"Im Namen des Markgrafen haltet ein", rief der Reiter, in welchem Caro den Capitano erkannte. Der Lederpanzer stand ihm zwar nicht besonders gut, machte aber was her. Sein Reitpferd war die Bibinautika, die Spaß daran hatte, sich für die Rettungsaktion in ein Streitross verwandeln zu lassen. "Der Mann", der Capitano deutete auf Phille, "ist einer meiner Knechte und nur meiner Justiz als sein Grundherr verantwortlich. Wer also Klage vorbringen will, der mag es jetzt tun. Wir werden dann sehen." Tolito fuchtelte mit einer Franziska (Wurfaxt) herum, die er knapp an Philles Nase vorbei gegen den Baum segeln ließ und zog danach sein Schwert. Der Händler drängte sich vor und begann zu keifen, bis der Capitano ihm ein paar Münzen zuwarf und zum Bier einlud, das Caro stehenden Fußes zu organisieren hatte.

Der Händler, Knolle genannt, war auf dem Weg nach Quedlinburg und suchte noch Fuhrleute für seine Karren. "Da haben wir zufällig den gleichen Weg. Um euch die Ungelegenheit mit meinem Knecht zu vergelten, werden euch meine anderen Knechte gegen freie Kost etwas zur Hand gehen." Mit "meine anderen Knechte" war die Besatzung der Bibinautika gemeint, die dies mit Empörung zur Kenntnis nahm. Allein, es half nichts. Sie waren auf dem Weg nach Quedlinburg. Der Aufbruch sollte am nächsten Morgen stattfinden. Heftig wurden des Nachts in der Bibinautika Vorbereitungen getroffen. Der Bibinautika, die unbedingt mitkommen wollte, wurde strengstes Bewegungs- und Sprechverbot erteilt und sie verwandelte sich, von der Schaufel inspiriert, in eine Mistgabel. Das "Gerät" wurde unter den erstaunten Blicken des Händlers auf einem Wagen verstaut, den Buddha lenkte. Der Capitano gesellte sich zu Händler Knolle in die Mitte des Kaufmannszuges; die anderen streunten mal am Ende, mal am Anfang des Zuges um die Wagen und Waren herum.

Der Capitano war als Held zur Stelle

So begannen sie ihre Reise durch das alte Sachsenland. Sie zogen am Westen der Saale entlang aus der Stadt Giebichenstein hinaus in Richtung Nordwesten auf die Burg Wettin zu. Abends, nach einem langen Marsch, einem guten Umsatz und der Beruhigung aller knurrenden Mägen legte sich der Trupp in den schützenden Mauern der Rothenburg zur Ruhe. Bei Anbeginn des neuen Tages wachte die Mannschaft wieder hungrig und auch ansonsten mit gemischten Gefühlen auf. Buddha hatte Muskelkater, da er den ganzen gestrigen Tag auf dem unbequemen hölzernen Ochsenkarren verbracht hatte, Hanna vermisste ihre Musik und Cett den Bordcomputer der Bibinautika, die sich in ihrem Dasein als Mistgabel auch schon fürchterlich langweilte.

Doch früher oder später wandten sie sich trotzdem gen Alsleben, ihrem nächsten größeren Ziel. Danach zogen sie am Klapperberg vorbei und verbrachten ihre zweite Nacht in der Nähe des heutigen Mehringen. Mischa stand mit einigen Fuhrknechten Wache und stützte sich der Bequemlichkeit wegen auf die Bibinautika. Diese entdeckte auch, während Mischa laut schnarchte, eine dunkle Gestalt am Rande des nahe, doch nicht zu nahe liegenden Waldes. Vor Schreck tat sie einen kleinen Hüpfer und der Schlafende fiel schmerzhaft und tiiief zu Boden. Die Bibinautika beugte sich zu dem Geweckten herunter und flüsterte ihm ins Ohr: "Psst, ich glaube, da am Wald ist etwas." "... der Wald isst was...?", wiederholte Mischa verwirrt und wurde endlich wach. Denn die kargen Essensrationen riefen bei ihm zwar Halluzinationen, doch keine solcher Art hervor.

"Da hat sich was am Waldrand bewegt!" Das verkleinerte Schiff in Form einer Mistgabel war aufgeregt und ängstlich. "Was?!", schrie Mischa laut auf, was in einigen Zelten die Leute weckte, sofern sie denn geschlafen hatten. Mischa schnappte sich sofort die Mistgabel und rannte in Richtung Waldrand los, was er jedoch spontan bereute, denn plötzlich war er von zwei Dutzend Barbaren umzingelt. Es waren Sorben vom östlichen Ufer der Elbe, die mit großen Spießen Michas Widerstandswillen recht schnell unterdrückten. Vor Schreck ließ er das lebende Schiff (immer noch Mistgabel) fallen. Er brüllte laut in der Hoffnung Rettung zu erhalten.

Knolle machte einen guten Umsatz und Cett konnte ganz schön arbeiten!

In der Zwischenzeit waren die Anderen aufgesprungen. Der Händler fluchte: "Warum habe ich bloß keine Söldner angeheuert? Es wäre mir nicht teurer zu stehen gekommen, als wenn ich jetzt alles verliere. Da hätte ich wenigstens eine Chance gehabt meine Waren zu verteidigen!" In Anbetracht der Situation befahl Tolito der Bibinautika ihre Auflagen zu vergessen und die Räuber anzugreifen. Aber wo steckte die Bibi eigentlich? Aus dem Wald, dort wo Mischa sie fallengelassen hatte, rollte plötzlich eine lollifarbene Steinschleuder heran und begann eine Großoffensive. Derartig von hinten mit einem Steinhagel eingedeckt, wandten sich die Sorben zur Flucht. Der Capitano auf seinem Streitross setzte ihnen noch nach und kam zum Glück dabei nicht zu Schaden. Nach diesem Geschehen waren alle verständlicherweise sehr erschrocken. Die Bibinautika reagierte jedoch schnell und verwandelte sich zurück in eine Mistgabel. Der Händler fragte Tolito, nachdem er wieder seiner Stimme mächtig war: "Was waren das für seltsame fliegende Steine?" Darauf Tolito: "Das war sicher ein Werk Gottes. Wir haben doch alle gebetet, damit der Christ uns Hilfe schickt, oder?"

"Ja, ähm ... natürlich...." Kurz darauf wurde noch ein kleines Lagerfeuer gemacht, da keiner der Gefährten schlafen konnte. Bei dem Händler und den Seinigen blieb nun doch der Eindruck zurück, es mit Zauberern zu tun zu haben. Aber sie trauten sich nicht, es laut auszusprechen. Immerhin konnten es doch auch Engel sein, wenn sich Knolle auch Engel eigentlich anders vorgestellt hatte, strahlender, heldischer, glanzvoller. Gewiß waren es nur Unterengel! Oder Unterunterunterengel! So etwas in der Art, damit schlief Knolle, der Händler, wieder ein.

Zum Sonnenaufgang krähte irgenwo ein Hahn und alle wachten zum zweiten Mal auf. Die Mannschaft nahm noch ein Bissen zu sich und machte sich bereit zum Aufbruch. Als nächstes stand Aschersleben auf der Reiseroute. Nachdem hier fleißig Handel getrieben worden war, setzte man den Weg nach Osten in Richtung Quedlinburg fort, wo man gen Abend ankam.

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