Buddha hatte wieder einmal in der Bibliothek gewühlt. Er war auf der Suche nach Material aus dem 20. Jahrhundert, weil aus diesem Zeitalter bekanntlich die besten Kinofilme stammten, und Tolito, der Capitano des Schiffes Bibinautika, Erholung und Entspannung nach dem letzten Abenteuer brauchte. Aber nicht nur er, die ganze Mannschaft der Bibinautika war süchtig nach solch altertümlicher Unterhaltung.

Alte Ansicht der Salzsiederstadt Halle im Mittelalter.

Bei seiner Suche stieß Buddha auf Berge von Filmrollen, Wagenladungen an "Büchern zum Film" und Videos. Um einmal etwas Abwechslung zu bieten, wählte er unter anderem auch einige zeitgenössische Dokumentarfilme und einen Historienfilm ( "Otto der Große - Zwischen Kaiserreich und Kirche" ) aus.

Besonders die Szene, als sich Adelheid, die Königin von Italien, mit bloßen Händen aus dem Gefängnis in die Freiheit ausgrub und sich in die schützenden Arme von Otto dem Großen flüchtete, ihr zärtlicher Augenaufschlag nach oben herauf zu dem starken Mann, das enttäuschte Antlitz des bösen Berengar und Ottos huldvoll nach unten auf Adelheids Décolleté gesenkter Blick, rief laute Begeisterungsstürme und Standing Ovations hervor. Aus diesem Filmabschnitt erwuchs das kollektive Bedürfnis der Mannschaft nach einer Reise in die Ottonenzeit. Nach fünfzehnmaligem Konsumieren der Liebesszene fühlten sich alle genug auf die bevorstehende Zeitreise vorbereitet.

"Die Programmierung ist kein Problem.", murmelte Gate und blickte kurz von seinen Börsenkursen hoch. Die intergalaktischen Weingummipreise stiegen gerade ins Übergalaktische, und in Gates Augen blinkte der 'Kaufen-Banner' gleich einer Supernova auf. "Als ob es wirklich so einfach wäre!", beschwerte sich Bonsania, die einige schmerzliche Erfahrungen mit Gates Programmierung gesammelt hatte - und nicht nur Bonsania. Nach einer Stunde, einigen bibicrewtypischen Pannen und seltsamen Farbanwandlungen des Schiffes gab Tolito den Befehl zum Aufbruch. Die Bibinautika sauste durch Raum und Zeit. Bonsania erntete durch ihre kleinen "Scherze", sprich schwindelerregende Übungsflugmanöver, einige sanfte Kommentare - wie zum Beispiel "Wenn du nicht sofort aufhörst, wirst du deine Körpergröße bald in Minuszahlen angeben müssen!"; doch ansonsten lief alles gut wie immer.

Außerhalb der Tore der Burg "Giebichenstein" war ein buntes Treiben. Es war Markttag. Händler hatten sich versammelt und priesen ihre Waren laut an. Die Käufer schoben sich langsam an den einzelnen Buden vorbei, dankbar über die ersten wärmenden Sonnenstrahlen dieses zeitigen Frühlings und halb betäubt von dem Geschrei und Gelärm der Krämer, Bauern, Händler und Straßenmusikanten. Zugegeben, die Bauern überwogen, und dennoch war heute mehr los, als man es sonst gewohnt war. Alle Menschen waren in Aufruhr, denn in den vergangenen Tagen hatten die Slawen bei einem ihrer unzähligen Raubzüge wieder für hohe Verluste unter den Truppen des Markgrafen Gero gesorgt. Murrend und schimpfend erzählten sich die Bauersfrauen, wie viele Männer der Familie jetzt in der Wirtschaft fehlten. Die ständige Anwerbung neuer Soldaten und die untragbaren Abgabenforderungen riefen nur Unmut hervor. Sätze wie: "Gero nimmt uns mehr, als die Barbaren es täten.", waren von überall zu hören. Und wie konnte König Otto das Handeln Geros nicht nur billigen, sondern auch unterstützen? Es war eine Zeit der Fragen und Unruhen angebrochen, und viele Stimmen riefen nach Heinrich, dem Bruder des Königs, der sich gern bereiterklärte, Otto zu stürzen und selbst die Herrschaft zu übernehmen.

Mischa macht erst einmal eine Pause

Irgendwo im dichten Gehölz am Fuße des Ochsenberges begann urplötzlich ein lautes Knacken und Knirschen; ein lauter Aufschrei und ein endgültiges Plumpsen beendeten das seltsame Geschehen genauso abrupt, wie es angefangen hatte - Die Bibinauntika war soeben im anno Domini 941 gelandet, nun schloss sich das Zeittor und das Schiff nahm Gestalt und Farbe eines Porphyrfelsen an. "Ausgezeichnete Tarnung!", meinte Phille, "Ich hoffe, sie behält das bei und verwandelt sich nicht zwischendurch in einen Lolli!" "Gute Idee", dachte die Bibinautika, "Ich werde es erwägen." Langsam sickerte bei der gesamten Crew durch, dass sie da waren. Buddha kam mit einem Korb voller Kleidungsstücke auf die Brücke. "Ist Karneval, oder was ist los?", murrte Caro misstrauisch. "Anziehen!", kommandierte der Capitano. Bonsania stürzte sich als erste los. "Endlich mal Sachen, die mir gleich passen.", freute sie sich, bis sie nach vergeblicher Suche feststellte, dass es keine Unterhosen gab. "Sieh es doch positiv: so frei hast du dich bestimmt noch nie gefühlt.", murmelte Hanna, die aber insgeheim nur daran dachte, dass sie ab jetzt seltener die Bibinautika zum Waschautomaten-Produzieren überreden musste - das Schiff hielt nicht viel von "häuslichen" Pflichten. Wenig später hatte jeder etwas an, kaum verwunderlich, denn es handelte sich pro Person meist nur um ein, zwei "Fetzen", wie Gate ärgerlich bemerkte. Die Jungen bekamen letztendlich noch einen wollenen Mantel und die Mädchen ein einfaches Überkleid, das von zwei bronzenen Scheibenfibeln zusammengehalten wurde.

"Hyyaaa!", rief die lebende Schaufel, während alle Besatzungsmitglieder nach draußen strömten. Kurz darauf strömten alle wieder hinein, denn es war trotz der hellen Sonne bitterkalt. Die ganze Besatzung schrieb sofort einen Beschwerdebrief an den Kleiderlieferanten, dann erwog man die Eigenproduktion von warmer Winterkleidung, denn eine Gerichtsverhandlung hätte eine Reise in die Zukunft erfordert. Neu angezogen verließ die Crew, inzwischen mit etwas gekühlteren Gemütern, das Schiff, um die Umgebung näher zu erkunden.

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