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Menschen geben ihrem Umfeld Namen. Sei es zufällig oder mit Absicht. Das macht einen Landstrich unverwechselbar, vor allem dann, wenn sich die Namen aus der Eigenart der Gegend herleiten. Leider zu oft gerät das Wissen um Namen gänzlich in Vergessenheit. Damit ist gleichzeitig auch ein Stück Identität und Geschichte unwiederbringlich verloren.
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Der nachfolgende Text hat das Ziel, solch einen Flurstücknamen vor der Vergessenheit zu bewahren. Darüber hinaus wird erstmalig eine verblüffende Verbindung zu einem historischen Ereignis der frühen deutschen Reichsgeschichte geknüpft. Begeben
wir uns ins östliche Brandenburg. Am Südende des Oderbruchs ragt der
sogenannte Reitweiner Sporn wie eine Halbinsel rund 7 km lang in die Oderniederung.
Der Höhenunterschied von bis zu 60 m zwischen Hochfläche und Bruch bietet
fantastische Fernblicke über die sich bis zum Horizont nach Norden ausstreckende
Senke. Auf dem Hochplateau dieser Landzunge thront das alte Höhendorf Podelzig.
Dieses Dorf war erster und wichtigster Stammsitz der adligen Familie von Burgsdorff,
die rund 600 Jahre lang brandenburg-preußische Geschichte schrieb. |
Wo das Totenlager zu finden ist. Grafik von Jürgen Kurtz |
Unvermutet steuert der Roman "Isegrimm" von Willibald Alexis weitere Hinweise bei. Das Werk stammt aus dem 19. Jahrhundert. Eine Zeit also, die weit vor dem praktischen Untergang des alten Podelzigs im Frühjahr 1945 lag. Gleich im ersten Kapitel des ersten Buches wird man eine Beschreibung eines Landstriches wiederfinden, der vieles gemein hat mit dem genannten Sporn. Auf Einzelheiten will ich dazu hier nicht weiter eingehen. Wichtig ist nur, dass Alexis auch ein "Sumpfloch" beschreibt. Alexis bezieht sich auf Einheimische, die da sagen, dass dort am Sumpfloch einmal das Heer Otto des Großen im Kampf gegen die Wenden untergegangen sein soll.
Um es vorweg zu nehmen, Kaiser Otto I. "der
Große", Sieger auf dem Lechfeld über die Ungarn (955) und Sinnbild für
ein starkes deutsches Reich in dessen früher Phase, lässt sich mit dem Totenlager
nicht in Verbindung bringen. Und das, obwohl gerade unter ihm die Ostkolonialisierung im
Gebiet der Elbslawen vorangetrieben wurde. Das Monument in Zehden (Cedynia) östlich
der Oder bei Hohenwutzen erinnert an diese Zeit, als am 24.6.972 Markgraf Hodo und Mieszko
I. dort eine Schlacht ausfochten.
Will man aber über die Zeit Ottos etwas ausführlicher nachlesen, stößt
man unweigerlich auf Thietmar von Merseburg. Dieser Mann hielt als mittelalterlicher Chronist
den Zeitraum zwischen dem Wirken Ottos I. bis hin zu Kaiser Heinrich II schriftlich fest.
Das ist eine Spanne, die von der Etablierung der starken Zentralmacht Ottos I. über
den Niedergang des Reiches unter Otto II. und Otto III. bis zum Wiedererstarken der Zentralgewalt
unter besagtem Kaiser Heinrich II. reicht.
Der weitaus größte Teil der Chronik Thietmars behandelt die Regierungszeit Heinrich
II (973 - 1024). Das ist nicht verwunderlich, ist Thietmar doch Zeitgenosse dieses deutschen
Kaisers. Thietmar bewunderte die Leistungen Heinrichs II. der zwar nie "der Große"
hieß, dessen Wirken aber ähnliche Wichtigkeit besaß, wie das Ottos I.
Immerhin ist Heinrich II. 1146 heilig gesprochen worden.
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Das Totenlager heute. Foto v. Jürgen Kurtz. |
Die Beschreibungen Thietmars über
die Feldzüge Heinrich II. bringen nun endlich Licht in das Dunkel um das Totenlager.
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Man ist jetzt auf Schätzungen angewiesen. Die Oder hat eine durchschnittliche Fließgeschwindigkeit von 1 m/s. Auch durch Segel wird sich diese Treibgeschwindigkeit nicht deutlich erhöht haben. Diese 1 m/s entsprechen dann rund 4 km/h. Dieses Tempo passt gut ins Bild. Von Krossen bis auf die Höhe des Totenlagers sind es rund 70 km. Mit einer Geschwindigkeit von 4 km/h ist diese Distanz in rund 20 h Stunden zu bewältigen. Das ist in 2, bequemer in 3 Tagen zu schaffen.
Die Erzählung Thietmars geht nun insoweit
weiter, dass Boleslaw mitbekommt, dass Heinrich gegenüber dem Hinweg einen anderen
Rückweg einschlägt. Heinrichs Heer lagert an einem ungünstigen Ort. Von
einem "sumpfigen Gelände" ist die Rede. Hier schlägt Boleslaw zu und
metzelt die deutschen Truppen nieder. 200 der besten Ritter sterben und werden auf dem
Schlachtfeld begraben. Lediglich der gefallene Markgraf Gero und der ebenfalls tote Begleiter
Wildred werden nach Meißen gebracht. So endet die hier nur grob wiedergegebene Geschichte
dieser Schlacht und der Versuch, Boleslaw in seine Schranken zu weisen.
Boleslaws Ziel, die Lossagung vom Deutschen Reich, hatte er mit diesem
Sieg im Jahre 1015 ebenfalls noch nicht erreicht. Er musste sich noch bis 1025 gedulden.
Ein Jahr nach Heinrichs Tod nutzt er die Thronstreitigkeiten im deutschen Reich aus und
ernennt sich kurzerhand selbst zum ersten polnischen König und gilt somit als Begründer
des Großpolnischen Reiches. Das ist keine leere Worthülse, denn dieses Polnische
Reich erstreckte sich zu Zeiten seiner größten Ausdehnung von der Ostsee bis
nach Böhmen und von der Oder bis weit hinter Kiew nach Osten. Der polnische Nationalstolz
rekrutiert sich in großen Teilen aus dieser Zeit. Unverkennbar wird das beim jetzigen
Namen für das ehemalige Ursprungsgebiet der Polanen an der Warthe und Netze. Seit
der Grenzziehung an der Oder und Neiße heißt die ehemalige Neumark jetzt wieder
Wielkii Polski (WKP) - Großpolen.
Es gibt noch einen Hinweis darauf, dass das Totenlager in Podelzig mit dem Ort der Schlacht
des Jahres 1015 identisch ist. Thietmar beschreibt nämlich, dass in den Gebieten,
in denen Heinrich operierte, die polnischen Burgen niedergebrannt wurden. Diese Brandspuren
lassen sich wiederfinden. Auf den Slawenburgen in der Umgebung von Podelzig, besonders
die auf der Nordostspitze des Sporns ist eine großräumige Brandschicht nachgewiesen.
Sie wird auf die Jahre um 1000 datiert. Die bisherige Deutung war die, dass im Rahmen der
polnischen Westexpansion die Burgen von den Polen niedergebrannt wurden. Mit dem Hintergrund
des hier erläuterten, ist es aber eher wahrscheinlich, dass die Brandschatzung durch
das deutsche Heer Heinrichs erfolgte.
Etwas bleibt noch unbeantwortet. Der Untergang des deutschen Heeres auf dem Totenlager
fand im "Gau Diadesi" statt. Die Herleitung dieses Wortes gelingt bisher nicht.
Lediglich die Anfangssilbe "dia" lässt sich lateinisch als "durch"
ableiten. Am bekanntesten ist heutzutage vielleicht das Wort Dia als Kurzform von Diapositiv,
also dem durchleuchtbaren Positivbild. Was "desi" als 2. Wortsilbe zu sagen hat,
ist unklar. Witzigerweise existiert ein lateinisches Wort "desidia". Die beiden
Wortsilben sind hier also vertauscht. Übersetzt bedeutet dies Müßiggang
oder Trägheit. Sofern Desidia mit Diadesi etwas zu tun hat, biete ich auch eine Interpretation
an. Der Oderbruchrand war schon immer begehrtes Siedlungsland. Auf dem Höhenland fruchtbarer
Ackerboden und in Bruch Fischfanggründe. Bessere Voraussetzungen für ein menschliches
Auskommen kann man kaum finden. Die Nahrungsversorgung verlangte also nicht jeden Tag ein
Kampf um die Existenz. Man konnte sich also den eine oder anderen Müßiggang
leisten. Diese Interpretation muss aber nicht richtig sein. Vielleicht gelingt es einem
Leser irgendwann einmal, dieses Rätsel um den Gaunamen aufzuklären.
Das Totenlager ist heute ohne Führung schwer zu finden. Durch die Melioration in den
70iger Jahren in diesem Gebiet sieht der Acker im Sommer und Winter wie jeder andere aus.
Nur die heimischen Landwirte wissen aber, dass hier die Feldbestellung manchmal einem Lotteriespiel
gleicht.. Im Frühjahr ist dieses Feldstück am spätesten befahrbar und zur
Erntezeit muss man sich besonders sputen, um die Früchte vom Feld zu holen. Sobald
feuchte Witterung einsetzt, läuft man Gefahr, dass sich die Feldmaschinen hoffnungslos
festfahren.
Durch die industrielle Landwirtschaft haben heute nur noch wenige Personen direkte Berührungspunkte
zum Totenlager. So merkt man schon jetzt, wie der Name allmählich aus dem Bewusstsein
der Podelziger verschwindet. Möge dieser Text dem Vergessen entgegenwirken.
Jürgen Kurtz, Brandenburg (Gastautor)
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Letzte Änderung: Sa, 5.April 2003