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Eine Einführung von Frau Jutta Gladen, Historikerin (Magdeburg).

"... und wie wir jetzt sehen, wurden
Sachsen und Franken zu einem Stamm aus christlichem Glauben"
Als der Mönch Widukind von Corvey diesen Satz etwa um 967/68 schrieb, kennzeichnete er
damit das Zusammenwachsen der ehemaligen Feinde, der Franken Karls des Großen und der
eroberten Sachsen. Der grausame Krieg zwischen diesen beiden Stämmen, der die Eroberung
des Gebietes zwischen Rhein und Elbe zum Ziel hatte, währte mehr als dreißig Jahre.
Nicht immer hatte sich Karl der Große dabei besonnen gezeigt: Zwangstaufen, Deportationen,
drakonische Gesetze und auch Massentötungen waren Maßnahmen, die schon bei den Zeitgenossen
des großen Kaisers auf Widerspruch stießen und als falsch kritisiert wurden. Karl
der Große änderte seine Politik. Nicht die militärische Unterwerfung sollte
am Ende erfolgreich sein, sondern die Einbeziehung der sächsischen Großen in das
karolingische Herrschaftssystem. Grundlage dafür allerdings war die Christianisierung.
Mit der Annahme des neuen Glaubens gelangten die Adligen als Grafen in Positionen, die es ihnen
erlaubten, mit den Franken zusammen zu leben, vor allem aber weiterhin in Sachsen zu herrschen.
Ob die Taufe vor diesem Hintergrund aus Überzeugung oder aus politischem Denken erfolgte,
lässt sich nicht abschließend klären. Dass es aber nicht bei der Taufe der
führenden Sachsen bleiben sollte, zeigt die weitere Geschichte. Parallel zur militärischen
Eroberung der Gebiete folgte die "Einkirchung" (Michael Borgolte). Waren bislang
die Klöster Fulda und Hersfeld und das Erzbistum Mainz die Zentren für die Missionierung
der Sachsen gewesen, so folgte nun die Gründung von Bistümern. Bis zu Beginn des
9. Jahrhunderts wurden u.a. die Bistümer Osnabrück, Bremen, Minden, Münster,
Paderborn, Hildesheim und Halberstadt gegründet. Die Bischöfe waren nun für
die Christianisierung in den eroberten Gebieten zuständig. Von Hildegrim von Châlons-sur-Marne,
dem ersten Bischof des Halberstädter Bistums heißt es, er habe 35 Pfarrkirchen errichtet,
deren Priester dann ihre Gemeinden aufbauten.
Forsachistu diobolae? Ec forsacho diabolae. Schwörst
du dem Teufel ab? Ich schwöre dem Teufel ab.
Mit dieser ersten Zeile des sogenannten Altsächsischen Taufgelöbnis
wurde zu Beginn des 9. Jahrhunderts die Taufe eingeleitet. Diese Texte, die auf älteren
Gelöbnissen basieren, wurden nun in die Sprache übersetzt, die von den Täuflingen
verstanden wurde. Diese christlichen Texte gehören so auch zu wenigen Sprachdenkmälern,
die die jeweiligen "Volkssprachen" bewahrten. Dass die Missionierung erfolgreich
war, zeigt die weitere Entwicklung in Sachsen. Die ersten Klöster und Stifte wurden gegründet.
Im heutigen Sachsen-Anhalt stammt das älteste Kloster aus der Zeit um 840, das Kloster
Wendhausen/Thale: eine Gründung Giselas, der Tochter eines sächsischen Grafen namens
Hessi. Auch die Familie der Liudolfinger/Ottonen schuf um die Mitte des 9. Jahrhunderts mit
dem Stift Gandersheim ihr religiöses Zentrum. Für fast hundert Jahre war Gandersheim
Begräbnisstätte der Familie. Hier wurden die Töchter, die nicht heirateten,
Äbtissinnen und sorgten für die Memoria, das Gedenken an die Verstorbenen der Familie.
Erst mit der Gründung des Servatius-Stiftes in Quedlinburg wurde Gandersheim von dieser
Position verdrängt. Dies geschah dann aber erst nach der Zeit Heinrichs I., der als erster
aus dem Stamm der Sachsen die Franken in der Königsherrschaft ablöste. Dies, so Widukind,
war nicht zuletzt der Tatsache geschuldet, dass aus den ehemaligen Feinden Brüder geworden
waren, eben ein Stamm aus christlichem Glauben, quasi una gens ex Christiana fide.'
...
vor allem berühmt für seine Frömmigkeit ...
Diese Worte, die Widukind von Corvey zur Beschreibung Ottos des Großen findet, gehören
zum Herrscherlob des Mittelalters, zum Tugendkatalog mittelalterlicher Könige. Den Chronisten
der Zeit war nicht daran gelegen, eine Charakterstudie individueller Personen zu zeichnen,
ihnen war vielmehr daran gelegen, die Taten eines Königs als Ausdruck göttlicher
Fügung und Einverständnisses zu zeigen. Dabei ist die Salbung wichtigster Ausdruck
für die Mitwirkung des Königs in der Heilsgeschichte. Am 7. August des Jahres 936
wurde Otto der Große in Aachen zum König gesalbt und gekrönt. Anders als sein
Vater Heinrich I., der auf die Salbung verzichtet hatte, begann Otto seine Königsherrschaft
mit einem deutlichen Zeichen: er war christus domini - Gesalbter des Herrn. Er war damit nicht
mehr nur Laie, aber auch nicht ganz Priester: der König stand als Vermittler zwischen
den Klerikern und den Laien. Die Salbung verdeutlichte zudem, dass sein Königtum aus der
Gnade Gottes stammte: die Worte Dei gratia rex -durch die Gnade Gottes König- begleiten
Könige bis in heutige Zeiten. Widukind von Corvey, dessen Bericht über die Vorgänge
am detailliertesten, aber leider auch recht unglaubwürdig ist, berichtet von den Aufgaben
und Pflichten, die mit der Salbung und Krönung verbunden waren: Der König war defensor
ecclesiae- Verteidiger der Kirche. Seine wichtigste Aufgabe war es, Frieden zu schaffen und
zu erhalten, Milde und Erbarmen gegenüber allen walten zu lassen. Clementia - Milde- wird
von Widukind dann auch als hervorragende Eigenschaft Ottos herausgestellt.
... zum Gedenken an unseren Vater und zum Heile unserer
Seele
Für die Erinnerung an die Verstorbenen und für das eigene Seelenheil
zu sorgen, sind grundlegende Anliegen der Menschen im Mittelalter. Sie taten dies, je nach
sozialer Stellung, durch fromme Werke oder aber durch Kloster- und Stiftsgründungen. Auch
für den König waren solche Gründungen selbstverständlich.
Unmittelbar nach der Königskrönung in Aachen kehrte Otto nach Sachsen zurück.
In Quedlinburg angekommen, sorgte er für die Durchführung einer der wichtigsten Stiftsgründungen
seiner Familie: Quedlinburg. Dieses Stift übernahm die Aufgaben des alten Gandersheim.
Es wurde Grabstätte - Heinrich I., seine Gemahlin Mathilde und ihre gleichnamige Enkelin
Mathilde wurden hier u.a. begraben - und religiöses Zentrum der Ottonen. Hier fand das
Gedenken, die memoria, für die Toten der Familie und ihrer Adligen statt. Ein Jahr später,
am Vorabend des Festes des Heiligen Mauritius, am 21. September 937, gründete Otto in
Magdeburg in Anwesenheit von zwei Erzbischöfen, acht Bischöfen und zahlreicher weltlicher
Adliger das Kloster St. Mauritius. Dieses Kloster sollte Ausgangspunkt für die Missionierung
der slawischen Stämme östlich der Elbe sein und war so auch sichtbarer Ausdruck für
eine weitere königliche Aufgabe: die Ausdehnung des christlichen Königreichs, das
hier nicht das ostfränkische Reich bedeutete, sondern allgemein die Christenheit. In diesem
Zusammenhang sind auch die Gründungen der Bistümer, zunächst Havelberg und Brandenburg,
zu sehen.
... den stets die schützende Hand Gottes bewahrte...
Durch die Salbung war Otto Gesalbter des Herrn geworden, durch fromme Werke erwies
er sich als christlicher Herrscher. Dass er Aufstände und Kriege unangefochten überstand,
zeigte den Zeitgenossen, dass Gott auf der Seite des Königs stand. Der Sieg über
die Ungarn auf dem Lechfeld im Jahr 955 ist in diesem Sinne eines der wichtigsten Ereignisse
in der politischen Biographie Ottos des Großen. Der Weg zur Kaiserkrone war damit vorbereitet.
Denn meine Augen haben dein Heil geschaut,... Otto der Große
wird Kaiser
Am 2. Februar, an Mariä Lichtmeß, wurden Otto der Große und seine zweite Gemahlin,
die burgundische Erbin und italienische Königinwitwe Adelheid in Rom zu Kaiser und Kaiserin
gesalbt und gekrönt. Das Miteinander von Weltlichem und Religiösem zeigt sich nicht
nur im 10. Jahrhundert an sehr vielen Beispielen. Eines davon ist die Wahl bestimmter heiliger
Tage für politische Handlungen. So ist auch der 2. Februar, Mariä Lichtmeß,
als Datum für die Kaiserkrönung nicht zufällig. Das Evangelium des Tages schildert
die Darstellung Jesu im Tempel (Lk, 2, 22ff.). Damit erfüllt sich für den alten Simeon
eine Prophezeiung: Es werde nicht eher sterben, bevor den Gesalbten des Herrn- den christus
Domini- gesehen habe. Simeon erkennt in Jesus den Verheißenen: "Denn meine Augen
haben dein Heil geschaut, das du bereitet hast im Angesicht aller Völker, ein Licht zur
Offenbarung der Heiden und zur Verherrlichung für dein Volk Israel (Lk, 2,30ff). Nicht
nur der Tag war ausgewählt, auch die Liturgie, die an diesem Tag in Rom, in Alt-St. Peter,
gefeiert wurde, folgte Vorbildern. Nur kurze Zeit zuvor, hatte man in Mainz in einem Pontifikale
- einer Sammlung von Vorschriften zum Ablauf bestimmter Messen und Weihen - auch den Ritus
für alle kirchlichen Weihen aufgezeichnet, darunter auch die für die Salbung und
Krönung des Kaisers. Dieses Pontifikale, das übrigens jetzt in der Ausstellung Otto
der Große, Magdeburg und Europa ausgestellt ist, wurde von der römischen Kirche
als "Musterbuch" übernommen. Die Weihe Ottos und Adelheids gilt als Vorbild
für künftige Kaiserkrönungen. In dieser Liturgie werden die Grundlagen mittelalterlichen
König- und Kaisertums noch einmal benannt: Gott beruft den Herrscher, er gibt ihm Macht
und verhilft ihm zum Sieg über die Feinde. Er verleiht ihm die Weisheit gerechter Regentschaft
und Frieden für das Volk, wenn der König bzw. Kaiser Gott ehrt, barmherzig ist und
Gerechtigkeit liebt. Doch wie zeigte Otto der Große jetzt seine neue Würde? Ein
sichtbares Zeichen war ein neues Siegel, das Otto nach der Kaiserkrönung verwendete. Man
spricht in diesem Zusammenhang gar von "einem neuen Bild des Herrschers". Seit seiner
Königskrönung war auf dem Siegel ein Krieger zu sehen gewesen, im Halbprofil dargestellt
mit Lanze und Schild. Jetzt, seit 962, wurde ein Siegel verwendet, welches die Empfänger,
wie etwa die Geistlichkeit, an Heiligendarstellungen oder gar an Christusdarstellungen erinnern
musste und wohl auch sollte: Das Siegel zeigt den Kaiser jetzt frontal, im Schmuck der königlich-kaiserlichen
Herrschaftszeichen, also mit Krone, Zepter und Reichsapfel.
...ein Licht zur Offenbarung der Heiden...
Das Tagesevangelium vom 2. Februar 962 wies darauf hin, ein Licht zur Offenbarung, zur Erleuchtung der Heiden sollte der Kaiser sein. Obwohl damit eher die Mission unter den Heiden gemeint war, auch der militärische Sieg über Heiden zählte. Der Sieg über die Ungarn auf dem Lechfeld bei Augsburg im Jahr 955 war eine wichtige Voraussetzung für die Kaiserkrönung Ottos: Die Urkunden Papst Johannes' XII. sprechen eine deutliche Sprache: der König hatte die Ungarn besiegt und sich damit auch als Verteidiger der heiligen Kirche erwiesen. Seine "Missionsaufgaben" gedachte der Kaiser nun zu erfüllen: das 937 gegründete Kloster St. Mauritius in einen Erzbistumssitz umzuwandeln. Dass dies auch nach der Kaiserkrönung noch weitere sechs Jahre dauern sollte, lag weniger am Kaiser als an den Kontrahenten, die mit einer solchen Gründung viel zu verlieren hatten, dem Erzbischof von Mainz und dem Bischof von Halberstadt. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.
Jutta Gladen
Der Text stellt eine Zweitverwertung dar und ist zunächst im Tag des Herrn, Kath. Wochenzeitung, erschienen. Wir veröffentlichen ihn mit freundlicher Erlaubnis der Autorin.
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Letzte Änderung: 8. November 2001 |
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