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Diese Seite (Gastbeitrag) erklärt, was ein Flurname mit einer militärischen Katastrophe unter der Regierung von Heinrich II. zu tun hat.

Menschen geben ihrem Umfeld Namen. Sei es zufällig oder mit Absicht. Das macht einen Landstrich unverwechselbar, vor allem dann, wenn sich die Namen aus der Eigenart der Gegend herleiten. Leider zu oft gerät das Wissen um Namen gänzlich in Vergessenheit. Damit ist gleichzeitig auch ein Stück Identität und Geschichte unwiederbringlich verloren.

Der nachfolgende Text hat das Ziel, solch einen Flurstücknamen vor der Vergessenheit zu bewahren. Darüber hinaus wird erstmalig eine verblüffende Verbindung zu einem historischen Ereignis der frühen deutschen Reichsgeschichte geknüpft.

Begeben wir uns ins östliche Brandenburg. Am Südende des Oderbruchs ragt der sogenannte Reitweiner Sporn wie eine Halbinsel rund 7 km lang in die Oderniederung. Der Höhenunterschied von bis zu 60 m zwischen Hochfläche und Bruch bietet fantastische Fernblicke über die sich bis zum Horizont nach Norden ausstreckende Senke. Auf dem Hochplateau dieser Landzunge thront das alte Höhendorf Podelzig. Dieses Dorf war erster und wichtigster Stammsitz der adligen Familie von Burgsdorff, die rund 600 Jahre lang brandenburg-preußische Geschichte schrieb.

Am 14. Mai 1525 regelt Caspar von Burgsdorff mit dem Bischof von Lebus vertraglich die Nutzung des sogenannten "Todlagers" von Podelzig. So heißt auch heute noch (etwas abgewandelt in Totenlager) ein ziemlich feuchtes, um nicht zu sagen sumpfiges Flurstück im Bruch unterhalb Podelzigs. Alles was die Einheimischen über die Stelle noch vermitteln können, ist die Überlieferung von einer großen Schlacht, in der viele Opfer zu beklagen waren. Mehr ist nicht mehr zu erfahren.
Neben dem Vertrag von 1525 ebenfalls recht sicher erscheint die Tatsache, dass vor dem 2. Weltkrieg auf dem Totenlager Harnischteile gefunden wurden, die jetzt als verschollen gelten. Da Rüstungen um die mittelalterliche Jahrtausendwende aufkamen, muss sich die Geschichte des Totenlagers also in einem Zeitraum zwischen ca. 1000 und 1525 ereignet haben. Das sind rund 500 Jahre, eine doch noch ziemlich große Spanne. Ohne eine Möglichkeit, diesen Rahmen weiter einzuengen, gerät die Geschichtssuche zu einem hellseherischen Unterfangen.


Wo das Totenlager zu finden ist. Grafik von Jürgen Kurtz

Unvermutet steuert der Roman "Isegrimm" von Willibald Alexis weitere Hinweise bei. Das Werk stammt aus dem 19. Jahrhundert. Eine Zeit also, die weit vor dem praktischen Untergang des alten Podelzigs im Frühjahr 1945 lag. Gleich im ersten Kapitel des ersten Buches wird man eine Beschreibung eines Landstriches wiederfinden, der vieles gemein hat mit dem genannten Sporn. Auf Einzelheiten will ich dazu hier nicht weiter eingehen. Wichtig ist nur, dass Alexis auch ein "Sumpfloch" beschreibt. Alexis bezieht sich auf Einheimische, die da sagen, dass dort am Sumpfloch einmal das Heer Otto des Großen im Kampf gegen die Wenden untergegangen sein soll.

Um es vorweg zu nehmen, Kaiser Otto I. "der Große", Sieger auf dem Lechfeld über die Ungarn (955) und Sinnbild für ein starkes deutsches Reich in dessen früher Phase, lässt sich mit dem Totenlager nicht in Verbindung bringen. Und das, obwohl gerade unter ihm die Ostkolonialisierung im Gebiet der Elbslawen vorangetrieben wurde. Das Monument in Zehden (Cedynia) östlich der Oder bei Hohenwutzen erinnert an diese Zeit, als am 24.6.972 Markgraf Hodo und Mieszko I. dort eine Schlacht ausfochten.
Will man aber über die Zeit Ottos etwas ausführlicher nachlesen, stößt man unweigerlich auf Thietmar von Merseburg. Dieser Mann hielt als mittelalterlicher Chronist den Zeitraum zwischen dem Wirken Ottos I. bis hin zu Kaiser Heinrich II schriftlich fest. Das ist eine Spanne, die von der Etablierung der starken Zentralmacht Ottos I. über den Niedergang des Reiches unter Otto II. und Otto III. bis zum Wiedererstarken der Zentralgewalt unter besagtem Kaiser Heinrich II. reicht.
Der weitaus größte Teil der Chronik Thietmars behandelt die Regierungszeit Heinrich II (973 - 1024). Das ist nicht verwunderlich, ist Thietmar doch Zeitgenosse dieses deutschen Kaisers. Thietmar bewunderte die Leistungen Heinrichs II. der zwar nie "der Große" hieß, dessen Wirken aber ähnliche Wichtigkeit besaß, wie das Ottos I. Immerhin ist Heinrich II. 1146 heilig gesprochen worden.

Das Totenlager heute. Foto v. Jürgen Kurtz.

Die Beschreibungen Thietmars über die Feldzüge Heinrich II. bringen nun endlich Licht in das Dunkel um das Totenlager.
Zweier Herausforderungen musste sich Heinrich stellen. Das war einerseits die drohende Lossagung Italiens vom Deutschen Reich und andererseits der Expansionsdrang Boleslaw Chrobrys (Der Tapfere) (966-1025), der am Ostrand des Reiches ein eigenes Slawenreich errichten wollte, was ihm im Alter auch gelingen wird. Dazu aber später mehr.
Die Lossagung Italiens kann Heinrich durch seinen 2. Italienfeldzug in den Jahren 1013 und 1014 erst einmal verhindern. In diesem Zusammenhang kam es dann auch 1014 zur Kaiserkrönung Heinrichs zusammen mit seiner Frau Kunigunde in Rom. Ein Jahr danach, also 1015, versucht Heinrich nun auch seinem 2. Problem Herr zu werden. Er zieht gegen Boleslaw. In Krossen (Krosno Odrzanskie) an der Oder trifft er auf die polnischen Truppen unter der Führung Miezkos, dem Sohn Boleslaws. Nach diesem Treffen und einer anschließenden Schlacht auf der anderen Oderseite, fährt das deutsche Heer mit Schiffen zum nächsten "gewünschten Gebiet". Einen Tag lang konnten sogar Segel gesetzt und eine "große Strecke" zurückgelegt werden. Das deutsche Heer war also mehr als einen Tag, von Krossen aus gesehen stromabwärts, auf der Oder unterwegs.

Man ist jetzt auf Schätzungen angewiesen. Die Oder hat eine durchschnittliche Fließgeschwindigkeit von 1 m/s. Auch durch Segel wird sich diese Treibgeschwindigkeit nicht deutlich erhöht haben. Diese 1 m/s entsprechen dann rund 4 km/h. Dieses Tempo passt gut ins Bild. Von Krossen bis auf die Höhe des Totenlagers sind es rund 70 km. Mit einer Geschwindigkeit von 4 km/h ist diese Distanz in rund 20 h Stunden zu bewältigen. Das ist in 2, bequemer in 3 Tagen zu schaffen.

Die Erzählung Thietmars geht nun insoweit weiter, dass Boleslaw mitbekommt, dass Heinrich gegenüber dem Hinweg einen anderen Rückweg einschlägt. Heinrichs Heer lagert an einem ungünstigen Ort. Von einem "sumpfigen Gelände" ist die Rede. Hier schlägt Boleslaw zu und metzelt die deutschen Truppen nieder. 200 der besten Ritter sterben und werden auf dem Schlachtfeld begraben. Lediglich der gefallene Markgraf Gero und der ebenfalls tote Begleiter Wildred werden nach Meißen gebracht. So endet die hier nur grob wiedergegebene Geschichte dieser Schlacht und der Versuch, Boleslaw in seine Schranken zu weisen.
Boleslaws Ziel, die Lossagung vom Deutschen Reich, hatte er mit diesem Sieg im Jahre 1015 ebenfalls noch nicht erreicht. Er musste sich noch bis 1025 gedulden. Ein Jahr nach Heinrichs Tod nutzt er die Thronstreitigkeiten im deutschen Reich aus und ernennt sich kurzerhand selbst zum ersten polnischen König und gilt somit als Begründer des Großpolnischen Reiches. Das ist keine leere Worthülse, denn dieses Polnische Reich erstreckte sich zu Zeiten seiner größten Ausdehnung von der Ostsee bis nach Böhmen und von der Oder bis weit hinter Kiew nach Osten. Der polnische Nationalstolz rekrutiert sich in großen Teilen aus dieser Zeit. Unverkennbar wird das beim jetzigen Namen für das ehemalige Ursprungsgebiet der Polanen an der Warthe und Netze. Seit der Grenzziehung an der Oder und Neiße heißt die ehemalige Neumark jetzt wieder Wielkii Polski (WKP) - Großpolen.

Es gibt noch einen Hinweis darauf, dass das Totenlager in Podelzig mit dem Ort der Schlacht des Jahres 1015 identisch ist. Thietmar beschreibt nämlich, dass in den Gebieten, in denen Heinrich operierte, die polnischen Burgen niedergebrannt wurden. Diese Brandspuren lassen sich wiederfinden. Auf den Slawenburgen in der Umgebung von Podelzig, besonders die auf der Nordostspitze des Sporns ist eine großräumige Brandschicht nachgewiesen. Sie wird auf die Jahre um 1000 datiert. Die bisherige Deutung war die, dass im Rahmen der polnischen Westexpansion die Burgen von den Polen niedergebrannt wurden. Mit dem Hintergrund des hier erläuterten, ist es aber eher wahrscheinlich, dass die Brandschatzung durch das deutsche Heer Heinrichs erfolgte.

Etwas bleibt noch unbeantwortet. Der Untergang des deutschen Heeres auf dem Totenlager fand im "Gau Diadesi" statt. Die Herleitung dieses Wortes gelingt bisher nicht. Lediglich die Anfangssilbe "dia" lässt sich lateinisch als "durch" ableiten. Am bekanntesten ist heutzutage vielleicht das Wort Dia als Kurzform von Diapositiv, also dem durchleuchtbaren Positivbild. Was "desi" als 2. Wortsilbe zu sagen hat, ist unklar. Witzigerweise existiert ein lateinisches Wort "desidia". Die beiden Wortsilben sind hier also vertauscht. Übersetzt bedeutet dies Müßiggang oder Trägheit. Sofern Desidia mit Diadesi etwas zu tun hat, biete ich auch eine Interpretation an. Der Oderbruchrand war schon immer begehrtes Siedlungsland. Auf dem Höhenland fruchtbarer Ackerboden und in Bruch Fischfanggründe. Bessere Voraussetzungen für ein menschliches Auskommen kann man kaum finden. Die Nahrungsversorgung verlangte also nicht jeden Tag ein Kampf um die Existenz. Man konnte sich also den eine oder anderen Müßiggang leisten. Diese Interpretation muss aber nicht richtig sein. Vielleicht gelingt es einem Leser irgendwann einmal, dieses Rätsel um den Gaunamen aufzuklären.

Das Totenlager ist heute ohne Führung schwer zu finden. Durch die Melioration in den 70iger Jahren in diesem Gebiet sieht der Acker im Sommer und Winter wie jeder andere aus. Nur die heimischen Landwirte wissen aber, dass hier die Feldbestellung manchmal einem Lotteriespiel gleicht.. Im Frühjahr ist dieses Feldstück am spätesten befahrbar und zur Erntezeit muss man sich besonders sputen, um die Früchte vom Feld zu holen. Sobald feuchte Witterung einsetzt, läuft man Gefahr, dass sich die Feldmaschinen hoffnungslos festfahren.

Durch die industrielle Landwirtschaft haben heute nur noch wenige Personen direkte Berührungspunkte zum Totenlager. So merkt man schon jetzt, wie der Name allmählich aus dem Bewusstsein der Podelziger verschwindet. Möge dieser Text dem Vergessen entgegenwirken.

Jürgen Kurtz, Brandenburg (Gastautor)

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Letzte Änderung: Sa, 5.April 2003