Auf dem Marktplatz unterhalb des Giebichensteins ...

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So könnte ein frühmittelalterlicher Markt in Sachsen ausgesehen haben. Unsere Mannschaft ist im geschäftigen Treiben gut versteckt.

Dieses Bild ist dem Buch "So lebten Sie zur Zeit der Völkerwanderung" aus dem Tessloff Verlag entnommen

Cett Micha Hanna Buddha Gate

Auf dem Marktplatz unterhalb des Giebichensteins war es allmählich immer lauter geworden, einige kriegsunfähige Männer, die zuviel des starken, wärmenden Bieres getrunken hatten, begannen einen lauten Streit. Ein kleiner einarmiger Königstreuer hatte hörbar sein Bedauern ausgesprochen, nicht Gero und seinen Truppen folgen zu können, um das Reich Ottos, ihr Land, ihre Frauen, ihre Felder und ihr Vieh zu beschützen. Daraufhin war Bodo, der Einäugige, auf Widukind den Kleinen losgegangen. Er hatte fünf seiner Söhne an die Barbaren verloren, in nur einer einzigen Schlacht. Fünf gesunde Söhne, so ein Stolz und nun solch Gram. Um die beiden Raufenden hatte sich eine johlende Menge gebildet, viele waren froh über die Ablenkung von ihren Sorgen um Land und Familie. Durch diesen Tumult fiel auch niemandem die Gruppe bis zur Unkenntlichkeit vermummter Fremder auf, die unweit vom Wagen des Krämers standen und neugierig die Leute beobachteten. Nur eine alte Frau wunderte sich über die neun Gestalten, die sich so seltsam benahmen. Scheinbar waren es drei Frauen und sechs Männer. Einer von ihnen war ein Riese, eine redete unaufhörlich auf irgendjemanden ein, noch einer blickte ständig auf irgendein Ding, das an seinem Arm befestigt war und einer kramte in seiner Kleidung, als suche er etwas. Die restlichen standen nur still und gafften zurück. Bei den Beobachteten handelte es sich natürlich um die Mann- und Frauschaft der Bibinautika: Mischa hatte Angst, dass seine Größe auffiele, Hanna war nervös und brabbelte ein Mantra oder so vor sich hin, Gate fragte sich, was die Börse zu dieser Zeit gerade machte und Cett suchte wie immer irgendetwas. Tatsächlich aber waren die Freunde allesamt unschlüssig, was sie nun tun sollten. Eigentlich waren sie ja hierher gekommen um Otto den Großen kennenzulernen, doch nun waren sie wer weiß wo und kein Otto weit und breit.

Dann blickte Tolito intensiv jeden von ihnen an. Und als hätten sie diese Geste wirklich verstanden, rotteten sich die Zeitreisenden eng zusammen, teils um sich ein wenig gegenseitig zu wärmen, hauptsächlich aber, um einen "Schlachtplan" zu entwerfen. Einige Köpfe wurden zusammengesteckt, und kurz darauf mischten sich Phille, Bonsania und natürlich Buddha als Zeitkundigster unters Volk, da die drei auch am wenigsten auffallen würden. Bonsania hatte zwar etwas Angst vor der großen Menschenmenge, doch andererseits genoss sie es, dass ihre Größe ihr einmal nur zum Vorteil gereichte. So war sie auch die erste, die den Kleinen sah. Widukind war im Gesicht sprichwörtlich grün und blau, mit einem Arm hatte er sich schwerlich gegen den starken Bodo wehren können. Beinahe winselnd bat er Bodo um Gnade. Dieser hatte sich genug ausgetobt, der Schmerz um seine Söhne hatte ihn brutal werden lassen, obwohl er doch sonst so friedliebend war. Also ließ er von Widukind ab, nicht ohne einen bissigen Kommentar jedoch. "Du kannst ja nach Quedlinburg zu deinem geliebten König ziehen, der nimmt dich bestimmt! Den Barbaren ist es egal, wen sie niedermetzeln!" Diese Sätze hörte Bonsania und wiederholte sie später vor der erneut versammelten Crew. "Also auf nach Quen- ...äh Quell- ... mmh, Quidlenburg?", begann Mischa, um dann verzweifelt zu verstummen. "Genau", fragte nun auch der Capitano, "wo ist eigentlich dieses Quedlinburg?" Bei seinem letzten Wort blickte er Mischa strafend an. "Tjaa..." Alle sahen Buddha erwartungsvoll an.

Buddha begann einen längeren Vortrag. "Also, entweder gehen wir jetzt gleich zur Bibi zurück", alle sahen enttäuscht aus - sie wollten nicht schon wieder laufen müssen - "dann könnte ich dort nach Material suchen, oder einer" - "Oder eine!", warf Hanna ein - "... oder eine fragt jetzt die Leute da." Buddha blickte auffordernd in die Runde. Alle schwiegen und taten so, als wären sie nicht anwesend. Tolito wollte gerade Hanna zu dieser Mission verdonnern, als Phille meinte, dass diese Menschen sich sicherlich über ihre seltsame Sprache wundern würden und sie nicht zuviel Aufsehen erregen durften. Cett fügte hinzu, dass sie sich ja auch an die Regeln der Zeitreisenden halten mussten, um nicht durch irgendeinen Zufall ihre eigene Existenz aufzuheben. Somit trat die Crew, ob fußlahm oder nicht, den Rückzug zu ihrem Porphyrfelsen bzw. ihrem Schiff an. Nach einigen Ehrenrunden und der Entdeckung, dass Gate tatsächlich mit einem Kompass umgehen konnte, erreichten sie endlich den Platz, auf dem das Schiff geparkt worden war. Zum allgemeinen Entsetzen hatte sich die Bibinautika wirklich in einen Riesenlolli verwandelt, zum Glück aber aus Faulheit ihre Porphyrfarbe beibehalten. Nach gutem Zureden Hannas öffnete sich an einer Stelle ein Eingang und Buddha konnte sich nach einiger Suche ins Archiv eingraben. Phille wurde zum Essenkochen verdonnert und beim lebensgefährlichen Abendbrot besprach man die Vorgehensweise, um nach Quedlinburg und zu Otto zu gelangen.

Am nächsten Morgen versammelte sich die ganze Crew ausnahmsweise vor dem Bad, denn da das Wasser in den Rohrleitungen gefroren war, brauchte Bonsania ewig, um das Wasser zum Zähneputzen zusammen zukriegen. "Da wir alle schon zusammen sind, können wir gleich die Planung für heute bekannt geben. Ich denke, dass wir nach dem Frühstück in die Stadt zurück gehen...", sagte Capitano Tolito, was ein lautes Aufstöhnen der Mannschaft auslöste. In diesem Moment kam Bonsania aus dem Bad, worauf der Capitano von seinem Vortrittsrecht Gebrauch machte. Stunden später, um genau zu sein zwei, war die ganze Mannschaft am Frühstückstisch beisammen. Man beschloss in die Stadt zu gehen und auf einen Wink mit dem Zaunpfahl zu warten. Denn Buddha hatte trotz des wirklich umfangreichen Archivs (er hatte nur zwei Stunden Zeit zum Schlafen gefunden) immer noch keine Ahnung, wo Quedlinburg lag.

Letztendlich zogen Phille und Caro zusammen los um neue Nahrungsmittel zu "besorgen". Sie wussten noch nicht genau, ob Gates Geld, das jegliche Art von Währung annehmen konnte, auch in der Vergangenheit wirken würde. Auf dem Markt angekommen suchten sie als erstes einen Gemüsehändler. Phille suchte nach ein paar Kartoffeln, um der Mannschaft einmal ein kulinariarisches Kartoffelgratin zu servieren. Caro wollte aber lieber einen deftigen Eintopf essen. Als Phille nicht nachgeben wollte, wies Caro ihn darauf hin, dass es in Europa Kartoffeln erst nach der Entdeckung Amerikas, 1492, gab. Und so wurden Zwiebeln für den Eintopf gekauft. Zum Glück nahm das Geld genau die verlangten 5 Silbergroschen an. Caro schaute sich indessen auf dem Markt um und erkannte die alte Frau vom Vortag wieder. Diese versuchte sich langsam davon zuschleichen, nachdem sie bemerkte, dass Caro sie beobachtete. Die alte Frau wurde immer schneller, um den Blicken Caros zu entweichen, und verschwand hinter der nächsten Ecke. Caro schaute um dieselbige und hörte die Frau mit einen jungen Mann reden.

"Ich habe Angst!". Bei näherem Hinschauen fiel Caro auf, dass es sich bei der alten Frau um ein junges Ding handelte, das sich tief in seinen Mantel zu hüllen schien, um sich zu verstecken. "Ottos Mannen führen verstärkt Kontrollen durch. Und dann tauchen auch noch die seltsam gekleideten, fremden Menschen auf..." Caro fragte sich, ob sie alle wirklich so komisch aussahen. "Ich habe Angst, dass man uns entdeckt und wir beide für immer getrennt sind. Wenn die Tat entdeckt wird ist alles verloren, dann wird sich nie etwas ändern und du wirst sterben." In diesem Moment wurde Caro von Phille entdeckt, der lautstark "Huhu!" schreiend auf sie zustürmte. Die Leute auf dem Markt begannen sich nach Phille umzudrehen, was zur Folge hatte, dass sie auch von der "alten Frau" und dem Mann entdeckt wurden. Die nahmen sofort ihre Beine in die Hand und verschwanden in der zähen Masse aus Mensch und Tier. Caro sah ein, dass es sinnlos war, ihnen zu folgen und wartete mit Zorn auf Philles Ankunft. "Was hast du dir dabei gedacht, laut brüllend über den Markt auf mich zuzurennen?", fauchte Caro Phille an, der gar nicht wusste, wie ihm geschah. Schweigend setzten beide ihren Besuch auf dem Marktplatz fort. Phille, der dieses Zustandes überdrüssig war, beschloss seinen eigenen Streifgang zu unternehmen. Er kaufte sich ein paar Maronen zum Preis von nur einem gefälschten Silbergroschen und schlenderte gemütlich über den Markt. "Haltet den Dieb!", tönte es plötzlich hinter ihm, "Er hat sogar noch die Zwiebeln, die er sich für ein paar lumpige Münzen gekauft hat, die dann sofort zu Asche zerfallen sind!". Die Menschenmenge horchte auf und begann Phille zu umzingeln. Unter ihnen konnte Phille Caro ausmachen, die nicht umsonst den Beinamen "Die Lange" trägt. "Erst laut rumschreien und dann auch noch stehlen...", schallte es aus der Menge, "...An den nächsten Baum mit ihm!". Gesagt, getan: Phille wurde sofort zum nächsten stabilen Baum geführt. Einer rief: "Das ist bestimmt ein Hexer, macht schnell, bevor er einen Fluch ausstößt." Bodo hatte schon die Axt in der Hand, um dem Baum die Last zu ersparen, da sprengte ein Reiter durch die Menge.

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