Verrückte FreundeDie Burg in den Bergen liegt immer noch tief verschneit. Keiner von uns traut sich so recht vor die Tür. Zum Spaß schnitzen wir Herzchen in die Burgmöbel. Aber auch in der Burgkapelle gibt es Abwechslung. Magister Magnus hat diesmal ein echt starkes Evangelium. "Aber das gibt es doch jedes Jahr um diese Zeit.", meint er. Wir sehen uns betroffen an: "Da müssen wir jedes Mal auf Jagd oder im Krieg oder in der Kemenate gewesen sein!" Was Eingeschneitsein so bewirkt! Sei es drum! Wir haben diesmal dem Magister aufmerksam zugehört: Das Evangelium erzählt von vier verrückten Freunden, die ihren lahmen Freund durch die Gegend schleppen, nur um Jesus zu sehen, der ihnen als letzte Hilfe für ihren Freund erschien. Ob sie selbst an Jesus glaubten oder dies vorhatten, erfahren wir nicht. Der Gelähmte aber ist voller Hoffnung und als die Menschenmenge um das Haus von Jesus, der zu dieser Zeit schon ein echter Jesus Christ Superstar ist, zu groß ist, sehen sie sich betroffen an. Die traurigen Augen ihres Freundes hindern sie, einfach die Tragbahre zu schnappen und nach Hause zu gehen. Ihr Freund wäre vor Kummer umgekommen. Und wie echte Freunde sind, finden sie auch rasch eine Lösung. Ein Glück, das es in Palästina nur flache Dächer gibt. Also rauf dort mit der Trage, da sind wir der Hoffnung gleich ein Stück näher. Hey, und warum nicht das Dach aufgebrochen! Nach der ersten verrückten Idee ist man um die zweite nicht verlegen. Also weggekratzt der Lehm und das Holz beiseite gelegt. Und zu denen da unter gewandt: "Hallo, da ihr alle so gedrängelt habt, sahen wir keinen anderen Weg, um unseren Freund zu Jesus zu bringen!" Und flugs seilten sie die Trage mit dem Lahmen nach unten, Jesus direkt vor die Füße. Der ist selber verrückt genug, um nicht zu schelten, sondern erhört die Hoffnung des Gelähmten, wie auch seiner verrückten Freunde. Wir erkennen an diesem Evangelium, dass man, um seinen Freunden zu helfen oder um seine Ziele zu erreichen, auch unkonventionelle Wege beschreiten darf. Wenn der gerade Weg versperrt ist, und es wichtig genug ist, darf man auch schon mal verrückt genug sein, um ein Dach abzudecken. Eingefahrene Wege, den täglichen Trott, der einen kaputt macht und zu einem Maschinenwesen und nicht zu einem Kind Gottes macht, soll man ruhig verlassen und neue Wege beschreiten, wenn sich die Chance bietet. Nicht immer landet die Trage direkt Jesus vor die Füße, sondern man kann sogar dabei auf die Nase fallen, aber auch das ist wichtig. Wer weiß ob man nicht mit der Nase neben dem schönsten Schatz des Königreiches landet? |
Das Evangelium nach Markus 2, 1-12 1 Einige Tage später kam Jesus nach Kafarnaum zurück,
und bald wußte jeder, daß er wieder zu Hause war. 2 Die Menschen strömten
so zahlreich zusammen, daß kein Platz mehr blieb, nicht einmal draußen
vor der Tür. Jesus verkündete ihnen die Botschaft Gottes. 3 Da brachten vier
Männer einen Gelähmten herbei, 4 aber sie kamen wegen der Menschenmenge nicht
bis zu Jesus durch. Darum stiegen sie auf das flache Dach, gruben die Lehmdecke auf
und beseitigten das Holzgeflecht, genau über der Stelle, wo Jesus war. Dann ließen
sie den Gelähmten auf seiner Matte durch das Loch hinunter. |
"Und wo wir gerade bei unkonventionellen Idee sind", meint der Burgkaplan, "Im Winter ist es sicher nicht weise, die Dächer abzudecken, aber um an unsere Vorräte zu kommen, könntet ihr "verrückten Freunde" doch einmal einen Weg über den Burghof freischippen, statt die Möbel zu verunstalten. Es ist bald nichts mehr zu essen da und auch der Meßwein ist alle!" Auch wenn wir uns nicht sicher sind, ob das nun der endgültige Sinn des biblischen Textes ist, beschließen wir doch, gemeinsam ans Werk zu gehen, denn erstens haben wir Hunger, zweitens macht es zusammen mehr Spaß und drittens wird sicherlich auch noch ein Schluck des guten Weines abfallen. Aber das ist dann eine ganz andere Geschichte. Vielleicht auch eine Geschichte, von der unser Burgkaplan nichts wissen muss. Er sagt zwar dauernd, dass Gott alles sieht, aber in der Zwischenzeit haben wir längst herausbekommen, dass Gott uns nicht verpfeifft - und schon gar nicht beim Magister Magnus.
WintergedichtLudwig Christoph Heinrich Hölty 1748 - 1776 (leicht bearbeitet)
|
|
zurück
zur Burgkapelle |