächst in Neumen (alte, damals gebrauchte Notenschrift) aufgeschrieben, später in neuen Notenschriften.

Obwohl der Gregorianische Gesang bis heute der liturgische Gesang der katholischen Kirche geblieben ist, hat er Wandlungen erfahren. Die nach dem Tridentiner Konzil, 1545-1563, aufgekommene "Editio Medicaea", die noch im 19. Jahrhundert von einflußreichen Kreisen verteidigt wurde, ist 1904 durch die "Editio Vaticana" ersetzt worden, welche die Ergebnisse der zahlreichen Forschungen auf dem Gebiet berücksichtigt, wobei ältere Fassungen als Ausgangspunkt dienten. Die Weisen des Gregorianischen Gesangs haben die Kirchenmusik vielfach befruchtet. Als cantus firmus erschienen sie im Motetus, in der Cantus-firmus-Messe, der Choralmesse und -passion. F. Liszt und andere Tonschöpfer des 19. und 20. Jahrhunderts schrieben nach Bruchstücken des Gregorianischen Gesangs umfassende Werke.

Einer der wichtigsten Meilensteine in der Musikgeschichte war sicher die Benennung der Kirchentonarten um 800. Vorläufig waren es erst einmal 8, Heinrich Glareanus (1488 - 1563) erweiterte die Anzahl auf 12.

Beispiele:

-Proprium missae in Epiphania Domini

-Proprium missae in dedicatione ecclesiae

Die Volksmusik war damals sehr weitläufig. Straßenmusikanten gab es in diesem Sinne noch nicht, diese Art von Beruf entwickelte sich erst viel später in der Renaissance. Also wurde bei Festen aufgespielt, und vor allen Dingen wurde die Musik bei Hofe gepflegt. Die Tafelmusik, d.h. die Musik bei Tisch entwickelte ebenfalls erst später. Diese Musik kann man am einfachsten an Beispielen und an den Instrumenten erklären. (Eine schriftliche Erläuterung ist nicht möglich, da sie sehr lang sein würde und für den Laien gänzlich unverständlich.) Hildegard von Bingen, die in ihren Schriften die deutsche Mystik vorausahnte, schrieb für ihre Klostergemeinde diverse Lieder und Weisen (Antiphonen, Responsorien, Hymnen und Sequenzen), außerdem ein geistliches Schauspiel "Ordo virtutum." Sie versuchte darin eine Synthese von Gregorianik und Volksmusik. Dies wurde für das geistliche Drama wichtig.
 
Musikbeispiel


Spielleute

Die Fidel

(lat. fidula), Fiedel, Viella, Viole. Die Fidel war ein Streichinstrument in der frühen Geschichte der abendländischen Musik mit birnenförmigem Schallkasten. Sie wurde quer vor die Brust, im Schoß oder am Knie gehalten, gezupft oder mit einem runden Bogen gestrichen. Formen und Spielarten wichen weit voneinander ab. Vermutlich hatte sie ihre Vorbilder im Orient. Neuerdings wird die Fidel wieder gebaut, aber nicht immer streng nach historischen Vorbildern.

Musikbeispiel 


Fidel

 

 

Die Lyra
 


Mittelalterliche Lyra

Lyra werden mehrere Musikinstrumente genannt:

1. Im Instrumentarium der Griechen hieß eine kleine Kithara mit bis zu sieben Saiten, die mit einem Plektron (siehe Kithara) gespielt wurde, Lyra. Sie war harfenartig gebaut, d. h., es bestand keine Einrichtung, die Saiten durch Fingerdruck zu verkürzen. Aus der Lyra hat sich die Leier entwickelt. Weil die Lyra auf den Gott Apoll bezogen wurde, ist sie bis heute ein Wahrzeichen der Musik geblieben.

Eine kleine Korrektur von Matthias: Die Lyra ist keine Form der Kithara (Die Musik im frühen Mittelalter, Die Instrumente). Laut B. Lawergen u.a., Leiern, MGG, Sachteil 5 (1996), 1011-1050 (A. Altertum, 1012-1034) gehören Lyra und Kithara zwar beide zur Gruppe der Leiern, doch die Lyra zur Gruppe der schalenförmigen Rundbodenleiern und die Kithara zu der der kastenförmigen Flachbodenleiern . Es handelt sich also um durchaus verschiedene Instrumente. Andere Bautypen der Kithara, etwa die Wiegen-Kithara (ab. 6.Jh. v. Chr.) gehören wie auch die frühe Phorminx zu den schalenförmigen Rundboden leiern. Im Homerischen Hermeshymnus wird im übrigen auf amüsante Weise die Erfindung der Lyra durch den Gott Hermes erzählt, der sie als erster aus einer Schildkröte baute.
 

2. Lyra wurde seit dem 10. Jahrhundert auch die Drehleier genannt.

3. Lira da braccio, aus der Fidel entwickelt, war im 16. Jahrhundert unmittelbare Vorgängerin der Violine, deren Form sie im wesentlichen vorausnahm. Sie hatte meist fünf Griffsaiten und zwei Bordunsaiten. Es gab auch eine Lira da Gamba mit 9-13 Spiel- und zwei Bordunsaiten sowie noch größere Formen, etwa die Arciviola da Lira mit 12 oder 14 Griffsaiten und zwei Bordunsaiten.

4. Ein völlig anderes Instrument ist die Lyra in den Militärkapellen. An ihr sind kleine abgestimmte Stahlplatten angebracht, die mit einem Stahlstäbchen geschlagen werden. Diese Lyra gleicht also einem Glockenspiel, wie es in kleiner Form Papageno in der "Zauberflöte" erhält. An den größeren, in der Militärmusik verwendeten Instrumenten weht an beiden Seiten ein roter Pferdeschwanz. Dieser Brauch wurde in den Türkenkriegen übernommen.

 


 

Die Drehleier

Radleier (lat. organistrum, franz. vielle, engl. hurdy-gurdy, ital. lira tedesca, Stampella, Lyra, Bettlerleier, Bauernleier), seit dem 10. Jahrhundert sehr beliebt in der Volksmusik. Der Resonanzkörper ähnelte etwa den heutigen Lauten. Ein Kurbelrad, das den Streichbogen ersetzte, brachte die Saiten zum Schwingen. Mit acht Tangenten wurden die Saiten an verschiedenen Stellen berührt und damit verkürzt. So wurden verschiedene Töne spielbar. Zwei Saiten im Baß ließen, ähnlich wie beim Dudelsack, die Quinte erklingen. Die Drehleier erfreute sich keiner hohen Wertschätzung. M. Praetorius nannte sie die »umblaufende Weiber-Leyer«. Anfang des 18. Jahrhunderts kam sie, besonders in Frankreich, vorübergehend noch einmal in Mode. Nach Verbesserungen konnte man auf neugebauten Instrumenten sogar Sonaten spielen. Schubert läßt seine "Winterreise" mit den Baßquinten des Leiermanns auf dem Eise enden. Seit dem 19. Jahrhundert ist dies Instrument allenfalls bei Straßenmusikanten in Südosteuropa anzutreffen.

 

Das Trumscheid

(Trumbscheit, Trompetengeige, Tromba marina, Marientrompete) wurde ein seltsames Streichinstrument des Mittelalters genannt, das mit dem Monochord (Instrument mit einer Seite) verwandt ist. Über einem schmalen und dreieckigen Klangkörper in Form eines Holzscheites läuft eine Saite, und zwar über einen Steg. Ein Fuß des Steges liegt fest auf dem Instrument, der andere liegt frei, ein wenig über dem Holz. Er berührt aber durch seine Schwingung das Holz beständig. Das ergibt einen schwirrenden und schnarrenden Ton. Auf dem Trumscheit wurden nur Flageolettöne gespielt. Der Name dieses Instrumentes hat einige Rätsel aufgegeben. Daß es als Tromba marina in der englischen Flotte als Signalinstrument gedient haben soll, ist Legende. Auch mit Maria hat es wohl nichts zu tun, obwohl das Trumscheit auch besonders gern von den Nonnen gespielt wurde und daher auch Nonnengeige hieß.

  Musikbeispiel

 

Das Portativ

Portativ (lat. portare »tragen«), eine kleine leichte »tragbare« Orgel. Bisweilen spielte man auf ihr nur mit der rechten Hand, während die linke den Blasebalg bediente. Das Portativ hat kein Pedal und nur Flötenregister.

Musikbeispiel

 

Das Psalterium

(griech. psallo »ich zupfe«), Zupfinstrument, im 11. Jahrhundert aus dem Orient über Spanien nach Mitteleuropa gekommen. Charakteristisch ist die Trapezform. Nach dem 14. Jahrhundert wurde es, mit Klöppeln geschlagen, zum Hackbrett und damit zu einem wichtigen Vorläufer des Hammerklaviers. Der lateinisierte Name Psalterium ist zu Psalter vereinfacht worden und meint dann das Psalmbuch.

  Musikbeispiel

Letzte Änderung: Montag, 12. April 2004
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